Umstrittene These Gene sollen Krebstod vorhersagen

Es steht in den Genen von Tumorstammzellen, ob ein Patient den Krebs überlebt, behaupten amerikanische Spezialisten. Mit Hilfe einer Gensignatur könne man besonders aggressive Tumoren identifizieren und den Krankheitsverlauf sicher prognostizieren. Andere Forscher sind dagegen skeptisch.

Von Jana Schlütter


Krebs: Möglicherweise reichen bisherige Behandlungsmethoden wie Operation, Chemotherapie und Bestrahlung nicht aus
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Krebs: Möglicherweise reichen bisherige Behandlungsmethoden wie Operation, Chemotherapie und Bestrahlung nicht aus

Seitdem vor kurzem Tumorstammzellen auf der Bildfläche auftauchten, ist Krebszelle nicht mehr gleich Krebszelle. Vielmehr gehen viele Krebsforscher mittlerweile davon aus, dass diese hierarchisch geordnet sind. Am Anfang einiger Krebserkrankungen steht demnach eine bösartige Zelle, die Eigenschaften der wandlungsfähigen Stammzellen besitzt und weitere Tumorstammzellen wie auch normale Tumorzellen bildet. "Den üblichen Behandlungsmethoden wie Chemotherapie und Bestrahlung entziehen sich diese Zellen offenbar", sagt Peter Lichter, Leiter der Abteilung für molekulare Genetik am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. So entstehe bei einigen Patienten trotz erfolgreicher Therapie wieder Krebs.

Die bösartigen Stammzellen könnten auch dafür verantwortlich sein, dass manche Tumoren bereits Metastasen streuen, wenn sie noch klein sind. Stimmt die Annahme, hätte das dramatische Folgen für die Krebstherapie: Es wäre dann zunächst unerheblich, wie stark sich ein Tumor durch eine Therapie verkleinern lässt. Im Zentrum der Bemühungen müssten die Tumorstammzellen stehen. Nur wenn sie als Wurzel der Krankheit ausgemerzt sind, könnte ein Patient als geheilt gelten.

Doch noch weiß niemand, ob dies für alle Tumoren gilt oder nur für manche. Unklar ist auch, ob nur Stammzellen für besonders aggressive Metastasen zuständig sind oder ob auch andere Tumorzellen diese Fähigkeit besitzen. Und direkt nachgewiesen hat die ominösen Stammzellen auch noch niemand.

Studie stützt Stammzellthese

Eine amerikanische Studie verleiht der Stammzell-These nun größeres Gewicht: Erstmals suchten kalifornische Onkologen nach einer Gensignatur, die Rückschlüsse darüber zulässt, ob in einem Tumor ein bestimmter Mechanismus aktiv ist, der es Stammzellen erlaubt, sich selbst zu erneuern. Die Forscher um Gennadi Glinsky vom Sidney Kimmel Cancer Center in San Diego fanden elf Gene, deren Zusammenspiel den sogenannten BMI-1-Signalpfad reguliert, der die Selbsterneuerung von normalen Stammzellen steuert. BMI-1 gilt als einer der besten Kandidaten, um in Zukunft auch Tumorstammzellen identifizieren zu können.

Die Forscher verglichen zunächst die Gen-Aktivitäten von genmanipulierten Mäusen ohne BMI-1 mit denen normaler Mäuse. Aus den Unterschieden ermittelten sie die Gensignatur, die sie auf Mäuse mit Prostatakrebs und schließlich auf menschliche Krebspatienten anwandten. Wie die Krebsforscher in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Journal of Clinical Investigation" schreiben, konnten sie auf diese Art 1153 Patienten mit zehn verschiedenen Krebsarten zuverlässig zu einer guten oder schlechten Prognose zuordnen - je nachdem, wie stark der Signalpfad in den Tumorzellen aktiviert war.

Signatur, die den Krebstod vorhersagt?

Brustkrebszelle unter dem Elektronenmikroskop: Aggressivität durch Gensignatur bestimmt?
NCI

Brustkrebszelle unter dem Elektronenmikroskop: Aggressivität durch Gensignatur bestimmt?

Ein Marker, der den Krankheitsverlauf bei derart vielen Krebsarten offen legt, ist bisher unbekannt - die Autoren tauften ihn daher "Tod-durch-Krebs-Signatur". Das "Journal of Clinical Investigation" feiert die Studie bereits als "revolutionär". Deutsche Krebsforscher sind weniger euphorisch. Peter Lichter, Leiter der Abteilung für molekulare Genetik am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, hält die Arbeit für eine "zentrale Studie". Doch sie basiere auf mathematischen Korrelationen und erbringe noch keinen kausalen Beweis.

"Sehr interessant aber ist, dass eine Signatur, die vom Stammzellcharakter von Tumorzellen ausgeht, auf derart viele Krebsarten anwendbar sein soll", sagte Lichter im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Wenn andere Forschergruppen die Ergebnisse mit größeren Fallzahlen reproduzieren könnten, rückten die Tumorstammzellen in den Mittelpunkt des Interesses. Forscher müssten stärker daran arbeiten, den Tumorstammzellen zu Leibe zu rücken.

Maßgeschneiderte Therapien als Ziel

Das Ziel der Krebsforscher ist eine maßgeschneiderte Therapie für jeden Patienten - egal, welche Krebsvariante er hat. Ein Blick in die Zukunft des einzelnen Kranken ist dabei wichtig, um ihn Behandlungskonzepten zuzuordnen: "Patienten mit schlechter Prognose würde man zu aggressiveren Therapieformen raten, bei Patienten mit guter Prognose kann man auf Behandlungen mit sehr belastenden Nebenwirkungen verzichten", sagt Lichter. Wenn sich die Tumorstammzellen als Maß für die Aggressivität von Tumoren durchsetzen sollten, müsste man vor allem diese bösartigen Stammzellen angreifen. Die Verkleinerung des Tumors wäre dann zunächst zweitrangig.

Martin Hildebrandt, ein für Stammzelltransplantationen zuständiger Onkologe an der Berliner Robert-Rössle-Klinik, ist gegenüber den Gensignatur-Prognosen noch skeptisch: "Dahinter stehen immer komplexe statistische Berechnungen, die stimmen können oder auch nicht", gibt er zu bedenken. "Und was mache ich, wenn laut Gensignatur der Patient nicht überleben wird? Soll ich ihm sagen, er soll lieber nach Acapulco fliegen und dort vom Felsen springen, weil es eh keinen Sinn hat?" Auch um zu entscheiden, ob man eine sanfte oder eine aggressive Therapie wählen sollte, hält er Gensignaturen wie die der kalifornischen Forscher für nicht ausgereift genug.

Zweifel an der Aussagekraft von Gensignaturen

Dass die neue Signatur aussagekräftig genug ist, bezweifelt auch Klaus Pantel, Direktor des Instituts für Tumorbiologie an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf: "Die Studie ist einerseits gut, weil sie eine interessante These aufgegriffen und auf verschiedenen Ebenen überprüft hat. Doch sie hat auch Schwachpunkte."

Wegen veralteter Technik hätten die kalifornischen Onkologen nur 12.000 und nicht, wie heute möglich, 30.000 Gene miteinander vergleichen können. "Jemand, der die neueste Technik verwendet, findet für dieselbe Signatur vielleicht zwanzig Gene", sagt Pantel. Auch die Bioinformatik hinter den statistischen Berechnungen stecke noch in den Kinderschuhen. Doch seine Hauptkritik an der US-Studie sind die geringen Fallzahlen bei verschiedenen Krebsarten: Erst wenn die Ergebnisse von anderen Forschern mit größeren Patientenzahlen bestätigt würden, wären sie - vielleicht - "revolutionär".



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