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Umstrittene Abwehr: Experten warnen vor Bushs löchrigem Raketenschild

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Experten protestieren gegen die US-Pläne, den Raketenschild auf Europa auszudehnen. Das System würde die Atomwaffen-Machtbalance auf der Welt gefährlich erschüttern - die Regierung Bush nehme gar eine nukleare Katastrophe in Europa in Kauf.

Die Ausgangslage schien günstig für die Regierung Bush. Auf der einen Seite Iran - ein Land, das britische Soldaten kidnappt, an der Atombombe bastelt, Menschenrechte mit Füßen tritt und Israel mit der Auslöschung droht. Auf der anderen Seite die USA, die allein mit technischen Mitteln die westliche Welt vor einer Bombe der Mullahs beschützen können. Behaupten zumindest US-Militärs.

Abschuss einer SM-3-Abfangrakete von Bord eines US-Kreuzers: Die USA wollen den Raketenschild auf Europa ausdehnen
AP / U.S. Navy

Abschuss einer SM-3-Abfangrakete von Bord eines US-Kreuzers: Die USA wollen den Raketenschild auf Europa ausdehnen

Doch so sehr die US-Regierung sich auch bei ihren Verbündeten bemühte: Die geplante Ausweitung ihres Raketenabwehrsystems auf Europa ist heftig umstritten. Washington will in Tschechien ein hochauflösendes sogenanntes X-Band-Radar stationieren, außerdem in Polen zehn Abfanggeschosse. Das erklärte Ziel: der Schutz der USA und Europas vor ballistischen Raketen aus Iran.

Experten aber halten das Vorhaben für gefährlichen Unsinn, sowohl aus technischer als auch politischer Sicht. Das wurde jetzt bei einer Tagung in Berlin erneut deutlich. Die Fachleute sind nicht nur davon überzeugt, dass der Raketenschild nie vollständige Sicherheit bieten wird - und nur sie zählt im Falle eines Atomangriffs. Sie glauben auch nicht daran, dass die US-Regierung in erster Linie ihr Territorium zuverlässig vor Atomraketen schützen will (geschweige denn das der europäischen Verbündeten).

"Die Gefahr ist fiktiv"

"Die Gefahr iranischer Atomraketen ist fiktiv", sagte Jürgen Altmann, Physiker von der Universität Dortmund. Derzeit sei nicht einmal absehbar, wann der Mullah-Staat über Raketen verfüge, die Atomsprengköpfe tragen können. Auch über Atomwaffen selbst verfügt Iran noch lange nicht. Und nach der Entwicklung einer einfachen Kernspaltungsbombe vom Hiroshima-Typ ginge noch eine Reihe weiterer Jahre ins Land, ehe Iran einen Hightech-Sprengkopf entwickelt hätte, der klein und leicht genug für den Transport auf einer Rakete wäre.

Selbst wenn Iran eines Tages funktionierende nukleare Langstreckenwaffen besäße: "Die Iraner wären kaum verrückt genug, mit einer solchen Waffe einen offenen Angriff auf die USA oder einen ihrer Alliierten zu wagen", sagte Geoffrey Forden, der ebenfalls an der Berliner Tagung teilnahm.

Die US-Raketenabwehr
Das System
AP
Die geplante Raketenabwehr der USA (Ground-Based Missile Defense, kurz GMD) umfasst die Erfassung, Verfolgung und Zerstörung anfliegender Raketen. Die Wurzeln des Programms reichen zurück bis in die fünfziger und sechziger Jahre, als das US-Militär erste Abfangsysteme gegen anfliegende ballistische Raketen entwickelte. Die ersten Versionen ("Project Nike") besaßen eigene Nuklearsprengköpfe, da sie nicht in der Lage waren, eine feindliche Rakete zu rammen. Die Bemühungen während des Kalten Krieges gipfelten in der von Präsident Ronald Reagan initiierten "Strategic Defense Initiative" (SDI), die auch als "Krieg der Sterne" bekannt und verspottet wurde.

Ursprünglich hat sich die Raketenabwehr ausschließlich gegen nukleare Interkontinentalraketen gerichtet, umfasst aber inzwischen auch Abwehrmaßnahmen gegen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Ballistische Raketen, das Hauptziel des Abwehrsystems, sollen entweder in der Startphase, im All oder kurz nach dem Wiedereintritt in die Atmosphäre abgefangen werden.
Raketen-Flugphasen
Boost-Phase: Während der Antrieb der Rakete feuert, bietet das Geschoss ein relativ leichtes Ziel, da es von Infrarotsensoren zu erkennen ist, noch relativ langsam fliegt und keine Täuschkörper einsetzen kann. Allerdings dauert die Boost-Phase normalerweise nur drei Minuten. Für einen Treffer müsste die Abfangrakete sich nahe des Startorts befinden. Eine weitere Variante ist der Abschuss mit dem "Airborne Laser", einem Hochenergie-Laser an Bord eines Flugzeugs, der sich allerdings ebenfalls nahe am Abschussort aufhalten müsste.

Mittlere Flugphase: Nachdem der Antrieb ausgebrannt ist, fliegt die Rakete mehrere Minuten lang antriebslos durchs All. "Kill Vehicles" sollen die Rakete rammen, was allerdings schwierig ist, da das feindliche Geschoss nun mit rund 25.000 km/h unterwegs ist. Außerdem setzen moderne Gefechtsköpfe in dieser Phase Köder ("Decoys") aus - etwa metallbeschichtete Ballons, die auch in ihrer Form dem echten Sprengkopf ähneln.

Endphase: Sie beginnt, wenn das Geschoss wieder in die Atmosphäre eintritt. Der Vorteil eines Abschusses in dieser Phase ist, dass die Abfangraketen kleiner und leichter sein können als in der mittleren Flugphase und die Köderballons verschwunden sind. Allerdings hat die Atomwaffe zu diesem Zeitpunkt ihr Ziel fast erreicht, zum Abschuss bleiben nur noch Sekunden. Zudem könnte das Zielgebiet von herabfallendem radioaktiven Material verseucht werden.
Kritik
Zahlreiche Experten glauben, dass eine sichere Abwehr ballistischer Raketen prinzipiell nicht möglich ist, da der potentielle Angreifer immer einen Schritt voraus ist: Schon technisch einfache Gegenmaßnahmen wie Täuschkörper, etwa in Form aluminiumbeschichteter Ballons, oder eine höhere Zahl angreifender Raketen können das Abwehrsystem überwinden. Und im Fall eines nuklearen Angriffs hätte schon ein einzelner nicht abgefangener Sprengkopf katastrophale Folgen. Eine ballistische Rakete im All abzufangen, wird auch als der Versuch bezeichnet, "eine Kugel mit einer Kugel zu treffen". Die technische Kontroverse gipfelt in einem Bericht der American Physical Society, der die Machbarkeit eines funktionieren Abwehrsystems in Frage stellt.

Ein weiteres Argument gegen die Raketenabwehr ist, dass sie das in Jahrzehnten austarierte atomare Gleichgewicht zwischen Russland und den USA aushebeln könnte. Zudem könnten Atombomben auch auf Wegen in die USA gelangen, die kein Raketenabwehrsystem blockieren könnte - etwa auf Schiffen oder auf dem Landweg.
Was also hat die US-Regierung im Sinn? Forden, Experte für strategische Waffen am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, erkennt in den US-Plänen für eine globale Raketenabwehr nicht nur defensive Zwecke: "Die USA wollen in Zukunft in der Lage sein, konventionelle Kriege gegen nuklear bewaffnete Staaten zu führen."

"Abschreckung ist ein Gefühl"

Das primäre Ziel der Global Missile Defense (GMD) sei nicht, andere Staaten vor Atomangriffen auf die USA oder gar Europa abzuschrecken. Denn die gewaltigen nuklearen Arsenale des Westens seien Abschreckung genug. Vielmehr solle "die Raketenabwehr sicherstellen, dass die USA nicht selbst von Angriffen auf andere Staaten abgeschreckt werden", sagt Forden. Schurkenstaaten mit Atomwaffen sollen das Gefühl bekommen, dass ihr Arsenal wertlos ist.

Das Kalkül: Potentaten wie der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il könnten die Supermacht künftig nicht mehr vorführen, nur weil sie Atomwaffen haben. Das gelte auch angesichts der Tatsache, dass das Abwehrsystem nach Ansicht von Fachleuten prinzipiell nie wirklich funktionieren kann. "Abschreckung ist ein Gefühl", sagt Forden.

Das aber betreffe nicht nur Nordkorea und Iran, sondern auch Russland und China. Auf der Berliner Tagung waren sich die Experten weitgehend einig: Der Raketenschild könnte das Verhältnis des Westens zu Russland und China nachhaltig schädigen und ein neues Wettrüsten auslösen. Insbesondere russische Interessen seien durch die Ausdehnung des Raketenschilds auf Europa direkt bedroht.

"Es ist sicherlich richtig, dass eine Radarstation und zehn Abfangraketen nicht das gesamte russische Atomarsenal obsolet machen", sagte Götz Neuneck vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Blicke man aber einige Jahre in die Zukunft, sehe die Sache völlig anders aus. Insbesondere das langfristige Ziel, die Zahl der Atomwaffen weltweit zu reduzieren, sieht Neuneck gefährdet. Installiere man in Europa ein Raketenabwehrsystem, wären die Russen niemals bereit, ihr Arsenal auf wenige Sprengköpfe zu verkleinern. "Die Globale Raketenabwehr ist das Ende der strategischen Abrüstung."

Das Zauberwort der Experten lautet Zweitschlagsfähigkeit: Das Abschreckungspotential von Atomwaffen beruht darauf, dass ein nuklearer Angriff mit einem vernichtenden Gegenschlag beantwortet würde. Dieses Konzept der "Mutual Assured Destruction" (MAD) hat die Menschheit im Kalten Krieg vor der nuklearen Vernichtung bewahrt - doch es funktioniert nicht mehr, wenn eine Atommacht ihr Drohpotential verliert.

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Forum - Braucht Europa einen Raketen-Schutzschild?
insgesamt 418 Beiträge
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1. Was Europa macht
nachthai, 29.03.2007
Zitat von sysopIm Streit um das geplante US-Raketenabwehrsystem gibt es erstmals Anzeichen von Entspannung zwischen den USA und Rußland. Dennoch bleibt die Frage: Braucht Europa wirklich einen solchen Schutzschild?
Wesentliche europäische Staaten scheinen der Meinung zu sein bedroht zu werden. Massnahmen werden eingeleitet: - Groß Britanien modernisiert seine Nuklearwaffen, - Frankreich modernisiert seine Nuklearwaffen, - Polen bindet sich stärker an die USA, - Tschechien bindet sich stärker an die USA und in Deutschland wird auf einem Niveau debattiert, dass man meinen kann, es gäbe keine Bedrohung. Ich fühle mich zu schlecht informiert, als das ich mir eine objektive Meinung bilden könnte!
2. Falsch gestellte Frage
Raknarak, 29.03.2007
Es geht nicht darum ob Eurpopa ein Raketenschutzschild benötigt, es geht darum ob die USA ihren Raketenschutzschild in Europa erweitern dürfen! Europa benötigt jedenfalls kein unausgereiften Raketenschutzschild der noch nie unter realen Bedingungen getestet wurde!
3. Schutzschild
CCCP, 29.03.2007
Zitat von sysopIm Streit um das geplante US-Raketenabwehrsystem gibt es erstmals Anzeichen von Entspannung zwischen den USA und Rußland. Dennoch bleibt die Frage: Braucht Europa wirklich einen solchen Schutzschild?
Europa braucht nicht nur ein eigenes EU-Raketenabwehrsystem, sondern auch eine Mauer (analog China), um eigene Expansion zu stoppen.
4.
Azrael, 29.03.2007
Zitat von nachthaiWesentliche europäische Staaten scheinen der Meinung zu sein bedroht zu werden. Massnahmen werden eingeleitet: - Groß Britanien modernisiert seine Nuklearwaffen, - Frankreich modernisiert seine Nuklearwaffen, - Polen bindet sich stärker an die USA, - Tschechien bindet sich stärker an die USA und in Deutschland wird auf einem Niveau debattiert, dass man meinen kann, es gäbe keine Bedrohung. Ich fühle mich zu schlecht informiert, als das ich mir eine objektive Meinung bilden könnte!
Da sich jeder ausmalen kann das gegen-Gegenmassnahmen viel einfacher und billiuger zu haben sind als eine effiziente Raketenabwehr ist das ganze ein Witz. Jeder Schild hat außerdem nur begrenzte Abwehrkapazitäten. Die einfachste Lösung ist mehr Raketen zu haben als ein Schild abwehren kan, und damit sind wir mal wieder beim Wettrüsten.
5. Fragliche Waffen....
Magister, 29.03.2007
Zitat von nachthaiWesentliche europäische Staaten scheinen der Meinung zu sein bedroht zu werden. Massnahmen werden eingeleitet: - Groß Britanien modernisiert seine Nuklearwaffen, - Frankreich modernisiert seine Nuklearwaffen, - Polen bindet sich stärker an die USA, - Tschechien bindet sich stärker an die USA und in Deutschland wird auf einem Niveau debattiert, dass man meinen kann, es gäbe keine Bedrohung. Ich fühle mich zu schlecht informiert, als das ich mir eine objektive Meinung bilden könnte!
1.Aber wohin würde ein "Raketen-Schild", wenn es denn je durchführbar wäre führen ? 2.Ich denke zu einem neuen Wett -und Aufrüsten, zu einer neuen Überschwemmung Europas mit Waffen, deren Sinn und Zweck fraglich ist. 3.Braucht Europa wirklich diese Waffen ? Ist eine Zukunft ohne Raketen nicht vorstellbar ?
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