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Verzerrte Studien: Die Illusion von den wertvollen Twitter- und Facebook-Daten

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Kovalev Andrey / Colourbox

Netzwerke im Fokus: Wie belastbar sind die Daten?

Daten von Facebook oder Twitter enthüllen das Denken und Verhalten der Nutzer - das zumindest suggerieren zahlreiche Studien. Jetzt aber kritisieren Forscher den naiven Glauben an Daten aus sozialen Medien.

Wenn ein Filmstudio wissen will, wie gut sein neuer Film beim Publikum ankommt, befragt es nicht mehr unbedingt die Zuschauer. Es lässt stattdessen Tweets und Facebook-Postings durchforsten. Die Daten von Social-Media-Plattformen gelten als Seismograph für das Denken und Fühlen der Menschen. Postings können sogar die eigene Stimmung beeinflussen, wie jüngst ein von Facebook durchgeführtes Experiment gezeigt hat, über das vorab niemand informiert wurde.

Nun aber warnen zwei Forscher im Fachblatt "Science" vor einer allzu naiven Nutzung solcher Daten. Diese seien oft nicht repräsentativ, verzerrt und wegen diverser Einschränkungen der Social-Media- Plattformen ungenau, schreiben Jürgen Pfeffer von der Carnegie Mellon University und sein Kollege Derek Ruths.

"Alle Studien, die auf Daten aus sozialen Netzwerken basieren, sind in irgendeiner Art von diesen Problemen betroffen", sagt Pfeffer. Die meisten dieser Probleme seien nicht einmal neu. Man kenne sie aus Meinungsumfragen und Wahlprognosen. Viele der Social-Media-Studien würden jedoch von Nicht-Sozialwissenschaftlern durchgeführt, denen die nötige Grundskepsis fehle.

Vier Punkte halten Ruths und Pfeffer für besonders problematisch:

  • Jede Social-Media-Plattform hat ihre ganz spezielle Nutzerschaft. Pinterest etwa wird vor allem von Frauen zwischen 25 und 34 genutzt. Dies verzerre die Ergebnisse.
  • Öffentlich zugängliche Daten der Social-Media-Plattformen sind nicht immer ein vollständiges Abbild aller Daten einer Plattform. Forschern stünden oft nur gefilterte und zusammengefasste Informationen zur Verfügung.
  • Aufbau und Nutzerschnittstellen beeinflussen das Verhalten der Nutzer. Bei Facebook beispielsweise gibt es keinen "Gefällt mir nicht"-Button.
  • Eine Vielzahl von Spammern und Bots verfälschen die Daten. Ob hinter allen Accounts echte Nutzer, programmierte Bots oder PR-Agenturen stecken, lässt sich kaum herausfinden.

Dirk Helbing von der ETH Zürich, der an dem "Science"-Beitrag nicht mitgearbeitet hat, sieht die Flut an Social-Media-Studien ähnlich kritisch: "Ein generelles Problem ist die fehlende Reproduzierbarkeit." Diese entstehe unter anderem, weil die Daten oft nicht frei verfügbar seien und sich der Datensatz permanent verändere. "Man kann da viel behaupten und wenig überprüfen", meint Helbing.

Methoden aus Meinungsforschung könnten helfen

Besonders problematisch sei, dass Unternehmen wie Geheimdienste solche Analysen praktisch täglich durchführten. Das Ganze finde hinter verschlossenen Türen statt - ohne ausreichenden öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs. "Wie solide sind dann diese Schlussfolgerungen?", fragt Helbing. "Wenn jemand aufgrund solch einer Analyse kein Flugzeug mehr besteigen darf oder keinen Kredit bekommt, ist das nicht lustig."

Pfeffer hält zumindest das Problem der verzerrten Daten für lösbar. "Viele Verfahren und Ansätze wurden in der Meinungsforschung entwickelt, um das ein wenig besser in den Griff zu bekommen." Man werde ähnliche qualitätssteigernde Verfahren auch in der Analyse von Social-Media-Daten in den kommenden Jahren sehen. Ein erfolgsversprechender Ansatz sei beispielsweise, Daten aus sozialen Medien mit anderen zu verbinden und nicht nur alleinstehend zu betrachten.

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1. Spielverderber!
wo_st 28.11.2014
Einfach so hingehen und behaupten,dass die schöne neue Datenpakete nicht viel hergeben, das ist gemein. Jetzt haben einige Firmen einen immensen Verlust ihres Wertes, der nur auf globalisierten Daten basierte. Sei es drum, ich habe nie daran geglaubt.
2. Lügen werden nicht überprüft
Olaf53 28.11.2014
Bei Facebook darf man ungestraft lügen. Da ich 15 POP-Adressen habe, kann ich mich mehrfach anmelden. Einmal gab ich mich als türkischen Studenten aus, obwohl ich niemals in der Türkei studiert habe. Das Account existiert heute noch und hat nur einen Nachteil. Jetzt schreiben mir User auf Türkisch, wobei ich diese Sprache nicht einmal verstehe. Soviel zur Aussagekraft der Daten...
3. Kursdifferenzmüllgewinne und Datenwertstoffmüllhaufen
wladimir.andropowitsch 28.11.2014
Es ist in der Folge der geistig-moralischen Wende des Jahres 1982 erfolgreich gelungen, die Menschen hier in diesem Neuen Deutschland wieder mit jenem Trick ihre Rücklagen aus den Taschen zu ziehen, wie es schon die Weber im Märchen von des Kaisers Neuen Kleider erzählt worden war. Gier frisst Gehirn. Und das den Regisseuren der Neuen Sozialen Marktwirtschaft inzwischen mit allen Instrumenten der Propaganda, Agitation, Desinformation und Tatsachenklitterung sehr erfolgreich gelungen ist, den Menschen hier und anderwo ein X für ein U vorzumachen, wird dieser heutige Wunderglaube mit einam jähen, gewaltig lauten Knall in unendlich viele, winzig kleine und ziemlich große Enttäuschungskrümel und -brocken zerplatzen. Essen kommt von arbeiten. Aber Arbeit in dem Sinne, wie sie von Walter Eucken, Alfred Müller-Armack und Ludwig Erhard definiert worden war. Und nur diese Form der organisierten Mehrwertschöpfungsproduktionswirtschaft kann "Geld" schaffen, währen die Finanzspekulations- und -anlagenbetrugswirtschaft lediglich Altvermögen konsumieren muss, damit der heute real-existierende Kannibalkapitalismus noch möglichst lange die Knochen der Bevölkerungsmehrheit blank fressen kann.
4. Natürlich nicht repräsentativ
realist4 28.11.2014
Meine Frau nutzt facebook und klickt oft den gefällt mir Button an, nur um nett zu sein, obwohl ihr der Beitrag manchmal misfällt oder egal ist. Jeder weiss oder hat schon davon gehört, dass sich die Menschen im Internet besonders gut darstellen wollen. Ähnliches passiert mit diesen shit strorms, ein paar hundert oder tausend empören sich über eine Nichtigkeit und das wird dann verallgemeinert obwohl die schweigende Mehrzahl weit überwiegt.
5. Klingt sehr plausibel...
damic 28.11.2014
... Und keine gute Nachricht für den Meiner Meinung nach überbewerten Aktien - Wert des Unternehmens Facebook. Punkt 5 und ein Mitgrund, warum ich FB abgeschaltet habe: gefällschte 'likes' für Produkte, welche Nicht von Einzelpersonen geklickt werden, sondern offensichtlich von FB selbst. Habe aus interesse mal FB freunde gefragt, ob Sie z.b. Gerade ein Orangensaftprodukt geliked haben und die Antwort war nein.
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