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Zufallsfund aus der Steinzeit: Kupferbeil markierte Grenze zwischen Nord und Süd

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Zufallsfunde in Niedersachsen: Archäologen präsentieren Ulfberht-Schwert und Kupferbeil Fotos
Volker Minkus/ NLD

In Niedersachsen haben Wissenschaftler zwei Sensationsfunde präsentiert: ein Kupferbeil aus der Steinzeit und ein Ulfberht-Schwert aus dem Mittelalter. Das Beil deutet auf eine besondere Rolle des Bundeslands hin.

Eigentlich wollten die Jungen im Wald bei Steinbergen nur nach Militaria aus dem Zweiten Weltkrieg suchen. Dazu hatten sie sich eigens einen Metalldetektor geliehen. Vielleicht würden sie ein paar Patronenhülsen finden, vielleicht sogar noch etwas Größeres - denn im April 1945 hatten sich auf dem Steinberger Hausberg, der Hirschkuppe, SS-Soldaten mit Einheiten der 5. US-Panzerdivision und der 102. US-Infanteriedivision heftige Kämpfe geliefert. Die alten Steinberger erinnern sich, dass noch Jahre später Stahlhelme mit Einschusslöchern im Wald herumlagen.

Doch an jenem Sonntag im März 2011 schienen die Jugendlichen kein Glück zu haben. Nur bei einem merkwürdigen Metallbrocken hatte der Detektor angeschlagen. Den hatten sie ausgebuddelt und erstmal eingesteckt. Dann kam auch noch ein Erwachsener und verlangte eine Genehmigung für den Metalldetektor - dabei war das Gerät doch nur geliehen.

Klumpen wird zum Sensationsfund

Der Erwachsene war Stefan Meyer, Leiter des Museums Eulenburg in Rinteln. Die Genehmigung konnten die Jungs ihm nicht zeigen, dafür zogen sie aber den Metallklumpen aus der Tasche. Meyer erkannte sofort, worum es sich handelte: ein prähistorisches Beil.

Während Archäologen in den darauffolgenden Tagen die Fundstelle genauer inspizierten, kam das Beil ins Labor. Was die Chemiker vom Institut für Anorganische Chemie der Leibniz Universität Hannover in der Folgezeit herausfanden, haben sie nun gemeinsam mit den Archäologen in Hannover vorgestellt.

Das über 400 Gramm schwere Beil wurde in der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends vor Christus hergestellt - aus fast reinem Kupfer. Wer dieses Beil gefertigt hat, muss über beachtliches technisches Know-how verfügt haben, denn der Schmelzpunkt von Reinkupfer liegt bei fast 1100 Grad Celsius. Über eine Isotopenanalyse konnten die Chemiker um Carla Vogt feststellen, woher das Metall stammte: aus den Ostalpen. Dort liegt auch eines der Hauptverbreitungsgebiete dieser Beilform, sie kommt fast im gesamten südöstlichen Mitteleuropa vor.

Niedersachsen hatte Mittlerrolle

Das zweite Verbreitungsgebiet liegt, räumlich weit davon entfernt, im südlichen Skandinavien. Die Hirschkuppe, auf der die Jungs das Beil fanden, liegt somit genau dazwischen. "Anhand des Kupferbeils zeigt sich die in vielen Epochen auszumachende Mittlerrolle Niedersachsens auf der Landkarte der Kulturentwicklung", sagt Landesarchäologe Henning Haßmann.

In der Tat liegt Niedersachsen im 4. vorchristlichen Jahrtausend direkt auf der Nahtstelle zwischen zwei sehr unterschiedlichen Kulturen. Im Süden ließen sich schon im 6. Jahrtausend vor Christus erste Bauern nieder und begannen, ihren Lebensunterhalt von dem zu bestreiten, was sie auf den fruchtbaren Lössböden anbauten. Im Norden und Nordwesten begannen die Menschen erst rund 1000 Jahre später, sich für Ackerbau und Viehzucht zu begeistern. Diese späteren Siedler benutzen die sogenannten Trichterbecher und bestatten ihre Toten in Megalithgräbern.

Allerdings interessierten sie sich auch brennend für das, was die viel weiter entwickelten Bauern im Süden so trieben - und unterhielten rege Kontakte. Die Kupferbeile sind ein Beispiel für diese Handelsbeziehungen. "Die Forschung geht inzwischen davon aus, dass in dem Umwälzungsprozess zur Sesshaftigkeit neolithische Eliten des Nordens sich Kupfer aus dem Ostalpenraum beschafft und dann im Norden als Prestigeobjekt verehrt haben", erklärt Haßmann.

Das Beil lag nicht allein

Wieso blieb nun dieses Beil ausgerechnet auf der Hirschkuppe, genau an der Saumstelle zwischen Nord und Süd, liegen? Wieder waren es die Chemiker, die weiterhelfen konnten: Sie haben an seiner Oberfläche Spuren eines weiteren Kupferobjekts gefunden.

Jahrtausendelang muss direkt neben dem Beil ein flaches Objekt, vielleicht ein zweites Beil, gelegen haben. Auch das war aus arsenhaltigem Kupfer, das allerdings aus einer anderen Lagerstätte kam: noch ein Stück weiter aus dem Osten.

Wahrscheinlich also lag das Beil in einem Hort mit wertvollen Metallobjekten. Dies deutet auf eine mögliche Besonderheit hin. "Der Fundort liegt genau auf der Schwelle zwischen den beiden steinzeitlichen Räumen und könnte eine mit Bedacht gewählte territoriale Markierung darstellen", sagt Haßmann. Die offenbar bewusste Deponierung erfolgte auf einem eindrucksvollen Sporn. Der Punkt liegt unmittelbar an einer Geländekante, die fast senkrecht nach Ost-Südost in Richtung des alten Passes durchs Weserbergland abfällt.

Ebenfalls per Zufall entdeckt: das Ulfberht-Schwert

Vielleicht ist also der Zufallsfund der Jugendlichen nicht nur der älteste Metallfund aus Niedersachsens Steinzeit, sondern auch noch die älteste bekannte Grenzmarkierung der Region.

Nicht nur das Kupferbeil, auch ein weiteres hervorragend erhaltendes Fundstück aus dem frühen Mittelalter wirft dabei ein neues Licht auf die Landesgeschichte Niedersachsen: ein Schwert des legendären Schmieds Ulfberht. Es war während des Baggeraushubs der Weser bei Großenwieden 2012 entdeckt worden - ebenfalls per Zufall.

Schwerter dieses Typs wurden im fränkischen Reich in der Karolinger- und Ottonenzeit vom späten 8. Jahrhundert bis ins 11. Jahrhundert gefertigt. Fast 170 Exemplare sind in 23 europäischen Ländern bekannt geworden.

"Die Funde belegen, dass schon sehr frühe Kulturen ausgeprägte technologische und künstlerische Fertigkeiten besaßen, komplexe Handelsbeziehungen aufbauten und außerordentlich mobil waren", erklärte Gabriele Heinen-Kljaji, Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur.

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1. erstaunlich
noalk 30.07.2014
Ich wundere mich immer wieder, welche Schlüsse Archöologen aus solchen Funden zu schließen wagen. Da vergisst ein beschwipster Werauchimmer an einem verkaterten Morgen sein Beil im Wald. Und 6000 Jahre später wird über dessen Verbleib eine Theorie aufgestellt (was ja wissenschaftlich erlaubt ist), weil sie ins bekannte Muster passt. Vielleicht ist da auch nur der Wunsch der Varter des Gedankens. Zweifel sind also ebenfalls erlaubt.
2. @noalk
cindy2009 30.07.2014
Sie würden sich wundern, welche Schlüsse sogar Paläontologen, Paläoökologen, etc. gezogen haben und sich dann tatsächlich handfeste Belege dafür fanden. Irrtümer gibt es natürlich auch. Aber nur raten - das wäre nun wirklich nicht die Arbeitsweise eines NWlers.
3.
kmutx 30.07.2014
Mich interessiert aber auch mal brennend, wie die Jugendlichen sanktioniert wurden. Davon kein Wort. Warscheinlich mussten sie ne saftige Anzeige hinnnehmen, obwohl gerade durch Sondengänger (welcher Art auch immer) oft wichtige Funde gemacht werden. Ja, auch zerstört.... ich weiss, aber trotzdem sonnen sich nun die Fachleute in dem Ruhm, den sie ohne den "Zufallsfund" der "Abenteurer" nie gemacht hätten.
4. Vorstellungskraft
mars55 30.07.2014
Kann mir nicht vorstellen, dass man damals mit einem so kostbaren Beil Territorien makiert. Die Aufklärungsqoute von Diebstahl lag zu der damaligen Zeit sicherlich auch nicht sehr viel höher als heute. Und zu welchem Zweck?? "Sie befinden sich hier an der Schwelle von der Steinzeit zur Kupfersteinzeit" ?? ""Der Fundort liegt genau auf der Schwelle zwischen den beiden steinzeitlichen Räumen und könnte eine mit Bedacht gewählte territoriale Markierung darstellen", sagt Haßmann." Diese zitierte Schwelle zwischen den beiden steinzeitlichen Räumen ist ja auch eine die erst nachträglich aufgrund unserer Interpretation zu dieser "Mitte" erklärt wurde und warum sollte diese damals markiert werden??? Aber interessant finde ich solche Artikel trotzdem immer wieder!
5.
omind 30.07.2014
Zitat von noalkIch wundere mich immer wieder, welche Schlüsse Archöologen aus solchen Funden zu schließen wagen. Da vergisst ein beschwipster Werauchimmer an einem verkaterten Morgen sein Beil im Wald. Und 6000 Jahre später wird über dessen Verbleib eine Theorie aufgestellt (was ja wissenschaftlich erlaubt ist), weil sie ins bekannte Muster passt. Vielleicht ist da auch nur der Wunsch der Varter des Gedankens. Zweifel sind also ebenfalls erlaubt.
Zweifel sind sicherlich erlaubt, und vieles davon sind (fundierte) Mutmaßungen. Was allerdings sehr unwahrscheinlich ist, ist dass jemand das Beil einfach beschwippst im Wald vergessen hat, denn man darf nicht vergessen, dass ein solches Beil damals ein ziemlich wertvoller Gegenstand war. Würden Sie ihr wertvollstes Hab und Gut im Suff im Wald vergessen?
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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