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29. November 2008, 15:16 Uhr

Überforderte Gesellschaftsforscher

Auf dem Müllhaufen der Geschichte

Von Harald Welzer

Staaten entstehen und zerfallen, der Sozialismus stirbt, der Kapitalismus kriselt - und die Wissenschaft findet keine rechte Erklärung. Die Umbrüche der letzten Jahrzehnte zeigen das Versagen von Soziologie und Politologie. Pseudoforscher und Fundamentalisten profitieren, ein gefährlicher Trend.

Eine so dichte Abfolge drastischer und rapider gesellschaftlicher Wandlungsprozesse hatte es in der Geschichte noch nie zuvor gegeben! Auf die russische Revolution 1917 folgte das Experiment der Weimarer Republik, die von der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 abgelöst wurde. Revolutionen erschütterten in den 1960er und 1970er Jahren Südamerika. Die Welt schien sich im Kalten Krieg in einem Gefüge von Machtblöcken einzurichten, das sich 1989 mit dem Kollaps der Sowjetunion verflüchtigte. Als eine Folge davon zerbrach Jugoslawien nur zwei Jahre danach.

Mancher dieser Prozesse bahnte sich innerhalb weniger Monate an und wirbelte doch die internationale Staatengemeinschaft durcheinander. Erstaunlicherweise verfügen weder Soziologie noch Politologie oder Geschichtswissenschaft über eine Theorie oder auch nur über Konzepte zur Beschreibung und Erklärung solcher sich selbst dynamisierender Gesellschaftsprozesse - obwohl jeder, der in diesen Wissenschaften arbeitet, dergleichen mindestens einmal selbst beobachten konnte.

Ohne eine adäquate Theorie aber gibt es keine Möglichkeit, solche Phänomene wahrzunehmen, zu analysieren und gegebenenfalls zu steuern. Vor diesem Hintergrund ist es symptomatisch, dass Experten in Westeuropa nach 1989 zwar die osteuropäischen Länder sogleich als "Transformationsgesellschaften" bezeichneten, diesen Begriff aber nicht auf die Situation ihrer eigenen Staaten anwenden. Offenbar sehen sie nicht, wie massiv insbesondere der Zusammenbruch des Ostblocks den Westen verändert. Ganz zu schweigen von noch kaum abzusehenden Entwicklungen, die der Wirtschaftsboom agiler "Schwellenländer", allen voran China und Indien, derzeit in Gang setzt.

Wie notwendig eine theoretische Durchdringung dieser Phänomene wäre, lässt sich leicht zeigen: Bedenkt man die Geschwindigkeit, mit der Bürgerkrieg, ethnische Säuberungen und Massenerschießungen das zersplitternde Jugoslawien erschütterten, hält man sich das Tempo vor Augen, in dem die deutsche Gesellschaft 1933 auf die nationalsozialistische Linie einschwenkte, scheint es um die Stabilität moderner Gesellschaften, um ihre institutionellen Sicherungssysteme und das psychosoziale Binnengefüge nicht sehr gut bestellt. Beunruhigende Meldungen zu diesem Thema gibt es genug: So ermittelte die Friedrich-Ebert-Stiftung dieser Tage, dass jeder dritte Bundesbürger der demokratischen Staatsform nicht mehr zutraue, die Probleme unserer Zeit zu lösen.

Es sind eben nicht abstrakte Kategorien wie "Gesellschaft" und "Herrschaftsformen", die auf reale oder nur gefühlte Probleme reagieren. Vielmehr zeigt das 20. Jahrhundert, dass sich die Menschen, die diese Gesellschaften bilden und ihre Herrschaftsformen leben, in ihren moralischen Orientierungen, in ihren Werten, in ihren Identifikationen und auch in ihrem zwischenmenschlichen Handeln überraschend schnell neu justieren können. "Moralische Umformatierungen" erfolgen insbesondere dann, wenn Gefährdungen das eigene Handeln einzuengen drohen oder wenn rasche Entscheidungen gefordert scheinen, um einer Gegenseite zuvorzukommen. Dieser Dynamik, diesem Strudel aus Wahrnehmungen und Verpflichtungen vermögen sich auch jene nicht zu entziehen, die neuen Entwicklungen zunächst distanziert gegenüberstehen.

Es gilt also, in den Sozial-, Politik- und Kulturwissenschaften viel mehr Energie in die Entwicklung von Szenarien zu investieren. Dabei müssen wir, wie es etwa die Global-Change-Forschung versucht, mentale Faktoren - etwa Wertvorstellungen oder kulturelle Reaktionsmuster - ebenso berücksichtigen wie wirtschaftliche und technologische Prozesse. Das ist ein komplexes Unterfangen, durchaus den Szenarienmodellen moderner Klimaforschung vergleichbar. Insbesondere gilt es, eine grundlegende Schwäche heutiger Gesellschaftstheorien zu beheben: Sie denken Entwicklung immer nach vorn. Aber kulturelle Tradierung - nachfolgende Generationen nutzen Kenntnisse und Techniken ihrer Vorgänger - bringen es leider mit sich, dass nicht nur evolutionär erfolgreiche Strategien, sondern auch Fehler im Rahmen sozialer Co-Evolution überliefert werden. Mit anderen Worten, kurzfristiger Erfolg kann mittelfristig zum Desaster werden.

Zum Beispiel beruht die atemberaubende Erhöhung der Lebenserwartung und des Lebensstandards im Westen insbesondere auf der Ausbeutung von Ressourcen und permanentem Wirtschaftswachstum. Wenn alle Gesellschaften dieser Welt in den Sog der industriellen Moderne gezogen werden, erreicht dieses Prinzip der Wohlstandsmehrung sehr schnell eine natürliche Grenze. Aber Menschen sind psychisch so beschaffen, dass sie lediglich abrupte Veränderungen der Lebenswelt registrieren, schleichende hingegen übersehen. Der Soziologe Norbert Elias hat diese Trägheit als "Nachhinken des Habitus hinter der Fortentwicklung der Wirklichkeit" bezeichnet. Genau dieses Nachhinken verhindert, dass die Veränderung unserer Wahrnehmung mit der sozialen Transformation Schritt hält. Wir sind, was wir gestern über uns geglaubt haben, schrieb der Philosoph Günter Anders dazu und führt dies auf den generationenlangen Glauben an einen automatischen Aufstieg der Geschichte zurück. Damit ist zugleich ein theoretisches Problem der Kulturwissenschaftler beschrieben, denen es erstaunlich schwer fällt, sich Welten vorzustellen, die anders sind als die, die sie bereits kennen. Was unter anderem daran liegt, dass es ja erst die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsform war, die ihre Disziplinen hervorgebracht hat.

Welchen völkerrechtlichen Status haben Asylanten, deren Herkunftsland nicht mehr existiert?

Schauen wir uns nun einige aktuelle Vorgänge an, deren Dimension wir gegenwärtig noch so wenig erfassen wie ihre Folgen für das künftige Überleben, die aber gerade deswegen dringend einer theoretischen Durchdringung bedürfen. Es handelt sich dabei keineswegs um Erscheinungen, die bislang verborgen blieben. Im Gegenteil, sie sind in aller Munde.

Eine davon ist die globale Erwärmung. Inzwischen sorgen sich selbst Landes- und Kommunalpolitiker, welche Folgen die Klimaentwicklung für die ihnen anvertrauten Bürgerinnen und Bürger haben wird. Ein Problem aber wird nach wie vor allenfalls am Rand angesprochen: Wie wird die Welt mit Klimaflüchtlingen umgehen? In den vergangenen 100 Jahren ist der Meeresspiegel weltweit um durchschnittlich 20 Zentimeter angestiegen, in absehbarer Zeit werden also manche der heute besiedelten Küsten und Inseln überschwemmt sein. Wo sollen ihre Bewohner unterkommen? Die Regierung des Tuvalu-Archipels in Polynesien hat für die gut 12.000 Menschen des weltweit viertkleinsten Staats vorsorglich Asyl beantragt. Australien lehnte ab, Neuseeland erklärte sich bereit, jährlich 75 Tuvaluer aufzunehmen. Das wird nicht genügen! Vom bloßen Überleben abgesehen: Welchen völkerrechtlichen Status haben Asylanten, deren Herkunftsland schlicht nicht mehr existiert?

Demokratie - Auslaufmodell, preiswert abzugeben

Gegenwärtig gibt es auf der Erde etwa 25 Millionen "Klimaflüchtlinge"; in den kommenden Jahrzehnten könnten es 150 Millionen werden. Wer wird 20 Millionen Bangladescher aufnehmen, wenn ihre Heimat im Meer versinkt? Wo finden 25 Millionen Bewohner des subsaharischen Afrika eine Bleibe, deren erodierte Böden schon heute kaum noch Landwirtschaft erlauben? Im Lauf der Menschheitsgeschichte verloren Völker immer wieder angestammte Lebensräume und mussten sich neue erschließen. Manchmal geschah dies friedlich, wartete eine neue Heimat auf sie. Oft aber kam eine verhängnisvolle Kettenreaktion in Gang, man denke nur an die Völkerwanderung, die das Schicksal Westroms besiegelte und die Zeit des Mittelalters hervorbrachte. Heute gibt es nirgends ein gelobtes Land hinter den Bergen, keinen neuen Kontinent jenseits des Ozeans. Schon die Pioniere und Entdecker der europäischen Neuzeit drangen in der Neuen Welt in bewohntes Gebiet vor. Erst recht gilt heute: Jeder Mensch auf dieser Welt ist bereits der Nachbar eines anderen.

Auf solche Probleme sind wir nicht vorbereitet, und das zeigt, dass der Fortschritt ganz offensichtlich anders verlaufen wird als gedacht. Um das "Wie" abzuschätzen, benötigen wir neue Modelle. Doch ein weiteres Manko unserer Gesellschaftstheorien ist, dass sie auf den Westen zugeschnitten sind, die Welt aus unserer Perspektive betrachten. Wie falsch sie liegen können, zeigt sich heute im Rahmen der Globalisierung. Die Schwellenländer China und Indien schicken sich bekanntlich an, in den Kreis der führenden Industrienationen aufzusteigen - und zu den größten Umweltverschmutzern zu zählen. Schon im nächsten Jahr wird China die USA an CO2-Emissionen übertreffen und ähnlich schnell auch in der Exportquote überflügeln. Damit geraten aber nicht nur Wirtschaft und Ökologie in Bewegung.

Denn wirtschaftliche Macht bedeutet ja nichts anderes als Verhandlungsmacht auf den Energie- wie auf den Finanzmärkten, in Fragen der Außenpolitik wie der militärischen Gewalt. Angesichts des atemberaubenden Aufschwungs im Reich der Mitte übersieht die Öffentlichkeit geblendet dessen neue Rolle im Rahmen internationaler Konflikte - zum Beispiel in der Frage, ob die UN den Völkermord in Darfur als solchen bezeichnen dürfen oder nicht. Auch die kontinuierliche militärische Aufrüstung gerät nicht ins Blickfeld. 7,5 Prozent des Staatshaushalts beziehungsweise 34 Milliarden Euro gibt China inzwischen für militärische Zwecke aus, der jüngste Volkskongress im Jahr 2007 beschloss eine Erhöhung des Militärbudgets um sage und schreibe 17,8 Prozent.

Warum schreckt uns das so wenig? Die Zahlen sind Experten durchaus bekannt, doch noch immer unterliegt der Westen einer möglicherweise fatalen Selbsttäuschung: Mit der Einführung der Marktwirtschaft in China verband man in Europa und den USA nicht nur die Erwartung eines gigantischen Absatzmarktes für die eigenen Produkte, sondern auch die naive Überzeugung, mit der Liberalisierung des Marktes müsse auch eine solche der Gesellschaft einhergehen. Doch wer das "A" des Kapitalismus sagt, muss sich zum "B" der Demokratie noch lange nicht bekennen. Ganz im Gegenteil - während in westlichen Gesellschaften Innovationen durch den Zyklus der Legislaturperioden getaktet und gebremst werden, setzt Chinas Politbüro die als notwendig erachteten Maßnahmen konsequent und ohne jede Verzögerung um. Während neue Bahntrassen, Flughafenpisten oder Kraftwerke in Europa zum Gegenstand von Planfeststellungsverfahren, Bürgerbegehren, juristischen Auseinandersetzungen und Gutachtern werden, pflanzt die chinesische Regierung Woche für Woche neue Kohlekraftwerke in die Landschaft. Jedes davon emittiert pro Tag durchschnittlich 30.000 Tonnen CO2 - und zwar ohne dass auch nur ein einziger Chinese danach gefragt würde, was er davon hält, von den Bewohnern der restlichen Welt ganz abgesehen.

Demokratie erweist sich in diesem Fall, ganz im Gegensatz zur Theorie, als Modernisierungsnachteil - in der komplexen Welt moderner Gesellschaften geht etwas nur dann schnell, wenn keine Rücksicht auf etwaige Nachteile für eventuell Betroffene genommen werden muss. So einfach ist das. Damit aber hat niemand gerechnet, und bei den zuständigen Forschern und Entscheidern ist der Befund anscheinend noch nicht angekommen, der da lautet: Die Gesellschaften heutiger Schwellen- und Entwicklungsländer werden nicht zwangsläufig den Pfad beschreiten, den die in der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) organisierten Industrieländer mit ihren Präferenzen für Demokratie und Menschenrechte eingeschlagen haben. Das, was der Westen als nachholende Modernisierung wahrnimmt, könnte also in Wahrheit eine überholende sein, bei der Freiheitsideale auf der Strecke bleiben und die Wirtschaft desto besser brummt. Die westlichen Gesellschaften liefern nicht die Blaupause für Staatsentwicklung in anderen Teilen der Welt, sondern im besten Fall einen konkurrenzfähigen Gegenentwurf, im schlechtesten Fall ein Auslaufmodell.

China ist nicht der einzige Staat, dessen Entwicklung unserer Theorie nicht folgt. Welcher Politologe hätte nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 erwartet, dass sich keine zwei Jahrzehnte später ein System in Russland etabliert, das man als "autoritären Kapitalismus " bezeichnen könnte? Es basiert auf zwei Säulen: dem privatisierten Erdöl- und Erdgasreichtum der russischen Föderation sowie der Unterdrückung jeder Opposition mittels einer Gesetzgebung, die freie Meinungsäußerung kriminalisiert. Das kurze Glück des Westens, der sich nach dem Ende des Kalten Kriegs als beste aller denkbaren Welten sah, schmilzt angesichts neuer weltpolitischer Konstellationen schneller als das Eis der Arktis.

Auch der Südpol kann zum Zankapfel werden

Apropos, diese Folge der globalen Erwärmung könnte Russland weitere Vorteile verschaffen: Ein neuer Seeweg nach Asien, die Nordwestpassage, öffnete sich erstmals im vergangenen Sommer. Auch die unter dem Eis der Arktis vermuteten gigantischen Rohstoffvorkommen werden bald zugänglich sein, und seit langem ist umstritten, wer Anrechte darauf hat. Die Expedition "Akademik Fjodorow" - offiziell unterwegs, um die Grenzen des russischen Schelfs im Gebiet zwischen den Nowosibirsk- Inseln und dem Nordpol präziser zu vermessen - setzte im vergangenen Jahr vorsorglich eine russische Flagge aus Titan in 4200 Meter Tiefe auf den Meeresgrund. Amerika, Kanada und Dänemark lehnten jegliche Ansprüche Russlands umgehend ab. Auch der Südpol kann zum Zankapfel werden: Großbritannien meldete Hoheitsrechte auf eine Million Quadratkilometer an, was bei Inanspruchnahme Konflikte mit Argentinien und Chile zur Folge hätte. Die Staatenkonfiguration ist also in heftige Bewegung geraten, und gegenwärtig vermag niemand abzusehen, wie sich die neuen Machtkonstellationen ausbalancieren werden.

Zurück in die Zukunft?

Eigentlich erinnern diese Konflikte an die politischen Themen im Europa des 19. Jahrhunderts mit seiner Kolonialpolitik und dem Entstehen neuer Bündnisse. Einer noch länger zurückliegenden Epoche der Geschichte scheint jene Gewalt zu entstammen, die unter dem Vorzeichen religiöser Überzeugungen steht. Obwohl der Terror muslimischer Fundamentalisten eine Reaktion auf Modernisierung und Globalisierung unserer Zeit ist, erinnert er ebenso wie die Gegenreaktionen der angegriffenen Staaten an Strategien des Mittelalters. Wechselseitige Etikettierungen als "Kreuzzügler" und "Schurkenstaaten" stellen die Rivalen einander so unversöhnlich gegenüber, dass Vermittlungslösungen gar nicht mehr gedacht werden können. Das ist die Logik des "Kriegs gegen den Terror" ebenso wie die des Dschihad - ein Friedensschluss unter Gleichen ist bei Überzeugungskriegen immer logisch ausgeschlossen. Vielmehr bestärken alle Aktionen die Kontrahenten jeweils in ihren Vorstellungen und Behauptungen vom anderen.

Überzeugungskriege radikalisieren deshalb die Realitätswahrnehmung auf beiden Seiten. Das zeigt auch der gegenwärtige Zulauf zum fundamentalistischen Protestantismus in den USA, der - im Gewand scheinwissenschaftlicher Auseinandersetzungen um die Evolutionstheorie - inzwischen auch nach Europa schwappt. Welches Wertewandelpotential in solchen gespiegelten Reaktionsbildungen liegt, lässt sich heute schwer sagen, aber wer in der ganz und gar säkularen Aufbruchszeit der 1960er Jahre, zu Zeiten von Bürgerrechtsbewegungen und außerparlamentarischer Opposition, von antikolonialen Befreiungskriegen, zunehmender Liberalisierung in den westlichen Ländern und gelegentlichem Tauwetter in den östlichen vorhergesagt hätte, dass nur drei Jahrzehnte später religiös begründete Gewalt die Welt erschüttern würde, wäre gewiss für weltfremd erklärt worden.

Doch wie die Glaubenskriege zurückgekehrt sind, erleben wir ein Wiederaufflammen der Klassenkonflikte, freilich in neuer Gestalt. Mit dem transnationalen Operieren von Wirtschaftsunternehmen und Hedgefonds bildet sich eine Klassengesellschaft heraus, die unabhängig von nationalstaatlichen Grenzen ist. Der Vorstandsvorsitzende eines Automobilunternehmens, die Managerin einer Fondsgesellschaft, der IT-Spezialist, der Handwerker aus einem Billiglohnland und der illegale Wanderarbeiter - sie alle repräsentieren auf höchst ungleiche Weise die Asymmetrie der globalisierten Handlungsräume und Erwerbschancen. Fachkräfte ebenso wie Ungelernte nutzen ihre Chance auf ein Einkommen, das in ihrer Heimat utopisch wäre - und unterlaufen damit die traditionellen und zum Teil mühsam erkämpften Institutionen der Konfliktregulierung. Die Verlagerung von Produktionsstandorten in Länder mit geringeren gesetzlichen Umweltauflagen oder preisgünstigerer Arbeitskraft ist eine allgegenwärtige Bedrohung, der Mittelstand in den traditionellen Industrieländern muss sich mit einem geringeren Lebensstandard einrichten, die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Weder gibt es handlungsfähige internationale Gewerkschaften noch supranationale Wirtschafts- und Sozialministerien, die neue Klassengesellschaft ist nationalstaatlich entbunden. Welche Konflikte dies birgt, vermag noch niemand zu sagen.

Schließlich gibt es, davon war schon die Rede, eine Renaissance der Ressourcenkonflikte, und so wie es aussieht, gewinnen diese an Schärfe. Das Verlangen nach Rohstoffen hat in der Menschheitsgeschichte immer wieder Eroberungen und Kriege motiviert, die Sicherung von Ölreserven spielte bereits in den beiden Golfkriegen eine gewichtige Rolle. Und noch etwas findet in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts statt, was man eher dem 19. zugerechnet hätte: Hungeraufstände, die nun aber nicht auf fehlende, sondern auf unbezahlbare Lebensmittel zurückgehen, und eine geradezu gespenstische Konkurrenz zwischen Überlebensbedürfnissen auf der einen und Energiebedürfnissen auf der anderen Seite der Welt. So kletterten die Preis für Mais, Weizen und Reis nach Angaben der Uno zwischen dem September 2007 und dem März 2008 um die Hälfte, ein Ergebnis vor allem der steigenden Nachfrage nach Biokraftstoffen. Der neue Eroberungs- und Verteilungskampf hat bereits begonnen.

Immerhin: Diese bedrohlichen Entwicklungen beinhalten auch eine Chance zu mehr Zusammenarbeit. So wurden bei Konflikten um die Ressource Wasser sogar dann kooperative Lösungen gefunden, wenn die Beteiligten miteinander verfeindet sind, wie etwa beim Indus-Wasservertrag zwischen Indien und Pakistan. Zur Klärung von internationalen Umweltkonflikten böte es sich an, einen überstaatlichen Umweltgerichtshof zu schaffen, der neben dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag eine zweite Institution wäre, die jenseits nationaler Interessen und Auffassungen agiert. Doch bevor Nationalstaaten Souveränität an übergeordnete Institutionen abzugeben bereit sind, dürften noch einige Krisen an Schärfe zunehmen. Ob die Welt das so überlebt, wie wir sie kennen? Wohl kaum!

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