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Über 6,6 Ecken: Das Jeder-kennt-jeden-Gesetz

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Über 30 Milliarden Instant Messages wurden ausgewertet. Am Ende stand die verblüffende Erkenntnis: Es gibt tatsächlich ein Grundgesetz für soziale Netzwerke. Jeder kennt jeden über 6,6 Ecken - wie von einem US-Psychologen schon vor Jahrzehnten postuliert.

Dass die Welt ein Dorf ist, muss eigentlich nicht mehr bewiesen werden. Warum sollte man sonst einen Schulfreund in einer kleinen Kneipe auf einer Karibikinsel treffen, den man seit mehr als 20 Jahren nicht gesehen hat? Netzwerk-Theoretiker sprechen vom sogenannten Kleine-Welt-Phänomen. Der 1967 vom amerikanischen Psychologen Stanley Milgram geprägte Begriff besagt, dass jeder Mensch jeden beliebigen anderen Menschen über durchschnittlich sechs Ecken kennt.

Menschenmenge: 48 Prozent aller Personen können über sechs Stationen erreicht werden
Corbis

Menschenmenge: 48 Prozent aller Personen können über sechs Stationen erreicht werden

Milgrams These stand allerdings jahrzehntelang auf wackeligem Fundament, denn sie beruhte auf einem verblüffend kleinen und noch dazu mangelhaftem Experiment: Der Forscher hatten 296 Personen gebeten, einen Brief an eine ihnen unbekannte Person zu senden. Sie sollten ihn einfach an den Bekannten schicken, von dem sie glaubten, dass er den Empfänger kennen könnte. Nur 64 der ursprünglich 296 Sendungen erreichten ihr Ziel. Die Ketten, die zum Empfänger führten, hatten eine mittlere Länge von sechs Personen.

Das Experiment wurde zu Recht kritisiert, vor allem, weil nur ein geringer Teil der Ketten überhaupt bis zum Empfänger führte. Auch die Tatsache, dass die Beteiligten den Brief an eine ausgewählte Person schicken sollten, dürfte das Ergebnis verfälscht haben. Womöglich kannte ja ein anderer Bekannter die Zielperson? Oder zumindest ihren Bruder? Nichtsdestotrotz: Das Kleine-Welt-Phänomen war geboren - und es beschäftigt Forscher bis heute.

Das Grundgesetz menschlicher Netzwerke

Erstaunlicherweise haben Studien in den vergangenen Jahren die Zahl von sechs bis sieben bestätigt, die Milgram 1967 bei seinem simplen Experiment entdeckt hatte. Handelt es sich um eine Art Naturkonstante? Über sechs, sieben Ecken kennt jeder Mensch jeden - das Grundgesetz menschlicher Netzwerke?

Den jüngsten und umfassendsten Beleg für diese These haben Jure Leskovec von der Carnegie Mellon University und Eric Horvitz von Microsoft Research geliefert. Die beiden hoben einen Datenschatz, wie ihn nur das weltumspannende Internet ermöglicht. Sie analysierten die Verbindungen von 240 Millionen Instant-Messenger-Accounts im Juni 2006. 30 Milliarden Einzelverbindungen umfassen die Protokolle, das nach Aussagen der Forscher größte je analysierte soziale Netzwerk.

Ergebnis: Durchschnittlich 6,6 Personen lang ist die Kette, die zwei Menschen verbindet. In Einzelfällen kann der Weg von einer Person zu nächsten aber deutlich länger sein. Bis auf 29 Stationen kamen die Forscher bei der Auswertung der Datenberge. 48 Prozent aller Empfänger können über sechs Stationen erreicht werden, über sieben Personen sind es 78 Prozent der Instant-Messenger-Nutzer. Die vollständige Studie kann auf Archive.org heruntergeladen werden.

Kontaktfreudige Superspreader

Horvitz zeigte sich vom Ergebnis der Studie "ziemlich schockiert", wie er der "Washington Post" sagte. "Was wir herausgefunden haben, spricht dafür, dass es eine soziale Verbindungskonstante für Menschen gibt."

Zu einem ähnlichen Ergebnis waren 2003 Forscher der Columbia University in New York gekommen, vorgestellt wurde die Studie in "Science". Duncan Watts und seine Kollegen hatten 61.184 Freiwillige aus 166 Ländern aufgefordert, E-Mails an 18 Zielpersonen aus 13 Ländern zu schreiben. Auch bei diesem Experiment sollten die Teilnehmer jene Bekannten kontaktieren, von denen sie glaubten, dass sie der Zielperson nahe stehen könnten. So entstanden 24.163 Kommunikationsketten, von denen allerdings nur 384 zu einem der vorgegebenen Empfänger führten. Das Team von Watts kam zu dem Schluss, dass fünf bis sieben Station zu einer gewünschten Person führen.

Die Analyse menschlicher Netzwerke hat übrigens nicht nur zum Kleine-Welt-Phänomen geführt, sondern auch interessante Ungleichverteilungen zutage gebracht. Es gibt Menschen, die nur wenige Kontakte pflegen und es gibt jenen Hans Dampf in allen Gassen, der einfach alles und jeden kennt. Diese sogenannten Superspreader sind es, die Knoten mit besonders vielen Verbindungen im Netz bilden. Sie sind entscheidend, um Nachrichten zu verbreiten, aber auch ansteckende Viren. Forscher wollen dies sogar gezielt ausnutzen, um Epidemien zu verhindern.

Denn wie bereits gesagt: Über sechs Ecken kommt der Erreger zu jedem.

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