Umstrittene Behandlung Ashley muss für immer Kind bleiben

Die Eltern eines geistig behinderten Mädchens entscheiden, dass ihre Tochter ihr Leben lang Kind bleiben soll: mit Hilfe von Hormontherapie und Operationen. Der Fall erregt die USA – und verbietet vorschnelle Urteile.

Von und Stefan Schmitt


Ashley war erst sechs, als sie aufhören sollte zu wachsen. Ihre Eltern wollten das so. Ärzte spritzten dem Kind Östrogen in hohen Dosen. Das weibliche Geschlechtshormon stoppte das Knochenwachstum, gleichzeitig raste Ashley durch die Pubertät. Ihre Brüste haben die Ärzte ihr vorsorglich entfernt, ebenso die Gebärmutter. Die Eltern nennen den medizinischen Einzelfall "Ashley Treatment" - die Ashley-Behandlung.

Patientin Ashley: Die Eltern zeigen in ihrem Weblog Fotos des Mädchens mit dem Geist eines drei Monate alten Babys

Patientin Ashley: Die Eltern zeigen in ihrem Weblog Fotos des Mädchens mit dem Geist eines drei Monate alten Babys

Bis zum Herbst war diese nur Fachkreisen bekannt, durch Veröffentlichungen im Fachjournal "Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine". Die Patientin wurde darin anonym beschrieben. Erst seit der Jahreswende ist der Vorname des Mädchens bekannt. Ihre Eltern haben im Internet Stellung bezogen - und in einem offenen Brief erklärt, warum sie glauben, dass es für ihre Tochter am besten ist, ihr Leben lang den Körper eines Kindes zu behalten. Der bewegende Eintrag im Weblog "The Ashley Treatment" ist auch ein Befreiungsschlag: Nach ersten Medienberichten in den USA hatten Kritiker der anonymen Familie vorgeworfen, "Gott zu spielen", eine "Entscheidung aus Bequemlichkeit" gefällt und damit gar "Eugenik" betrieben zu haben.

Ashley ist seit ihrer Geburt geistig und körperlich schwer behindert. "Mit mittlerweile neun Jahren kann Ashley ihren Kopf nicht aufrecht halten, sich umdrehen oder ihre Schlafposition verändern, ein Spielzeug festhalten oder sich alleine aufsetzen, von gehen oder sprechen ganz zu schweigen", beschreiben ihre Eltern. Das Mädchen reagiert zwar auf seine Umgebung, aber Ärzte gehen davon aus, dass es sich in Zukunft geistig nicht weiter entwickeln wird.

"Wir konnten kein Pflegepersonal finden"

Als Ashley Anfang 2004 sechs Jahre und sieben Monate alt war, suchten die Eltern Rat in der Kinderklinik der University of Washington in Seattle: Schon damals wuchsen Ashley seit fast einem Jahr Schamhaare, seit drei Monaten sprossen ihre Brüste. Besonders sorgten die Eltern sich aber um die Größe ihres Kindes: In dem vorausgegangenen halben Jahr war Ashley im Vergleich zu anderen Kindern überproportional schnell gewachsen. Die Familie befürchtete, dass sie sich nicht mehr richtig um ihr Kind kümmern könnte, wenn es zu groß - und zu schwer - werden würde. Denn bis dahin wurde Ashley zuhause - umgeben von zwei gesunden jüngeren Geschwistern - gepflegt, nur von ihren Eltern und zwei Großmüttern.

"Wir konnten kein qualifiziertes, vertrauenswürdiges und bezahlbares Pflegepersonal finden", schreiben die Eltern. Und die Eltern wollten ihre Ashley nicht "an fremde Hände" verlieren, wie die Hormonspezialisten Daniel Gunther und Douglas Diekema das Paar in ihrer Fachveröffentlichung vom Oktober 2006 zitieren. Das war das entscheidende Argument für die Experten. Es zieht sich als Rechtfertigung durch ihren gesamten Fachaufsatz.

Die beiden Ärzte stimmten einer Therapie zu, die in dieser Form als Experiment gelten muss: Gunther und Diekema wollten der Sechsjährigen hoch dosiertes Östrogen geben, um ihr Wachstum auf dem Niveau eines Kindes zu halten - und gleichzeitig einige Unannehmlichkeiten erwachsener Körper von ihrem fernhalten. Schon im Mai 2004 stimmte die Ethikkommission des Seattle Children's Hospital dem Vorhaben zu. Ashley sollte nicht größer als 1,30 Meter und nicht schwerer als 34 Kilogramm werden.

Gebärmutter und Brustgewebe entfernt

Doch bevor das Mädchen über zweieinhalb Jahre hinweg alle drei Tage ein neues Hormonpflaster aufgeklebt bekam, wurde das Kind operiert. Im Juli 2004 entfernten Ärzte seine Gebärmutter. So wollten sie verhindern, dass es einen Tumor im Bereich des Gebärmutterhalses entwickeln könnte – ein typisches Risiko einer Östrogentherapie. Auch die bis dahin nur knospende Brust entfernten die Chirurgen auf beiden Seiten, denn sie befürchteten, dass das Kind besonders große Brüste und sogar Krebs entwickeln könnte.

"Die Brustamputation sowie die Entfernung der Gebärmutter sind medizinisch und ethisch nicht zu rechtfertigende, bleibende Veränderungen an den Geschlechtsmerkmalen eines Mädchens", sagt Dirk Schnabel, Oberarzt der pädiatrischen Endokrinologie von der Berliner Charité zu SPIEGEL ONLINE.

Die Seattler Ärzte Gunther und Diekema hingegen stimmten den Eingriffen zu und begannen unmittelbar danach mit der Hormontherapie. Im Herbst endete sie - erfolgreich und ohne Nebenwirkungen, wie Ärzte und Eltern versichern. Für Experten in den USA ist es ein ethischer und moralischer Modellfall. In der Januar-Ausgabe der Fachzeitschrift der "American Academy of Pediatrics" fragen die Autoren des Leitartikels: "Ist es angemessen, das Wachstum schwer entwicklungsgeschädigter Kinder zu hemmen, um ihre Pflege zu vereinfachen?"

Forum - Pflege - das Wachstum hemmen?
insgesamt 407 Beiträge
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Seite 1
Klo, 04.01.2007
1.
---Zitat von sysop--- Eltern in Seattle haben entschieden, dass ihre behinderte Tochter ihr Leben lang im Körper eines Kindes bleiben soll. Das sei für das Mädchen das Beste, weil es eine bessere Pflege und Betreuung ermögliche, so die Eltern. Halten Sie dieses Argument für vertretbar? Soll mit solchen Maßnahmen die Pflege behinderter Kinder in der Familie vereinfacht werden? ---Zitatende--- Wie bitte? Wenn es ein Gipfel an Perversität gibt, dann muss er ungefähr so aussehen. Im übrigen hat das die Person spätestens ab ihrer Volljährigkeit selbst zu entscheiden. Das Klo.
Ninette2002, 04.01.2007
2.
---Zitat von Klo--- Im übrigen hat das die Person spätestens ab ihrer Volljährigkeit selbst zu entscheiden. Das Klo. ---Zitatende--- Hm. Der Fall liest sich schrecklich, keine Frage. Aber ich denke, in diesem Fall, wenn die geistige Behinderung in der Tat so schwer ist, spielt wohl die Volljährigkeit keine Rolle, da hier Volljährigkeit nicht Mündigkeit sein wird. Oder irre ich mich da? Grüße, Ninette
pappel 04.01.2007
3. Die Unbeteiligten
Wer keine Erfahrung mit schwerstbehinderten Menschen hat, sollte sich aus dem Thema raushalten. Niemand sonst kann sich den Druck auf die Eltern uns Angehörigen vorstellen. All die Empörten sollten nur mal eine Woche auf einer Station mit schwerstgeschädigten Rötelkindern verbringen um zu verstehen, was schwerstgeschädigt überhaupt bedeutet! Gruß Pappel
Klo, 04.01.2007
4.
---Zitat von Ninette2002--- Hm. Der Fall liest sich schrecklich, keine Frage. Aber ich denke, in diesem Fall, wenn die geistige Behinderung in der Tat so schwer ist, spielt wohl die Volljährigkeit keine Rolle, da hier Volljährigkeit nicht Mündigkeit sein wird. Oder irre ich mich da? ---Zitatende--- Das mag sein. Ich habe den Artikel und die Webseite erst jetzt gelesen und muss sagen. Das ist das perverseste, was ich in meinem bisherigen Leben gesehen habe. Mir fehlen die Worte. Dass es auch anders geht, zeigt z. B. Sisanani in Bronckhorstspruit. Ich verspüre Ekel.
Dr. Zeltzer, 04.01.2007
5.
Finde die Sache objektiv ethisch auch hochbrisant, und subjektiv einfach nur pervers. Werden demnächst dann gelähmten kindern Arme und Beine amputiert, damit sie weniger wiegen und in kleinere Betten passen?
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