Überraschende Rollenverteilung: Frühmenschen-Frauen waren reiselustig

Männer blieben zu Hause, Frauen zogen in die weite Welt: Neue Zahnanalysen belegen diese Rollenverteilung bei afrikanischen Frühmenschen. Erwartet hatten die Forscher eigentlich etwas anderes.

Mobile Frühmenschen: Junge Frau zum Mitreisen gesucht Fotos
Darryl de Ruiter

Zeig mir Deinen Zahn und ich sage Dir, woher du kommst: Weil sich bei der Bildung des Zahnschmelzes charakteristische Substanzen dort einlagern, verrät das harte Material überraschend viel über die Geschichte seines Besitzers. Mit Isotopenanalysen können Forscher feststellen, in welcher Region ein Mensch oder Tier als Kind wahrscheinlich gelebt hat.

Das Verfahren haben Wissenschaftler nun für fossile Zähne von Hominiden angewandt. Das Material stammt aus zwei südafrikanischen Höhlensystemen. Bei den Analysen der rund zwei Millionen Jahre alten Zahnreste zeigte sich: Die Männer waren zumeist in derselben Region gestorben, in der sie auch aufgewachsen waren. Die meisten Frauen jedoch stammten ursprünglich aus einer ganz anderen Region, berichten die Forscher im Fachblatt "Nature".

Eine solche Gesellschaft, bei der die Weibchen ihren Stamm verlassen, ist heute noch von Schimpansen bekannt. Doch bei den meisten uns näher verwandten Menschenaffen wie den Gorillas ist es üblich, dass die Weibchen beim Stamm bleiben und die Männchen in die Welt ziehen.

"Hier haben wir den ersten direkten Einblick in die geografischen Bewegungen früher Hominiden", berichtet Hauptautorin Sandi Copeland von der University of Colorado Boulder und dem Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie. Gemeinsam mit Kollegen aus der Schweiz, Großbritannien, Südafrika, Kanada und den USA hatte sie 19 Zähne untersucht, deren Besitzer vor grob 2,7 bis 1,7 Millionen Jahren im südafrikanischen Sterkfontein-Tal gelebt hatten.

Dabei handelte es sich um frühe Verwandte des Menschen der Art Australopithecus africanus und der Art Paranthropus robustus, deren Überreste in den Höhlen von Sterkfontein und Swartkrans gefunden worden waren. Beide Arten gehören zu den sogenannten Australopithecina, die auch das als "Lucy" bekannt gewordene Fossil aus Äthiopien umfassen.

Ernährung gab erste Hinweise auf Wanderlust

Die Forscher schrieben die größeren Backenzähne den männlichen und die kleineren den weiblichen Vormenschen zu. Um dies zu untermauern, untersuchten sie auch Zähne und Kieferfossilien aus fünf anderen Hominiden-Fundorten der Region. Außerdem analysierten sie 38 fossile Zähne von Pavianen, Antilopen und Nagern sowie mehr als 170 moderne Pflanzen und Tierarten und elf Bodensubstrate, die im engeren Umkreis des Höhlensystems vorkommen.

"Unsere früheren Projekte hatten gezeigt, dass diese Hominiden eine hochvariable Ernährung hatten. Deshalb fragten wir uns, ob sie viel durch das Land gezogen waren", sagt Julia Lee-Thorp, Spezialistin für fossile Zahnanalyse an der britischen University of Oxford. "Doch als die Ergebnisse kamen, merkten wir schnell, dass wir einen ganz anderen Treffer gelandet hatten - einen Unterschied zwischen den Männern und Frauen, sehr unerwartet."

Hauptwerkzeug der Forscher war die sogenannte Laserablation, bei der ein gepulster Laser eine winzige Probe vom Material zum Verdampfen bringt. So ließ sich der Zahnschmelz auf seine Varianten des Elementes Strontium untersuchen: Strontium kommt in der Natur in Fels und Erde vor und seine verschiedenen Formen, die Isotope, sind in diesen geologischen Materialien in ganz unterschiedlichem Verhältnis verteilt. In der Nahrungskette wiederum werden diese Strontium-Isotope von Pflanzen und Tieren aufgenommen.

Deshalb lasse sich aus deren Verhältnis, in dem diese während des Wachstums auch in die bleibenden Zähne gelangen, auf den Aufenthaltsort in der Kindheit schließen, so Copeland: "Die Strontium-Isotop-Verhältnisse sind ein direkter Spiegel der Lebensmittel, die diese Hominiden aßen, die wiederum die örtliche Geologie widerspiegeln."

chs/dapd

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS
alles zum Thema Anthropologie
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Homininen und Hominiden
Affen- und Menschenartige
Ein Hominid oder Menschenaffe ist ein Mitglied der taxonomischen Familie, zu der Menschen, Schimpansen, Gorillas und all deren ausgestorbene gemeinsame Vorfahren gehören. Der Begriff Hominine umfasst dagegen alle Mitglieder der Gattung Homo und deren ausgestorbene Verwandten, die dem Menschen näher stehen als den Schimpansen. Dazu zählen also nicht Schimpansen und Gorillas sowie deren Vorfahren.
Sahelanthropus tchadensis (7 bis 8 Millionen Jahre)
Dieses bisher älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahel-Zone in Zentralafrika. Der Fund namens Toumaï könnte aus der Zeit der Trennung der Affen-: und Menschenartigen stammen.
Orrorin tugenensis (6 Millionen Jahre)
Französische und kenianische Wissenschaftler fanden im Oktober 2000 in der Boringo-Region (Kenia) die Reste des "Millennium-Menschen". Er zeigt deutliche Hinweise auf den aufrechten Gang. In der Fachwelt ist jedoch umstritten, ob er ein direkter Vorfahr des Menschen war.
Ardipithecus ramidus (4,4 Millionen Jahre)
"Ardi" revolutionierte das Bild unserer Urahnen: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen (Homininen) und ist weit mehr von den Affen entfernt als bisher vermutet, wie im Oktober 2009 ein Forscherteam im Fachjournal "Science" berichtete.
Australopithecus afarensis (3,2 - 3,6 Millionen Jahre)
Am 30. November 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Homininen gilt. Für Furore sorgte auch der Fund eines Kindes im Jahr 2006, das als "Lucys Baby" bekannt wurde.
Homo rudolfensis (2,5 - 2,3 Millionen Jahre)
Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die Australopithecinen und nutzte auch schon Werkzeuge. Er gilt als die älteste bisher entdeckte Art der Gattung Homo. Doch wie bei Australopithecus sediba streiten sich Forscher noch um die Zuordnung zu einer Spezies. Manche Wissenschaftler zählen ihn zur Art Homo habilis, andere widerum erkennen in ihm gar einen Australopithecinen oder einen Kenyanothropus.
Australopithecus sediba (2 - 1,8 Millionen Jahre)
Am 15. August 2008 entdecken Paläoanthropologen in der Nähe von Johannesburg die knapp zwei Millionen alten Überreste eines Jungen und einer Frau. Sie könnten ein lange gesuchtes Bindeglied zwischen den noch affenartigen Vormenschen und den frühen Menschen darstellen, berichtet ein Forscherteam im Fachjournal "Science" im April 2010.
Homo erectus (1,8 Millionen - 300.000 Jahre)
Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien. 1891 entdeckt der Holländer Eugène Dubois einen Javamenschen, der vor 500.000 Jahren gelebt hat. In Georgien finden Forscher seit 1999 mehrere 1,75 Millionen Jahre alte menschliche Überreste, die dem Homo erectus zugerechnet werden.
Homo heidelbergensis (780.000/500.000 Jahre)
Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben. 1995 werden in Gran Dolina (Spanien) 780.000 Jahre alte Überreste von vier Menschen dieser Art und Werkzeuge gefunden. Sie zählen zu den frühesten Menschen Europas, starben wahrscheinlich aber aus.
Homo sapiens (160.000 Jahre bis heute)
Die bisher ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien. Die 2003 analysierten Schädelknochen erhärten nach Ansicht der Forscher die Vermutung, dass die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die ganze Welt ausgebreitet haben.
Homo floresiensis (120.000 - 10.000 Jahre)
Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur ein Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 auf der Insel Flores gefunden worden. Seit Jahren streiten Wissenschaftler, ob es sich um eine eigene Menschenart oder nur einen kranken Homo sapiens handelte.
Homo neanderthalensis (130.000 - 30.000 Jahre)
Morphologische Eigenschaften, die für Neandertaler typisch sind, fand man bereits in etwa 400.000 Jahre alten Fossilien aus Europa. Doch man geht davon aus, dass die ersten Neandertaler vor etwa 130.000 Jahren entstanden sind. Heute gilt der Neandertaler als ausgestorbene Seitenlinie des Menschen. Er verschwand vor etwa 30.000 Jahren von der Bildfläche - warum, ist noch nicht vollständig geklärt.