Umfrage Venezuela und USA sind Nationalstolz-Weltmeister

Welche Nation wird von ihren Bewohnern am meisten geliebt? Forscher haben nach Umfragen in 33 Ländern eine Weltrangliste des Patriotismus aufgestellt. Wo die Deutschen landeten, überrascht kaum. Dafür aber verblüffen die Österreicher.


Jetzt haben wir es schriftlich: Die Deutschen sind vaterlandslose Gesellen, das traurige Schlusslicht der internationalen Patriotismus-Liga. Meinungsforscher sind gleich zweimal durch zahlreiche Staaten gezogen und haben deren Bewohner zu ihrem Nationalgefühl befragt. Das wenig überraschende Ergebnis: Deutschland liegt auf dem letzten Platz.

Flaggen von EU-Staaten: Europäer mögen ihre Staaten nicht besonders - mit Ausnahme der Österreicher
Europäisches Parlament

Flaggen von EU-Staaten: Europäer mögen ihre Staaten nicht besonders - mit Ausnahme der Österreicher

Ganz Deutschland? Nein, nur der östliche Teil. Denn die Studie von Tom Smith und Seokho Kim von der University of Chicago basiert auf zwei Umfragerunden, von denen die erste noch nach Ost- und Westdeutschland unterschied. Mitte der neunziger Jahre hatten Bürger aus 23 Nationen Auskunft über ihr Nationalgefühl gegeben. In den Jahren 2003 und 2004 fand dann eine Neuauflage der Umfrage in 33 Ländern statt.

Die Teilnehmer wurden mit allerlei Sätzen konfrontiert, die bei vielen Menschen ein wohliges Gefühl innerer Wärme, so manchem Deutschen dagegen ein Gefühl der Magenverstimmung bereiten - Sätze wie etwa "Ich wäre lieber Bürger Deutschlands als irgendeines anderen Landes auf der Welt". Außerdem beurteilten die Leute spezielle nationale Errungenschaften aus Wissenschaft und Technik, Kunst und Sport sowie den weltpolitischen Einfluss ihres Landes.

Vielleicht hätte man die Umfrage erst nach der Flut der TV-Ranglisten-Shows abhalten sollen - also erst nachdem die Deutschen wussten, wer ihr bester Dichter, ihr schlauester Wissenschaftler und überhaupt der größte Deutsche war. So aber landeten die neuen Bundesländer auf dem letzten, die alten immerhin auf dem sechstletzten Platz.

Den Sieg in der Disziplin "allgemeiner Nationalstolz" trugen übrigens nicht die USA davon, wie mancher vielleicht vermutet hätte. Die Vereinigten Staaten landeten hier mit 17,7 von 25 möglichen Punkten nur auf Platz zwei, hinter Venezuela mit 18,4 Zählern. Allerdings können sich die US-Amerikaner damit trösten, dass sie beim Stolz auf spezielle Leistungen die Welt anführen, wie Smith und Kim im "International Journal of Public Opinion Research" schreiben.

Australien errang in beiden Wertungen den dritten Platz. Bei weitem interessanter ist, wer danach kommt: die Österreicher. Vierte im allgemeinen und Fünfte im speziellen Nationalstolz. Zur Erinnerung: Da ging es unter anderem um wissenschaftliche Leistungen und weltpolitischen Einfluss.

Jedenfalls ist die Alpenrepublik damit weit und breit die einzige der Nationen des "alten Europas" auf einem Spitzenplatz. Alle anderen stehen abgeschlagen im unteren Teil der Tabelle. "Es könnte sein, dass dies eine Reaktion auf die Globalisierung ist, besonders unter den jungen Menschen", spekuliert Smith. "Viele sehen sich genauso sehr als Europäer wie als Bürger ihres Landes. In einigen europäischen Nationen weckt starker Patriotismus auch negative Assoziationen."

Wie wahr. Zumindest sind die Deutschen in dieser Hinsicht in guter Gesellschaft. Denn wenig Nationalgefühl empfinden der Studie zufolge auch die Letten, Schweden, Slowaken, Polen, Taiwaner, Franzosen und Schweizer.

Markus Becker/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.