Umstrittene Abstimmung Neuschwanstein fällt bei Weltwunder-Wahl durch

Die Chinesische Mauer hat's geschafft, Neuschwanstein ist durchgefallen: In der Nacht wurden die "sieben neuen Weltwunder" vorgestellt. 70 Millionen Menschen waren dem Aufruf eines Millionärs gefolgt, die wichtigsten Bauwerke zu benennen. Die Unesco distanzierte sich von der Aktion.


Lissabon - Zu den bemerkenswertesten Bauwerken der Menschheit gehören künftig die Chinesische Mauer, die Steinstadt Petra in Jordanien, die Erlöser-Statue Christi in Rio de Janeiro, die Inka-Ruinenstadt Machu Picchu in Peru, die Ruinenstätte Chichén Itzá auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán, das Kolosseum in Rom und der Taj-Mahal-Tempel in Indien. Bekannt gegeben wurde die - allerdings inoffizielle - Liste am Samstagabend in einer weltweit übertragenen Fernsehshow in Lissabon.

Grund für die Aktion: Von den ursprünglich sieben Weltwundern der Antike, die um 200 vor Christus von dem griechischen Schriftsteller Philon von Byzanz aufgelistet wurden, existieren nur noch die Pyramiden von Gizeh in Ägypten. Das brachte den Schweizer Abenteurer, Filmemacher, Hobbyflieger und Millionär Bernard Weber auf die Idee, nach neuen Weltwundern zu suchen - mit Methoden, die er sich aus TV-Shows abgeschaut hat.

Zu Beginn der Initiative "New 7 Wonders of the World" standen zunächst 200 Gebäude und Monumente zur Auswahl. Rund 20 Millionen Internet-Wähler reduzierten die Liste auf 77 Stätten. Eine Jury aus sieben internationalen Architekten unter Vorsitz des ehemaligen Unesco-Generaldirektors Federico Mayor ermittelte daraus 21 Finalisten. Für Deutschland war Neuschwanstein in der engeren Auswahl

Unesco distanziert sich, Ägypten ist wütend

Die Veranstaltung war nicht unumstritten. Weber selbst lässt verbreiten, die Idee zum Weltwunder-Wettbewerb sei ihm vor sechs Jahren gekommen, als das Taliban-Regime in Afghanistan die Buddhas von Bamian zerstören ließ. Doch nicht jeder mag glauben, dass Weber lediglich versuche, "den Leuten die Augen für ihre Kultur und andere Kulturen zu öffnen", wie seine Sprecherin Tia Viering sagte.

Vor allem die Unesco als offizielle Hüterin des Weltkulturerbes distanzierte sich von der "privaten Kampagne". Um eine "schädigende Verwechslung" zu vermeiden, stellte die Organisation klar, dass es sich bei der Suche nach den neuen Weltwundern um eine private Medienkampagne ohne wissenschaftliche Kriterien handele, die zudem nur die Meinung von Menschen mit Zugang zu Kommunikationsmedien widerspiegle.

Besonders wütend reagierten die Ägypter, deren Gizeh-Pyramiden zunächst als einziges noch erhaltenes antikes Weltwunder ebenfalls unter den 21 Finalisten auftauchten. Sahi Hawas, Chef der ägyptischen Antikenbehörde und Hüter des einzigen noch existierenden alten Weltwunders, schäumte vor Wut über den "PR-Stunt" zugunsten der Tourismus-Branche. Webers Stiftung "New7Wonders" nahm die Pyramiden schließlich wieder aus der Abstimmung heraus und erklärte sie zum "ewigen Weltwunder".

Unbehagen machte sich auch breit angesichts der Tatsache, dass Geld in die Taschen der Stiftung floss, wenn Teilnehmer per Telefonanruf oder SMS wählten. "Ein kleiner Teil jedes Anrufs und jeder SMS geht an 'New7Wonders' und wird helfen, das gesamte Projekt zu finanzieren", heißt es auf der Internetseite der Stiftung.

Kritiker warfen der Stiftung daraufhin vor, sich bereichern zu wollen. Weber wies das zurück: Vielmehr habe er aus der eigenen Tasche draufzahlen müssen. Zudem solle die Hälfte der Einnahmen in die Restaurierung alter Baudenkmäler wie etwa die Buddha-Statuen von Bamian fließen. Webers Sprecherin Viering zeigte auch kein Verständnis dafür, "warum wir das Taj Mahal und die alte Maya-Stadt Chichén Itzá nicht vermarkten sollen, wenn 'Big Brother' und die neueste Jeans von Victoria Beckham" mit ähnlichen PR-Methoden so viel Erfolg hätten.

Patriotische Einflussnahme

Die für Indien zuständige Unesco-Expertin Nicole Bolomey kritisierte indes, dass die Kampagne kaum zur Erhaltung der gewählten Bauwerke beitragen werde - zumal die Finalisten ohnehin schon zu den größten Touristenattraktionen weltweit zählten. "Es besteht nicht wirklich die Gefahr, dass das Taj Mahal morgen zerbröckelt - andere Kulturstätten in Indien sind da weitaus bedrohter", sagte sie.

Auch die Vorstellung der Organisatoren, die Abstimmung werde - anders zum Beispiel als beim Eurovision Song Contest - objektiv und ohne patriotische Hintergedanken verlaufen, stellt sich im Nachhinein als etwas idealistisch heraus. In Spanien spendierte die Regierung 600.000 Euro für eine Werbekampagne zugunsten der früheren Maurenfestung Alhambra, in Brasilien machte sich Präsident Luiz Inacio da Silva schon mehrfach für die Wahl der Christus-Statue von Rio de Janeiro stark. In Jordanien ließ sich Königin Raha vor der Felsenstadt Petra fotografieren, und die Akademie der Großen Mauer erklärte es zur patriotischen Pflicht aller Chinesen, die vor zwei Jahrtausenden verpasste Gelegenheit wiedergutzumachen.

Anerkennung in der Dritten Welt

Überhaupt erntete Weber in Asien und der Dritten Welt große Anerkennung für seine Kampagne. Denn die sieben antiken Weltwunder standen nun einmal im Mittelmeerraum und in Vorderasien, weil dies die Welt des Antipatros war. In den heutigen armen Ländern werden die "Neuen Weltwunder" deshalb als Gelegenheit zu einer gerechteren Darstellung gewertet.

In Deutschland hielt sich die Euphorie dagegen in Grenzen; die Zahl der Teilnehmer blieb überschaubar. Da half auch das Engagement von Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber wenig, dessen SMS am Dienstag auch noch reichlich spät kam, wie Weltwunder-Sprecherin Viering meinte. Schon seit Monaten liegt Neuschwanstein abgeschlagen hinter der Konkurrenz, zuletzt war es irgendwo zwischen Platz 11 und Platz 20 eingereiht. Genauere Angaben machen die Organisatoren nicht, denn seit Freitag Mitternacht ist die Abstimmung geschlossen.

Viering konnte die Abstimmungs-Abstinenz der Deutschen nicht recht nachvollziehen. "Warum stimmen die nicht ab, sind sie denn nicht stolz auf Neuschwanstein? Das Schloss ist wirklich wunderschön, so etwas muss man lange suchen in der Welt." Es sei sogar Vorbild fürs Dornröschenschloss in Disneyland: "Das ist doch großartig!"

reh/mbe/AFP/dpa



Forum - Neuschwanstein – (k)ein Weltwunder?
insgesamt 171 Beiträge
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Seite 1
UlliK 11.05.2007
1.
Kitsch as Kitsch can
hans-werner degen, 11.05.2007
2.
Zitat von UlliKKitsch as Kitsch can
... wenn man es auf Postkarten sieht... wenn man davor steht: atemberaubend! Ähnlich dem Sonnenuntergang auf Capri.... der ist auch in Natura noch viel kitschiger als gemalt aber uuunvergeßlich!
waldschrat, 11.05.2007
3.
Wenn Disney World auch zu den neuen Weltwundern gehören soll, spricht eigentlich nichts dagegen :-)) Und zum Thema Kitsch: Es war der Geschmack des "Kinni" und er hatte die Macht, diesen Bau durchzusetzen. Ebenso wie Friedrich II. mit Sanssouci oder Ludwig XIV. mit Versailles oder Cheops mit seiner Pyramide. Mir persönlich gefällt zwar Neuschwanstein auch nicht. Aber wenn soviele dort hinpilgern ...? Man könnte es auch wegreißen. In Deutschland hat man ja Tradition (Berliner Schloß, Palast der Republik), sich bestimmter Gebäude zu entledigen, weil sie als Symbole für eine vergangene Zeit stehen. Die Franzosen haben da gottseidank rechtzeitig die Kurve gekriegt und nach dem Schleifen der Bastille damit aufgehört. Andernfalls wäre bestimmt auch der Arc de Triomphe gefallen.
het, 11.05.2007
4.
Zitat von waldschratWenn Disney World auch zu den neuen Weltwundern gehören soll, spricht eigentlich nichts dagegen :-)) Und zum Thema Kitsch: Es war der Geschmack des "Kinni" und er hatte die Macht, diesen Bau durchzusetzen. Ebenso wie Friedrich II. mit Sanssouci oder Ludwig XIV. mit Versailles oder Cheops mit seiner Pyramide. Mir persönlich gefällt zwar Neuschwanstein auch nicht. Aber wenn soviele dort hinpilgern ...? Man könnte es auch wegreißen. In Deutschland hat man ja Tradition (Berliner Schloß, Palast der Republik), sich bestimmter Gebäude zu entledigen, weil sie als Symbole für eine vergangene Zeit stehen. Die Franzosen haben da gottseidank rechtzeitig die Kurve gekriegt und nach dem Schleifen der Bastille damit aufgehört. Andernfalls wäre bestimmt auch der Arc de Triomphe gefallen.
Man kann wohl schlecht einen entmündigten, völlig unbedeutenden "Seelengestörten" (Zitat) mit einem mächtigen,intellektuellen Preussenkönig bzw. "Sonnenkönig" Frankreichs unter einen Hut bringen. "Kinis" Luftschlösser sind, bei aller Traumkulisse, Schmalz vom Feinsten und ohne Substanz. Insofern verbietet sich auch ein Vergleich mit Sanssouci oder gar Versailles. Heute hat es seine Berechtigung ausschliesslich als touristischer Anziehungspunkt und bringt somit Geld in die Landeskasse. Kein Weltwunder, aber heutzutage rechnet es sich wenigstens für Bayern.
waldschrat, 11.05.2007
5.
Zitat von hetMan kann wohl schlecht einen entmündigten, völlig unbedeutenden "Seelengestörten" (Zitat) mit einem mächtigen,intellektuellen Preussenkönig bzw. "Sonnenkönig" Frankreichs unter einen Hut bringen. "Kinis" Luftschlösser sind, bei aller Traumkulisse, Schmalz vom Feinsten und ohne Substanz. Insofern verbietet sich auch ein Vergleich mit Sanssouci oder gar Versailles. Heute hat es seine Berechtigung ausschliesslich als touristischer Anziehungspunkt und bringt somit Geld in die Landeskasse. Kein Weltwunder, aber heutzutage rechnet es sich wenigstens für Bayern.
So richtig "entmündigt" kann er wohl beim Bau noch nicht gewesen sein, ich schrieb ja auch von der "Macht" es zu bauen. Und es ist schon etwas "überheblich", aus heutiger Sicht über den damaligen "Zeitgeist" zu urteilen. Ich glaube, es war damals eine Zeit der Verklärung alles Mittelalterlichen. Und schauen Sie sich mal die Denkmäler nach der Gründung des preußischen Kaiserreichs an: Kyffhäuser, Cherusker-Denkmal. Auch nicht gerade Ausdrücke feinsinnigen Kunstverständnisses. Und um nochmals auf die "Macht" zurückzukommen, der "Alte Fritz" hat sich beim Bau auch gegenüber Knobelsdorff durchgesetzt und der war garantiert der bessere Baumeister von beiden. Und trotzdem stehen heute alle (oder vielleicht doch nur die meisten?) bewundernd vor dem Ensemble und nehmen diesen Eingriff garnicht wahr.
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