Blind für die Umwelt Multitasking überfordert Kinder

Sind Kinder mit etwas beschäftigt, nehmen sie nichts anderes mehr wahr. Diese Art von Blindheit verschwindet überraschend langsam, wie ein Experiment jetzt zeigt. Selbst Jugendliche haben noch den Tunnelblick.

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Kinder im Straßenverkehr: Oft nehmen sie ihre Umwelt kaum wahr
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Kinder im Straßenverkehr: Oft nehmen sie ihre Umwelt kaum wahr


Kinder leben in ihrer eigenen Welt. Sie hören nur, was sie hören wollen. Sie sehen nur, was sie gerade interessiert. Dass nicht nur Trotzköpfe zu diesem Verhalten neigen, hat die Psychologin Nilli Lavie vom Institut für kognitive Neurowissenschaften am University College in London herausgefunden. Sogar Jugendliche bis zum Alter von 14 Jahren leiden an dieser speziellen Form von Blindheit, so das Ergebnis ihrer Studie.

Die Forscherin bat 200 Besucher des Wissenschaftsmuseums in London zu ihrem Experiment. Erwachsene sowie Kinder zwischen 7 und 14 Jahren setzten sich vor einen Bildschirm, auf dem ein großes schwarzes Kreuz erschien, das sich ständig veränderte. Später kam ein Quadrat hinzu. Die Frage war: Nehmen die Kinder das Quadrat wahr, während sie sich auf das Kreuz konzentrieren? Und gelingt den Erwachsenen diese Aufgabe besser?

Die Probanden sollten prüfen, ob die senkrechte Linie des Kreuzes kürzer oder länger ist als die waagerechte. Den Schwierigkeitsgrad des Tests erhöhten die Forscher allmählich, indem sie den Längenunterschied zwischen der waagerechten und senkrechten Linie verringerten.

Bis zu 90 Prozent der Kinder blieben blind für das Quadrat

"Bei den Kindern betrug auch bei den schwierigen Aufgaben der Unterschied in der Länge noch drei Zentimeter", sagt Lavie. Bei den Erwachsenen dagegen fielen die Unterschiede im anspruchsvollen Teil des Tests sehr viel kleiner aus, weil sie die Linienlängen besser unterscheiden können. Nur so konnte Lavie sicher sein, dass die Erwachsenen ebenso viel Aufmerksamkeit wie die Kinder aufbringen mussten. Und nur so konnte sie beobachten, wie viel Kinder und Erwachsene von ihrer Umgebung wahrnehmen, wenn sie sich auf leichte oder mittelschwere Aufgaben konzentrieren.

Im Laufe der Tests ließ die Wissenschaftlerin ein kleines schwarzes Quadrat auf dem Bildschirm erscheinen. Bei der leichten Aufgabe übersahen 70 Prozent der Sieben- und Achtjährigen das Quadrat, bei der etwas schwereren Aufgabe waren es sogar mehr als 90 Prozent. Selbst bei den 14-Jährigen war die Wahrnehmung der Umgebung stark eingeschränkt - im Vergleich zu den Erwachsenen. Vor allem, wenn die Aufgabe etwas erschwert wurde, fielen die Unterschiede zwischen den Teenagern und Erwachsenen deutlich aus. "Das hat uns überrascht", sagt Lavie.

Wahrnehmungsfähigkeit sogar noch bei Jugendlichen begrenzt

Zwar war den Wissenschaftlern bereits bekannt, dass Kinder an der sogenannten Unaufmerksamkeitsblindheit leiden, dass sie also einen Großteil ihrer Umgebung ausblenden, wenn sie sich mit etwas beschäftigen. Auch unter Erwachsenen ist der Effekt gut dokumentiert. 2004 haben Forscher gar den satirischen "Ig-Nobel-Preis" für den Beweis bekommen, dass man sogar Männer in Gorillakostümen übersieht, wenn man sich auf etwas konzentriert.

Doch hatte bislang noch niemand untersucht, wie sich diese Blindheit im Laufe der Jahre bis ins Erwachsenenalter hin verändert. "Wir wissen nun, dass bis zum Alter von 14 Jahren die Wahrnehmung der Umgebung sehr eingeschränkt sein kann", sagt Lavie. Daher sei zum Beispiel im Straßenverkehr Vorsicht geboten: "Wir sollten die Wahrnehmungsfähigkeit von Jugendlichen nicht überschätzen."

Wie der Lichtkegel einer Taschenlampe leuchtet unser Gehirn den Bereich des Sehfelds aus, auf den wir uns gerade konzentrieren. Alles andere bleibt im Halbdunkeln. Und der Stirnlappen des Gehirns bestimmt, wo der Lichtkegel hinfällt und wie breit er ist. "Kinder neigen dabei ganz besonders zum Tunnelblick, nehmen also besonders wenig wahr außerhalb dieses Aufmerksamkeitsfokus", sagt Stefan Treue, Leiter der Abteilung Kognitive Neurowissenschaften am Deutschen Primatenzentrum und an der Universität Göttingen.

Während in den ersten Lebensjahren die Nervenzellen bereits ausreifen und sich die Nervenverbindungen zwischen Sehnerv und Großhirnrinde verfeinern, finden im Laufe der Pubertät im Stirnlappen noch mächtige Umbauprozesse statt. "Dazu passen die Ergebnisse der aktuellen Studie sehr gut", sagt Treue.



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insgesamt 22 Beiträge
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nfil 14.08.2014
1. Tunnelblick
Den habe ich auch mit 46 Jahren noch. Volle Konzentration blendet bei mir alles Andere aus. Bin schon oefter nach der Arbeit zuhause angekommen - in Arbeits- oder sonstigen Gedanken vertieft - und konnte mich nicht an die gerade absolviert Heimfahrt erinnern. Ohne "muscle memory" ginge bei mir gar nichts.
großwolke 14.08.2014
2.
Schönes Experiment, leider unvollständig. Schön wäre auch, das für das andere Ende der Altersskala zu untersuchen. Ich habe, wenn ich mich recht erinnere, in einem SPIEGEL-TV-Beitrag zum Thema Rentnerfahrtüchtigkeit, mal ein Experiment mit Rentnern im Fahrsimulator gesehen, die darauf schließen lassen, das auch im erhöhten Alter die Verarbeitungsfähigkeit für mehrere gleichzeitige Reize nicht mehr so ganz auf der Höhe ist. Wäre interessant, das auch mal mit so einer relativ einfachen Übung untersucht zu sehen.
laurent1307 14.08.2014
3. Faszinierend!
Jetzt weiß ich endlich warum die bei Raumschiff Enterprise immer ein 'faszinierend' zu jeder Gelegenheit abgelassen hat. Weil der Mensch der Zukunft immer dümmer wird. Auswirkungen kann man tagtäglich jetzt schon - nicht nur bei Kindern - beobachten! Einen Tunnelblick haben auch immer mehr Menschen jeglichen Alters, weil sie mit Kopfhören, groß wie Micky Mausohren den Straßenverkehr ausblenden, viele werden beim Laufen in der Stadt geradezu ins Display ihres Smartphones hineingezogen und Interaktionen mit Mitmenschen damit gleich präventiv ausgeschlossen. Einfache Dinge des Lebens, wie Umgangsformen, Regeln und Gesetze die das Miteinander in einer Gesellschaft am Laufen halten, werden zugunsten der eigenen Selbstverwirklichung mißachtet! Und Kinder ahmen nach! Von wegen Tunnelblick bei Kindern, diese Gesellschaft kriegt immer mehr Tunnelblick!!
cbhb 14.08.2014
4. Erholsam!
Wieso wird das völlige Vertieftsein in eine Sache hier wie ein "Defekt" dargestellt? Ist nicht das ständige, oberflächliche Herumflackern der Aufmerksamkeit, das wir als Erwachsene so oft praktizieren, viel eher ein Problem? Nun ja, der Strassenverkehr ist da tatsächlich ein Erzieher, aber man kann doch an sich selber beobachten, wie richtiggehend erholsam es ist wenn man dann mal einfach im Park gehen kann, in einem verkehrsfreien Stadtzentrum...: Einfach mal nicht ständig damit rechnen müssen dass einen jetzt gleich jemand überfährt! Kurz: Wir sollten von den Kindern die Fähigkeit zur wirklich vollen Konzentration lieber wieder lernen anstatt sie umgekehrt den Kindern auszutreiben!
SchlabberPlapper 14.08.2014
5. Ich find's klasse
... dass jetzt wieder mal von Wissenschaftlern was festgestellt wurde, was jeder weiss, der Kinder hat. Genau so habe ich vor kurzem von einer Studie gelesen, in der wurde festgestellt, dass Muttermilch das beste für's Baby ist. Häääääääää? Und letzteres von meinen Steuergeldern! Auch finde ich es auch seltsam, dass das hier so negativ( cbhb schrieb "Defekt" ) rüberkommt. Das ist bei Kindern eben so. Da sind wir als Eltern in der Pflicht aufzupassen. Es ist auch gut so. Grade in den Medien ist alles schnell, hektisch, kunterbunt. Da finde ich es gut, wenn Kinder abschalten können beim malen, puzzeln usw. Es ist auch eine gute Übung für die Schule. Dort müssen sie sich dann eine dreiviertel Stunde am Stück konzentrieren. Lt meiner Erfahrung fällt das vielen sehr schwer. Im TV, auch auf den besseren Kindersendern kommt ja zunehmend nur noch Müll. Warscheinlich ist dieser Müll wesentlich billiger, als gute Sachen. Zum Glück gibts youtube. Da kann man sich gute Sachen raussuchen. Meine Erfahrung ist auch, dass die Kinder dieses Abschalten brauchen, um sich selbst runter zu fahren. Und wie gesagt zB im Strassenverkehr sind wir als Eltern in der Pflicht aufzupassen und den Kindern das selbst aufpassen beizubringen.
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