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Umstrittene Spenderauswahl: Schon Herzstillstand reicht Ärzten für Organentnahme

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In Frankreich sollen die Regeln für Organspender geändert werden: Schon wenn ein Mensch einen Herzstillstand erleidet, sollen Ärzte zugreifen dürfen. Doch an dem Verfahren gibt es Zweifel - nachdem ein vermeintlich Toter auf dem OP-Tisch wieder aufwachte.

Die Grenze zwischen Leben und Tod verläuft von Land zu Land unterschiedlich. In Frankreich sogar von Klinik zu Klinik: In neun Krankenhäusern beginnt der Tod zurzeit früher als im Rest der Republik. Das zeigt ein Fall eines Mannes in Paris, der nach einem Herzstillstand für tot erklärt wurde und dem die Organe entnommen werden sollten. Die Chirurgen hatten nicht sofort Zeit, sich um den vermeintlich Toten zu kümmern. Das war sein Glück: Denn kurz vor der Organentnahme fing sein Herz wieder an zu schlagen.

Organtransplantation: Ärzte entnehmen einem Spender eine Niere
DPA

Organtransplantation: Ärzte entnehmen einem Spender eine Niere

Was sich anhört wie ein Alptraum, ist in Frankreich geduldeter Teil einer neuen Strategie: Das Land will mehr Organspender gewinnen.

13.000 Franzosen warten derzeit auf ein lebensrettendes Organ - oft vergeblich. Im Jahr 2007 hat die französische Behörde für Biomedizin daher ein Experiment gestartet, bei dem Organe nicht erst nach dem Hirntod entnommen werden dürfen, sondern schon nach einem Herzstillstand. Auch in Großbritannien, Belgien, Holland, Spanien, Österreich, der Schweiz und den USA gelten diese Regeln.

Doch in Frankreich wächst der Zweifel - nicht zuletzt nach der Rettung des 45-Jährigen, der im OP wieder aufgewacht ist. Der Mann war Anfang des Jahres nach einem Herzinfarkt in Paris auf der Straße zusammengebrochen. Der Rettungsdienst versuchte an Ort und Stelle vergeblich, ihn zu reanimieren. Dass die Helfer ihn dann in das Krankenhaus Pitié Salpêtrière brachten, wäre dem Mann beinahe zum Verhängnis geworden: Die Klinik ist eine von neun Einrichtungen landesweit, die sich an dem Organspende-Pilotprojekt beteiligen. Weil das Herz des Mannes keinen Schlag alleine tat und die Ärzte entschieden, dass sie seine Herzkranzgefäße nicht erweitern konnten, lag der Patient nach 90 Minuten als Organspender im OP. Als die Chirurgen dann mit der Entnahme beginnen wollten, atmete der Totgeglaubte plötzlich wieder, und seine Pupillen reagierten auf Licht. Heute kann der Mann wieder sprechen und laufen.

In Deutschland muss ein Mensch hirntot sein, wenn ein Arzt ihm Organe zur Transplantation entnehmen will. Das besagt das Transplantationsgesetz, das Empfehlungen der Bundesärztekammer folgt. Demnach müssen zwei Mediziner, die nicht zum Transplantationsteam gehören, unabhängig voneinander den Tod feststellen. Außerdem darf es im EEG keine Anzeichen von Hirnaktivität mehr geben.

"Ein Herz- und Kreislaufstillstand von zehn Minuten ist kein sicheres Äquivalent zum Hirntod", sagt Hans-Jörg Freese von der Bundesärztekammer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Das hat die Ärztekammer schon vor zehn Jahren festgelegt, und das gilt auch heute noch." Auf einen Bericht des "Focus", in dem ein deutscher Transplantationschirurg auch für Deutschland forderte, die Organspende nach irreversiblem Herz-Kreislauf-Stillstand "offen zu diskutieren", reagierte Freese ablehnend: "Das ist eine Außenseitermeinung, an unserem Gesetz wird sich nichts ändern."

Aus Mangel an Organen

Durch die Auswahlkriterien ist die Anzahl der in Frage kommenden Spender stark begrenzt: "Nur bei einem Prozent der Menschen, die im Krankenhaus sterben, tritt der Hirntod vor dem Herz-Kreislauf-Tod ein", sagt Birgit Blome von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Nur diese Patienten kämen aber für eine Transplantation in Frage. Doch bei vielen müssen die Ärzte erst die Angehörigen fragen, ob sie einer Organentnahme zustimmen - nur ein Bruchteil besitzt einen Spenderausweis.

Dabei ist das Interesse an Organspenden ungebrochen - sofern sie das eigene Leben retten können: Laut einer forsa-Umfrage der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung würden 82 Prozent der Bevölkerung eine Organspende annehmen, wenn sie vom Tod bedroht sind. Immerhin 67 Prozent würden auch einer Entnahme ihrer Organe nach dem Tod zustimmen, aber nur zwölf Prozent besitzen einen Spendeausweis. Im Falle eine Hirntods müssen dann die Angehörigen die schwierige Frage beantworten, was der Tote gewollt hätte. Mehr als 12.000 Menschen in Deutschland warten auf eine Leber, Niere oder ein Herz. Jeden Tag sterben drei von ihnen.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) will die Spendebereitschaft in Zukunft elektronisch speichern - auf der Gesundheitskarte. Auf Zustimmung in der Bevölkerung wird sie vermutlich stoßen: 2006 hatte eine Befragung von Leipziger Medizinpsychologen ergeben, dass 60 Prozent der Befragten einverstanden wären, wenn ihre Haltung zur Organspende im Personalausweis gespeichert würde. Anders begegnet die DSO dem dringenden Handlungsbedarf: Mit der Kampagne "Fürs Leben. Für Organspende" will sie auf das Problem aufmerksam machen. Unterstützung erhält sie von Schirmherrin Angela Merkel, die auf der Internetseite aufruft: "Die Entscheidung für eine Organspende ist eine Entscheidung für das Weiterleben eines Mitmenschen. Sagen Sie Ja zum Leben, sagen Sie Ja zur Organspende."

In Minuten vom Patienten zum Organspender

In Frankreich diskutieren Ärzte, Pfleger und Politiker heftig über Sinn und Nutzen des Experiments. Eine Ethikkommission , bestehend aus Ärzten, Rettungssanitätern und Pflegepersonal, prüft in regelmäßigen Abständen, was sich durch die Neuregelung verändert, welche Probleme auftreten. Bei der Diskussion über den Pariser Fall meldeten sich mehrere Rettungshelfer zu Wort: Sie erinnerten sich an "Situationen, in denen eine Person, von deren Tod alle Beteiligten überzeugt waren, nach langen Reanimationsversuchen doch wieder aufgewacht ist", heißt es in dem Bericht. Zwar seien diese Geschichten "absolute Ausnahmen", doch im Laufe eines Arbeitslebens könne man ihnen durchaus begegnen.

Die Agentur für Biomedizin hält im Gespräch mit der französischen Tageszeitung "Le Monde" den Vorteil der sogenannten Non-Heart-Beating-Donors (Organspender nach Herzstillstand) entgegen: "In den Niederlanden machen diese Entnahmen 30 Prozent aller Nierentransplantationen aus. Großbritannien und die USA verfahren nach demselben Prinzip."

Tatsächlich haben die Non-Heart-Beating-Donors den Organspende-Pool in den USA stark erweitert: Jede fünfte Spende kam in den vergangenen Jahren von Menschen, die einen Herzstillstand erlitten hatten. Doch auch dort melden Ärzte Bedenken an. In einem Aufsatz im Fachjournal "New England Journal of Medicine" schreibt Autor Robert Steinbrook: "Die Zeit vom Herzstillstand bis zur Todeserklärung beträgt normalerweise fünf Minuten, sie kann aber auch nur zwei Minuten kurz sein." Außerdem verabreiche ein Arzt einem potentiellen Organspender Heparin, um die Durchblutung der Organe aufrechtzuerhalten. Das könne wiederum zu Blutungen führen: "Aus einem intensivmedizinisch betreuten Patienten wird innerhalb von Minuten ein Organspender, dem die ärztlichen Handlungen eventuell schaden."

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