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Umstrittene Elektroschock-Pistole: Briten rüsten Polizei mit Tasern aus

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Polizisten in England und Wales sollen im Umgang mit Elektroschock-Pistolen geschult werden. Das britische Innenministerium hat 10.000 der umstrittenen Taser bestellt. Menschenrechtler warnen vor einem flächendeckenden Einsatz der Waffe - sie haben Hunderte Todesfälle dokumentiert.

Zielen, abdrücken, dem Getroffenen Handschellen anlegen - so sieht ein Taser-Einsatz im Werbefilm aus. Die in den USA hergestellte Elektroschock-Pistole verschießt zwei kleine an Drähten hängende Pfeile, über die elektrische Impulse mit einer Spannung von 50.000 Volt übertragen werden. Diese paralysieren den Getroffenen regelrecht. Er verliert die Kontrolle über seine Muskeln und geht zu Boden.

In den USA gehört der Taser vielerorts zur Ausrüstung von Polizisten, in England und Wales hat die Polizei bislang nur relativ wenige ihrer Waffenträger mit der Pistole geschult. 6500 Beamte dürfen sie in genau definierten Fällen einsetzen. Tausend Mal wurde die Waffe seit dem Jahr 2004 eingesetzt - meist gegen gewalttätige Personen. Diese Zahl könnte in Zukunft deutlich ansteigen, denn das britische Innenministerium hat den Kauf von 10.000 der Elektroschocker beschlossen. 30.000 Beamte sollen im Umgang mit den Pistolen trainiert werden.

Alan Campbell, im Innenministerium zuständig für Verbrechensbekämpfung, bezeichnete das Risiko der umstrittenen Waffen als "gering". "Ich erwarte nicht, dass sie die Waffe der Wahl werden", sagte er der Radiostation BBC 4. Im Jahr 2007 seien Taser in lediglich 93 Fällen abgefeuert worden, 600 Mal hätten Beamte sie gezogen.

Obwohl das sogenannte Tasern in der Regel keine gesundheitlichen Folgen für Betroffene hat, ist es in der Vergangenheit immer wieder zu Todesfällen gekommen, unter anderem in Kanada. Nach Angaben von Amnesty International Großbritannien sollen in den USA seit 2001 mehr als 300 Menschen nach einem Taser-Einsatz gestorben sein. Deshalb plädiert die Menschenrechtsorganisation für eine eingeschränkte Nutzung.

Amnesty International befürchtet, dass Beamte nicht ausreichend im richtigen Umgang mit der Waffe trainiert werden. "Sie gehört in die Hände von Polizisten, die über Monate daran ausgebildet wurden", sagte Amnesty-Sprecher Oliver Sprague der BBC. Noch wichtiger sei, dass die Beamten nicht nur wüssten wie man den Taser einsetzt, sondern auch wann.

Die Association of Chief Police Officers begrüßte die angekündigte Beschaffung der Waffen. Erfahrungen hätten gezeigt, dass Taser Polizisten geholfen hätten, bei Zwischenfällen ohne Schusswaffen eingreifen zu können.

Taser gehören zu den sogenannten nichttödlichen Waffen. Sie sollen in der Regel erst dann eingesetzt werden, wenn Polizisten normalerweise zur Schusswaffe greifen würden. Allerdings gibt es auch die Befürchtung, dass die Waffe wegen ihrer vermeintlichen Harmlosigkeit immer häufiger auch in Situationen abgefeuert wird, in denen man auch auf sie verzichten könnte.

Hierzulande werden Taser bislang nur in Spezialeinheiten der Polizei (SEK) eingesetzt. Lars Lipke, Generalimporteur für Deutschland, hat nach eigener Aussage bislang "um die hundert Stück" an 13 der 16 Länderpolizeien verkauft. 2005 habe eine Expertenkommission der Innenministerkonferenz den Taser-Einsatz in SEKs befürwortet, für die Nutzung im normalen Polizeidienst jedoch weitere Untersuchungen empfohlen. "Deutschland ist in der Taser-Nutzung zurückhaltend", sagt Lipke im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Länder wie Frankreich hätten hingegen bereits Tausende der Elektroschocker bestellt.

Der Hersteller bietet die Elektroschockpistole in einer Polizeiversion an und als zivile Variante für jedermann - mit kürzerer Reichweite und in buntem Design. Es gibt jedoch auch Situationen, in denen sie versagt. Eine dicke, weit vom Körper abstehende Lederjacke etwa kann die Wirkung der Elektroimpulse verpuffen lassen. "Der Abstand der Kontaktnadeln zur Haut darf nicht größer sein als fünf Zentimeter", erklärt Taser-Verkäufer Lipke. Eine eng anliegende Motorradlederjacke schütze deshalb nicht vor den Impulsen, betonte er.

Mit Material von Reuters

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Taser: Der "weniger tödliche" Elektroschocker


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