Übergewicht und Diät: Hungrige Hirnzellen verzehren sich selbst

Diät zu halten fällt vielen schwer. Einen möglichen Grund dafür wollen US-Forscher nun bei Mäusen entdeckt haben: Das Hungern bringt bestimmte Hirnzellen dazu, eigene Strukturen abzubauen - und das löst ein Hungersignal aus. Bei den Tieren konnten die Forscher den Prozess blockieren.

Menschliches Gehirn (Illustration): Neuronen reagieren auf freie Fettsäuren Zur Großansicht
Corbis

Menschliches Gehirn (Illustration): Neuronen reagieren auf freie Fettsäuren

Washington - Diäten sind oft schwer einzuhalten. Und US-Forscher präsentieren nun eine ungewöhnliche Erklärung dafür, warum das eigentlich so ist: Wenn Menschen aufs Essen verzichten, beginnen demnach bestimmte Gehirnzellen damit, Teile ihrer selbst zu verdauen. Das löst nach Angaben der Wissenschaftler ein Hungersignal aus. Und dieses wiederum drängt uns zum Essen, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Cell Metabolism".

Für ihre Studie hatten die Wissenschaftler Zellkulturen studiert und die Vorgänge in Gehirnen von Mäusen untersucht, nachdem diese zwölf Stunden gehungert hatten. Einige Zellen des Hypothalamus - des Kontrollzentrums für unwillkürliche Körperprozesse - reagierten auf die Hungerkur mit einer Selbstverdauung.

Dieser als Autophagozytose bezeichnete Prozess findet zu einem gewissen Grad ständig im Körper statt: Zellen bauen auf diese Weise alte Bestandteile ab. Zusätzlich kann der Körper den Mechanismus in Hungersituationen anwerfen. Dann verwertet die Zelle eigene Strukturen, um Energie zu gewinnen. Dies ist unter anderem von Muskelzellen bekannt. Nun wurde der Prozess auch bei bestimmten Nervenzellen im Hypothalamus von Mäusen nachgewiesen.

Dieser Prozess finde vermutlich in ähnlicher Form auch beim Menschen statt, vermuten die Wissenschaftler um Susmita Kaushik vom Albert Einstein College of Medicine in New York City. Nach Ansicht der Forscher eröffnet dies möglicherweise einen Ansatz hartnäckiges Übergewicht zu bekämpfen. In ihren Versuchen hatten Mäuse, bei denen die Autophagozytose blockiert wurde, weniger Hunger und nahmen deutlich ab. Die Forscher halten es für denkbar, das Hungersignal beim Menschen auf ähnliche Weise zu beeinflussen.

Hirnzellen reagieren auf freie Fettsäuren

Der Auslöser für die Selbstverdauung der Gehirnzellen sind der Studie zufolge freie Fettsäuren. Diese gelangen in den Blutkreislauf, wenn der Körper die Fettreserven angreift. Doch auch nach dem Essen fettreicher Nahrung reichern sie sich im Blut an.

In einem Zellkultur-Experiment belegten die Forscher, dass Nervenzellen des Hypothalamus solche freien Fettsäuren in ihr Inneres aufnehmen. Dort angekommen, lösen die Fettsäuren den Abbau einiger Zellbestandteile aus - eben die Autophagozytose. Dadurch wiederum produzieren die Nervenzellen größere Mengen eines Botenstoffs, der das Hungergefühl fördert.

Wenn ein Mensch ständig sehr fettes Essen zu sich nimmt, könnte dieser Mechanismus einen wahren Teufelskreis von Überessen und verändertem Energiehaushalt in Gang setzen, schreiben die Wissenschaftler.

In einem weiteren Versuch blockierten die Forscher die Selbstverdauung der Hypothalamuszellen. Dies unterband auch die vermehrte Produktion des Hungerbotenstoffs. Dafür stieg die Konzentration eines anderen Hormons. Diese Veränderungen machten sich im Stoffwechsel der Versuchsmäuse deutlich bemerkbar: "Das resultierte in einer verringerten Nahrungsaufnahme nach dem Fasten, einem verringerten Körpergewicht und weniger Gesamtfett", berichten die Forscher.

wbr/dapd

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insgesamt 12 Beiträge
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1. .
feuercaro1 03.08.2011
Die Hoffnung, dass die Pharmaindustrie viel Geld in die rasche Erforschung und Marktreife eines resultierenden Medikaments steckt, besteht wenigstens. Die Nachfrage ist jedenfalls vorhanden. Ich finde sowieso, dass es allerhöchste Zeit wird, dicke Menschen aus der Stigmatisierung herauszuholen, indem man die mannigfaltigen Ursachen der Adipositas erforscht und den natürlich Schlanken klar macht, dass sie einfach Glück hatten.
2. Dick wird man durch essen, nicht durch Unglück!
mibigan@web.de 03.08.2011
Zitat von feuercaro1Ich finde sowieso, dass es allerhöchste Zeit wird, dicke Menschen aus der Stigmatisierung herauszuholen, indem man die mannigfaltigen Ursachen der Adipositas erforscht und den natürlich Schlanken klar macht, dass sie einfach Glück hatten.
Ich als selbst Übergewichtiger darf das einfach so in den Raum stellen. Und nun eine weitere Platitüde : Wer abnehmen möchte hat nur eine Wahl : Weniger Kalorien zu sich nehmen als verbrannt werden. Mein Bruder z.B. ist ein schlanker Mensch. Glück ist allerdings nicht beteiligt, er tut genug dafür.
3. ~
30.07.2011 03.08.2011
Zitat von sysopDiät zu halten fällt vielen schwer. Einen möglichen Grund dafür wollen US-Forscher nun bei Mäusen*entdeckt haben: Das Hungern bringt*bestimmte Hirnzellen dazu,*eigene Strukturen abzubauen*- und das*löst ein Hungersignal*aus.*Bei den Tieren*konnten die Forscher den Prozess blockieren. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,777988,00.html
:::::::::::::::::: Das im Artikel beschriebene Phänomen beschreibt aber keine Diät, sondern die Reaktion aus exzessives Hungern. Es wird Zeit den Begriff wieder auf das zurückzuführen, was er ursprünglich bedeutete, nämlich bewusste, gesunde Lebensart- und Weise. Wer bei den alten Griechen auf Diät war, der lebte diese und machte nicht nur einen kurzen Abschnitt durch, wie einen Urlaub oder Tierparkbesuch. http://de.wikipedia.org/wiki/Di%C3%A4t Und das bedeutete heute noch das, was es eigentlich immer bedeutete. Bewusst gesunde Lebensmittel auswählen, dem Normalgewicht (Körpergröße in cm, minus die erste Stelle) dadurch entgegenkommen, dass man mehr durch Bewegung verbrennt, als dem Körper zugeführt wird und dann durch weiter so gelebtes Verhalten, halten was man erreicht hat. Da schrumpft dann weder das Hirn noch fällt es schwer, denn wer sich permanent bewegt, der baut Muskeln auf, welche durch ihren Bedarf dafür sorgen, dass das künftige Verbrennen von Energie leicht und immer leichter fällt. Alles mit Maß und Ziel. Aber nach meiner Beobachtung "funktionieren" die, jeder vermeintlichen Wunderdiät nachhetzenden und dann eigentlich wieder nur ein paar Wochen durchhaltende, Aspiranten anders. Sie wollen vor allem messbare Ergebnisse, kleben an der Waage und sobald sich der Zeiger bewegt, wollen sie sich belohnen. Belohnen mit dem gleichen fatalen Verhalten, welches sie vorher an den Tag gelegt haben - sie schaufeln genau die Dinge in sich hinein, welche sie vorher fett und unbeweglich gemacht haben und weil es keiner merken soll, vermeintlich auch das eigene Ego, tun sie es entweder heimlich, aber immer schnell. Und der Körper erkennt und versteht die plötzliche Fett/Zuckerbombe als Aufforderung vorher geschmälerte Depots in der Fettschicht wieder aufzubauen. So werden aus zwei verlorenen Kilos "plötzlich" drei zugenommene. Die Helden unter diesen Leuten, reagieren jetzt mit vorgeblicher weiterer Belohnung und Schuld ist natürlich die böse Diät. Nie der eigene Tunnelblick und das fatale Verhalten. Dazu kommt noch, dass die Leute selbst aufgestellte Ernährungspläne konterkarieren, weil sie an allen möglichen und unmöglichen Stellen Leckerlies horten und in sich dann neben den Essenszeiten gönnen, auf dem Diätplan diese aber nie auftauchen lassen. Und für das Studium der absurdesten Hungerideen ist jederzeit Energie und Zeit vorhanden, für die Idee einfach mal eine Treppe zu gehen und die den Fahrstuhl, Fahrstuhl sein zu lassen, jedoch nicht.
4. titel
barlog 03.08.2011
Zitat von 30.07.2011... . . Und für das Studium der absurdesten Hungerideen ist jederzeit Energie und Zeit vorhanden, für die Idee einfach mal eine Treppe zu gehen und die den Fahrstuhl, Fahrstuhl sein zu lassen, jedoch nicht.
Was leider auch seine Ursache darin hat, daß selbst gebildete Menschen meist mehr über die Funktionen von Auto, Rechner und Mobiltelefon wissen als über die ihres eigenen Körpers.
5. .
feuercaro1 03.08.2011
[QUOTE=30.07.2011;8425531]:::::::::::::::::: Das im Artikel beschriebene Phänomen beschreibt aber keine Diät, sondern die Reaktion aus exzessives Hungern... Ich stimme Ihnen unbedingt zu, was Ihre Ausführungen über Diäten betrifft. Dass eine gesunde Lebensweise und Sport der Gesundheit zuträglich sind, ist ebenfalls unbestritten. Allerdings wehre ich mich entschieden dagegen, dass so getan wird, als hätten alle Menschen einen identischen Stoffwechsel und gleiche hormonelle und genetische Voraussetzungen. Natürlich werden Menschen dick, wenn sie weniger verbrennen als zu sich nehmen - aber warum bleiben unsportliche Menschen mit Hang zu Chips und Schokolade in Massen schlank, während andere sofort zunehmen, wenn sie täglich mehr als 1.500 Kilokalorien zu sich nehmen? In meiner eigenen Familie habe ich genügend Beispiele dafür. Ein besonders abschreckendes ist meine Mutter, die ihr Leben lang allerstrengste Diät hielt. Sie war normalgewichtig (eher schlank), litt aber unter hohem Blutdruck, ständigem Hunger, war gereizt und aggressiv. Nie vergesse ich die täglichen gemeinsamen Mahlzeiten, wo wir Kinder und unser Vater normal aßen, während meine Mutter unglücklich vor ein wenig Gemüse saß oder und belog, sie sei satt. Der Grund: Sie entstammt einer Familie aus Menschen mit Disposition zum Übergewicht und hatte panische Angst davor, so auszusehen, wie ihre weiblichen Vorfahren. Die Diskriminierung von Dicken hat meine Mutter in die Krankheit getrieben, davon sind ihre Ärzte und mittlerweile ich fest überzeugt. Aus diesem Grund habe ich mich sehr ausführlich mit den Ursachen von Adipositas befasst und könnte in die Luft gehen, wenn Menschen, denen das Glück beschieden ist, durch etwas Sport und vernünftiges Essen schlank zu bleiben meinen, alle Dicken würden fressen und faul auf dem Sofa herumhängen.
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