Überraschende Funde Stonehenge-Dorf war Steinzeit-Großstadt

Eine Siedlung nahe Stonehenge erweist sich als archäologische Sensation: Was Forscher zunächst für ein kleines Handwerkerdorf hielten, war Nordeuropas größte Steinzeit-Siedlung. Inzwischen wurden Spuren von mindestens 300 Häusern entdeckt.

Von


Archäologen wühlen sich gerne durch Müllhaufen. Denn kaum etwas verrät mehr über das pulsierende Leben als Küchenabfälle und alltäglicher Zivilisationsdreck. "Hier", erklärt Parker Pearson von der Sheffield University anhand eines Ochsenschenkels, "hängen die Knochen noch zusammen. So etwas passiert nur bei großen Festgelagen. Wenn alle schon satt sind, landet auch mal ein noch essbares Stück Rinderbein auf dem Abfallhaufen." Wer Hunger hat oder seinen Fleischkonsum rationieren muss, lässt nur vereinzelte, gründlich abgenagte Knochen zurück.

Stonehenge zur Sommersonnenwende: In der Nähe des Monuments haben Forscher die Reste einer steinzeitlichen Großstadt gefunden
AFP

Stonehenge zur Sommersonnenwende: In der Nähe des Monuments haben Forscher die Reste einer steinzeitlichen Großstadt gefunden

Parker Pearson wühlt derzeit durch eine Menge Müll. Durch den Müll einer Großstadt, einer steinzeitlichen Megacity. Zunächst schien Durrington Walls, drei Kilometer vom berühmten Stonehenge entfernt, ein ganz normales Handwerkerdorf zu sein. Zeitlich fällt es mit der Errichtung des großen Steinkreises auf dem Salisbury Plain zusammen, in die Zeit um 2600 bis 2500 vor Christus. Schon lange haben Forscher vermutet, dass in Durrington Walls die Erbauer von Stonehenge gewohnt hatten.

Doch dann entdeckten Parker Pearson und sein Team vom Stonehenge Riverside Project ein Haus nach dem anderen. Inzwischen gehen die Archäologen von mindestens 300 Häusern aus, von denen allerdings erst zehn vollständig ausgegraben sind. "Zu erkennen, wie groß die Siedlung der Stonehenge-Erbauer wirklich war, ist wirklich aufregend", schwärmte selbst der gestandene Steinzeitexperte Parker Pearson gegenüber der britischen BBC.

Parker Pearson rechnet gern. Bei vier Bewohnern pro Haus lebten in Durrington Walls 1200 Menschen. Aber vielleicht waren es auch doppelt so viele Gebäude. Dann hätte Stonehenge City 2400 Einwohner gehabt. "Es ist möglich, dass sich zum einen oder anderen Zeitpunkt sämtliche Bewohner Südenglands hier aufgehalten haben", sagte der Ausgräber. Er glaubt, dass Durrington Walls die größte steinzeitliche Siedlung Nordeuropas war. "Das war für uns völlig überraschend", sagte Pearson zu SPIEGEL ONLINE.

Leben und Tod in Durrington und Stonehenge

Die Grabung liefert zahlreiche neue Erkenntnisse über die Bedeutung und Errichtung der Steinkreise im nahe gelegenen Stonehenge. Parker Pearson glaubt, dass beide Stätten aufs intimste miteinander verbunden waren. "In Durrington hat man das Leben gefeiert und die Toten verabschiedet, sie auf Booten in den Fluss Avon gesetzt und ins Jenseits geschickt", so der Forscher. "Stonehenge dagegen diente zur gleichen Zeit der Erinnerung an die Toten und als Begräbnisstätte einiger auserwählter Menschen. Die Mittelachse von Stonehenge orientiert sich am Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende. Die von Durrington am Sonnenuntergang des gleichen Tages."

Wer in Durrington feierte, musste auch arbeiten. Geophysikalische Sondierungen und Probegrabungen haben gezeigt, dass der Graben und äußere Begrenzungswall der Siedlung in einzelnen Abschnitten errichtet wurden, wahrscheinlich von unterschiedlichen Arbeitsteams. In einem der Müllhaufen fanden die Archäologen die Werkzeuge eines solchen Trupps: Geweihe, genutzt als Hacken.

"In einem der Abschnitte haben wir 57 Geweihe gefunden. Macht zwei Arbeiter pro Hacke plus ein kleines Team von Trägern für die Körbe mit Aushub", rechnet Parker vor. "Und natürlich brauchten die auch Leute, die ihnen die Sandwiches schmierten - dann sind wir schon bei einem Minimum von 200 Arbeitern pro Team. Wenn wirklich alle Abschnitte des Walls zur selben Zeit errichtet wurden, dann war das ein Arbeiterheer von Tausenden."

Ein Heer aus Hunderten Arbeitern

Auf Stonehenge übertragen bedeuteten diese Zahlen, dass jeweils Teams von 200 bis 400 Leuten unter der Leitung eines Clanchefs für die Errichtung eines einzelnen Abschnitts der Steinkreise zuständig gewesen seien. Manche Theorien besagen, dass das Monument von freien, gleichberechtigten Männern errichtet worden sei. Doch die Anhänger dieser These muss Parker Pearson enttäuschen. Bei den Ausgrabungen der Häuser sei deutlich geworden, dass es Unterschiede im sozialen Status der Bewohner Durringtons gegeben habe. Parker Pearson spricht sogar von den ersten Hinweisen auf soziale Hierarchien im steinzeitlichen Großbritannien überhaupt. In Ägypten gab es zu genau jener Zeit immerhin Pharaonen und Sklavenheere, die die großen Pyramiden von Gizeh bauten.

Die Leute von Durrington mussten jedenfalls nicht das ganze Jahr hindurch schuften. Davon zeugt die Abwesenheit von Mahlsteinen oder Knochen von Jungtieren in ihren Müllhaufen. "Die Stadt war nur temporär bewohnt", erklärt Parker Pearson. "Die haben hier keine alltäglichen Arbeiten wie das Mahlen von Getreide oder die Aufzucht von Schlachtvieh verrichtet. Das alles wurde von Außen hierher gebracht."

Offenbar habe in Durrington und Stonehenge nur zeitweise Hochbetrieb geherrscht. "Die Menschen kamen aus dem umliegenden Flachland wie zu einem Festival", glaubt der Archäologe. Fünf solcher "zeremoniellen Zentren" seien in England bekannt, manche von ihnen seien schon 1000 Jahre vor der Erschaffung von Stonehenge Besuchermagneten gewesen.

War Stonehenge schon in der Bronzezeit angelangt?

Außer Mahlsteinen und Jungtierknochen suchten die Archäologen noch eine weitere Artefakt-Sorte vergeblich: Stein- oder Flintwerkzeuge. Immerhin handelt es sich um eine steinzeitliche Siedlung, der Name sollte Programm sein. Einer der aufregendsten Funde von Durrington ist in diesem Zusammenhang ein Stück Kreide. Darauf glaubt Parker Pearson den Abdruck einer Bronzeaxt zu erkennen. Zwar wurde auf dem europäischen Festland bereits seit etwa 3000 vor Christus das Gras mit Sicheln aus Bronze gemäht. Aus Großbritannien sind Bronzefunde allerdings bislang erst von 2400 vor Christus an bekannt.

Sollte sich die Theorie bestätigen, dass die Erbauer von Stonehenge mit Bronzewerkzeugen gearbeitet haben, wäre der Übergang von der Stein- zur Bronzezeit für die Region ein gutes Stück vorzudatieren.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.