U-Boot-Wracks vor US-Küste Tauchgang zu Hitlers Torpedo-Falle

Vor der US-Ostküste lauerte 1942 eine tödliche Gefahr: Deutsche U-Boote schossen binnen weniger Wochen Hunderte Schiffe auf den Meeresgrund. Jetzt soll das Schlachtfeld zum Unterwassermuseum für Taucher werden - und an ein fast vergessenes Kapitel der Kriegsgeschichte erinnern.

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Die vierte Feindfahrt des U-85 war auch seine letzte. Am 10. April 1942 versenkte das deutsche U-Boot noch das norwegische Schiff "Chr. Knudsen" unweit der Küste vor New York. 33 Menschen kamen ums Leben. Vier Tage später wandte sich das Schicksal. Der Zerstörer "USS Roper" erwischte das U-Boot auf der Wasseroberfläche, beschoss es mit Artillerie, versenkte es.

In den 66 Jahren, die seitdem vergangen sind, verwandelte sich U-85 auf dem Grund der Gewässer vor Cape Hatteras in North Carolina vom Kriegsschrott zu einem historischen Artefakt. Zu einem wertvollen noch dazu, denn es ist Zeugnis eines wenig bekannten Kapitels des Zweiten Weltkrieges: den Aktionen deutscher U-Boote direkt an der Türschwelle Amerikas. Doch wer ist zuständig für Schutz und Erhalt? Die deutsche Regierung, deren Eigentum das Boot ist? Die Amerikaner, vor deren Küste es liegt?

Seit dem Sommer dieses Jahres hat U-85 einen Paten gefunden. Die US-Wetter- und Ozeanbehörde NOAA kümmert sich nun um dieses und zwei weitere U-Boote, die in unmittelbarer Nähe liegen. "Unsere Aufgabe ist der Schutz der Ozeane", erklärt David Alberg, der das Schutzgebiet "Monitor National Marine Sanctuary" leitet. "Und die Wracks sind ein Teil davon."

Zunächst haben die Taucher der NOAA die Wracks kartiert und dokumentiert. Jetzt soll der fast vergessene Kriegsschauplatz wieder bekannter gemacht werden. "Das versuchen wir, indem wir unsere Ergebnisse veröffentlichen und Freizeittauchern vermitteln, dass sie nicht einfach zu irgendeinem Schiffswrack hinabtauchen", sagt Alberg. Die Gewässer um Cape Hatteras sollen wie ein Museum funktionieren - nur dass man beim Besuch einen Neoprenanzug trägt.

"Friedhof des Atlantiks"

Jim Bunch war 1978 einer der ersten, die das damals neu entdeckte Wrack besuchten. Tausendmal tauchte er seitdem hinab, er schrieb zwei Bücher über U-85. Er erinnert sich noch daran, wie er das Wrack zum ersten Mal vor sich sah: "Damals war die Hülle noch vollständig intakt, sogar einiges vom hölzernen Deck war noch da. Aber viel spannender als das Wrack an sich war die Tatsache, dass hier ein echtes Stück Geschichte auf dem Meeresboden lag. Ich wollte mehr wissen über dieses U-Boot." Heute berät Bunch die NOAA als Vertreter der Taucher. "Es sind viele geworden. Pro Woche tauchen jetzt etwa 30 Leute zu U-85", sagt Bunch SPIEGEL ONLINE.

Das geplante Unterwassermuseum vor Cape Hatteras hat noch jede Menge andere Ausstellungsstücke zu bieten. Das Meer hier ist so tückisch, dass der Grund gepflastert ist mit Wracks aller Epochen und Bauweisen. Von Norden kommt der kalte Labradorstrom, von Süden der warme Golfstrom. Vor dem Kap treffen sie aufeinander und verursachen wirbelnde Strömungen. Das Wetter ist oft unberechenbar, Hurrikane treffen immer wieder mit Wucht auf das Festland.

Das berühmteste Wrack ist das der "USS Monitor", nach der das Schutzgebiet benannt ist. Sie war das erste Panzerschiff der US-Marine, gebaut 1861 für den Einsatz gegen die Südstaaten im Bürgerkrieg. Das Monstrum hatte wenig gemein mit den damals üblichen Kriegsschiffen. Die Reling lag nur 46 Zentimeter über der Wasseroberfläche, Masten und andere hohe Aufbauten gab es nicht. Dafür war das Deck mit zweieinhalb Zentimeter starken schmiedeeisernen Platten verstärkt. Ihre Bauweise wurde der "Monitor" zum Verhängnis. Am 31. Dezember 1862 schlugen die hohen Wellen vor Cape Hatteras über dem flachen Deck zusammen und rissen das noch neue Schiff in die Tiefe.

Das Wrack des Geisterschiffs

Das wohl mysteriöseste Wrack in dem Schutzgebiet ist das der "Carroll A. Deering". Die Küstenwache fand den Fünfmaster im Morgengrauen des 31. Januar 1921 auf einer Sandbank. Alle Segel waren gesetzt. Die Rettungsboote fehlten, ebenso wie das Logbuch, technische Geräte und persönliche Gegenstände. Der Tisch für die Mannschaft war gedeckt, als wollten sich die Männer gerade zum Abendessen setzen. Doch von ihnen fehlt jede Spur - bis heute. Wurde die Mannschaft von Piraten gekidnappt? Von Rumschmugglern getötet und ins Meer geworfen? Oder meuterten die Männer, um dann mit den Beibooten auf Nimmerwiedersehen in ein neues Leben zu verschwinden?

Unter Seeleuten ist die Region als "Friedhof des Atlantiks" verrufen. 1942 kam eine neue Todesgefahr hinzu: deutsche U-Boote. Am 11. Dezember 1941 erklärte Adolf Hitler den USA den Krieg. Eine Woche später schickte Karl Dönitz, Befehlshaber der U-Boot-Flotte, die ersten Langstrecken-Boote auf den Weg zum neuen Kriegsgegner.

Böse Überraschung für die US-Marine

Mit diesem Unternehmen - Codename "Paukenschlag" - hatte in den USA niemand gerechnet. Alle verfügbaren Kriegsschiffe der U.S. Navy waren im Pazifikkrieg gegen Japan und in den Gewässern um Europa im Einsatz. Entlang der Küste zwischen Maryland und North Carolina aber patrouillierte nur ein einziges Schiff - die "Dione", zu Zeiten der Prohibition gebaut, um Alkoholschmuggler zu jagen.

Die US-Handelsschiffe hielten weder eine Verdunkelung für notwendig, noch fuhren sie Zickzackkurse, um Torpedotreffer zu erschweren. Hell beleuchtet und geradlinig fuhren sie den deutschen U-Booten direkt vor die Torpedorohre. Dönitz' Unternehmen machte seinem Namen alle Ehre. Der "Paukenschlag" traf die US-Handelsflotte mit verheerender Härte. Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 1942 versenkten die deutschen U-Boote 397 Schiffe mit über zwei Millionen Bruttoregistertonnen und rund 5000 Mann Besatzung.

Ein Brennpunkt des Unternehmens war Cape Hatteras, wo das Zusammentreffen der beiden Meeresströmungen nur einen engen Korridor für die Küstenschifffahrt offen lässt. Bald schon hieß das Gebiet unter Kapitänen nur noch "Torpedo Junction". Man sagt, die Tanker brannten so hell, dass man bei Neumond am Strand die Zeitung lesen konnte.

"USS Roper" beendete die freie Jagd

Die Navy reagierte nur langsam. Erst im April 1942, nach fast vier Monaten ununterbrochener Angriffe, traf die "USS Roper" vor Cape Hatteras auf U-85. Der Zerstörer eröffnete das Feuer auf das aufgetauchte U-Boot und erzielte mehrere Treffer. Elf Wasserbomben schickten U-85 schließlich auf den Meeresgrund. Niemand von der rund 40-köpfigen Besatzung überlebte.

Andere deutsche Boote folgten U-85 schon kurz danach. Am 9. Mai 1942 wurde U-352 vom Geleitzerstörer "USS Icarus" versenkt. Am 7. Juli erwischte es U-701: Ein Flugzeug überraschte das aufgetauchte Boot und erzielte zwei Treffer. Zwar warf der Pilot ein Floß für die 17 Überlebenden ab, doch nur sieben von ihnen konnten zwei Tage später gerettet werden.

Eine Woche zuvor hatte U-701 die "SS William Rockefeller" versenkt, mit rund 14.000 Bruttoregistertonnen einer der damals größten Tanker der Welt. Es war das größte Schiff, das im Zweiten Weltkrieg vor der Küste North Carolinas verloren ging.

Im Sommer 1942 ging für die deutschen U-Boote die Zeit der ungestörten Jagd vor der US-Ostküste zu Ende. Frachtschiffe fuhren fortan auch entlang der Küste nur noch im bewachten Konvoi. Zwar schickte Dönitz noch bis zu den letzten Kriegstagen U-Boote nach Amerika. Doch so leicht wie ihre Vorgänger hatten sie es nie wieder.

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