Von Jens Lubbadeh
Übergewichtige haben's schwer heutzutage, denn überschüssige Pfunde lasten nicht nur auf den Rippen, sondern auch auf dem Gewissen: im Supermarkt der stete Kampf gegen die Verlockungen der prall gefüllten Regale, zuhause der bange Blick in den Spiegel. Und dann muss man auch noch das stete Sperrfeuer der Ärzteschaft ertragen, die nicht aufhören will, die voranschreitende Verfettung der Industriegesellschaft anzuprangern und vor Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt warnt. Übergewicht sei zur Epidemie geworden, Dicke lebten ungesund und unverantwortlich. Und dann noch die Politiker: Dicke und ihre Krankheiten belasteten das Gesundheitssystem.
Wenn doch nur endlich die Wissenschaft belegen würde, dass das alles gar nicht so schlimm ist mit dem Übergewicht!
Vielleicht hat sie das nun - zumindest, was moderates Übergewicht betrifft. Eine neue Studie hat ergeben, dass Übergewichtige ein vermindertes Risiko tragen, an bestimmten Krankheiten zu sterben. "Dicke Leute haben geringeres Todesrisiko", titelt prompt die Deutsche Presseagentur. Noch kruder wird es auf der Internetseite des österreichischen Senders ORF. " Dicke leben manchmal länger", heißt es dort. Richtig schweres Geschütz aber fährt die britische Zeitung "The Independent" auf. Gleich im Namen des ganzen Mediziner-Berufsstands verkündet das Blatt: " Jetzt sagen Ärzte, es ist gut, fett zu sein."
Ist es das Aus für den medialen Diätenwahnsinn? Gilt von nun an: Burger statt Broccoli?
Es ist mal wieder alles nicht so einfach, wie es zunächst scheint. Katherine Flegal von der US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control hat zusammen mit drei Kollegen eine Studie im Fachmagazin "Journal of the American Medical Association" veröffentlicht. Dort lautet die Überschrift: "Ursachenspezifische überzählige Tode assoziiert mit Untergewicht, Übergewicht und Fettleibigkeit." Zu Deutsch: Stehen bestimmte Todesarten mit dem Körpergewicht in Zusammenhang? Und falls ja, wie?
Flegal und ihre Kollegen nahmen sich die Sterberegister der USA für das Jahr 2004 vor, schauten sich über zwei Millionen Todesfälle an und teilten die aufgelisteten 113 verschiedenen Todesursachen in drei Kategorien ein: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und alle anderen. Dann ermittelten die Forscher anhand der Körpergröße und des Gewichts den Body Mass Index (BMI) jedes Toten (siehe Kasten).
Dabei galt als
Für einen 1,80 Meter großen Mann bedeutet Übergewicht demnach, zwischen 81 und 98 Kilogramm zu wiegen. Erst darüber würde bei ihm die Fettleibigkeit beginnen.
Flegal und ihre Kollegen konnten so die Todesursache mit Untergewicht, Übergewicht und Fettleibigkeit in Zusammenhang bringen und ein Sterblichkeitsrisiko abschätzen - relativ zum Risiko von Normalgewichtigen.
Heraus kam:
Neu sind eigentlich nur die Punkte 2 und 3. Menschen mit moderatem Übergewicht können sich also zum einen darüber freuen, keiner erhöhten Todesgefahr durch Krebs oder Herz-Kreislauf-Leiden ausgesetzt zu sein. Und statistisch gesehen sterben sie auch seltener an allem Möglichen außer Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen - also beispielsweise an Alzheimer, Parkinson, Grippe, Lungenentzündung, Syphillis, Malaria. Aber auch Selbstmord- und Mordversuche führen bei ihnen weniger häufig zum Tod. Als Grund vermuten die Forscher erhöhte Energiereserven des Körpers. Wer ein paar Pfunde mehr auf die Waage bringe, so schreiben sie, erhole sich möglicherweise leichter von Infektionen und Operationen.
Diesen Vorteil allerdings erkaufen sich auch leicht Übergewichtige mit einem erhöhten Risiko für Diabetes und Nierenkrankheiten. Ob das ein guter Tausch ist?
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