Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Umstrittene Tierhaltung: Bauer schießt Rinder selbst

Von Heike Engels

13 Jahre hat Hermann Maier mit den Behörden gerungen. Jetzt darf der Landwirt endlich tun, was er für richtig hält: Er erschießt seine Rinder eigenhändig, um sie dann zu schlachten. Die ganzjährig im Freien lebenden Tiere seien, so glaubt Maier, glücklich bis zum Ende.

"Du musst ganz leise sein", flüstert Ernst Hermann Maier, 63, während er durch den Elektrozaun Sicherheitsstufe drei kriecht und sich langsam der grasenden Herde nähert. Es ist früher Nachmittag, die Sonne scheint vom strahlend blauen Himmel, und im Hintergrund thront die Burg Hohenzollern auf der schwäbischen Alb.

Ein aufregender Moment, weil in der Rinderherde bis zu 30 ausgewachsene Bullen leben und man normalerweise Angst haben sollte. Aber Normalität findet man auf dem Bioland-Hof der Familie Maier in Balingen-Ostdorf nicht. "Bleib einfach immer hinter mir, mir tun die Tiere nichts", murmelt Maier.

Neugierig spähen uns die Rinder an - alle Altersstufen sind vertreten. Das ist das Besondere dieser Rinderherde, denn normalerweise werden die Jungtiere mit etwa neun Monaten von ihren Müttern getrennt. "Hast du schon mal das erbärmliche Schreien voneinander getrennter Mütter und Jungtiere gehört? Dieses Elend will ich nicht verantworten", sagt Maier. Uria-Rinder nennt der Schwabe seine Tiere, in Anlehnung an das Ur, den Auerochsen der Vorzeit. Maier kennt alle Rinder beim Namen. Schwere Bullen rangeln spielerisch miteinander, so dass ihre langen Hörner bei jedem Stoß laut knallen. Sobald sie Maier sehen, sind die Tiere lammfromm und lassen sich sogar streicheln.

Würdevoller Tod auch für Tiere

Vertrauen herrscht zwischen Maier und seinen Rindern. Die Tiere haben noch nichts Schlimmes durch Menschenhand erlebt. Weder werden sie aus der vertrauten Herde heraus gefangen und auf quälend lange Tiertransporte geschickt, noch dem Schlachthofstress ausgesetzt. Maier kennzeichnet seine Rinder auch nicht mit den normalerweise vorgeschriebenen Ohrmarken, sondern mit einem Mikrochip, der an der Schwanzwurzel implantiert wird. "Das ist nicht nur viel schmerzloser, sondern auch wesentlich sicherer. Aber leider wird dieses Verfahren bisher nur geduldet und noch nicht als Ersatz für Ohrmarken anerkannt."

Überhaupt hat Maier so seine Probleme mit manchen Vorschriften und Behörden. Das beginnt mit den Ohrmarken und endet mit dem Tod seiner Rinder. "Wenn Tiere getötet werden, dann so schonend und würdevoll wie möglich", meint der Landwirt. Es gelte, alles zu vermeiden, "was den Tieren Angst, Stress oder Schmerzen zufügt".

Des Bauern Lösung: Er begibt sich selbst auf die Pirsch. Mitten auf der Weide erlegt er das Rind seiner Wahl per Kopfschuss aus höchstens fünf Metern Entfernung. Damit kein Knall die Freunde des Unglücklichen aufschreckt, schraubt der Bauer einen Schalldämpfer aufs Gewehr. In einer selbst erfundenen mobilen Schlachtbox blutet das erschossene Rind aus und wird in den hofeigenen Schlachtraum gefahren. Doch bis Maier das alles durfte, musste er jahrelang mit der Obrigkeit ringen.

Mitleid mit schreiendem Bullen

Begonnen hat alles mit einer kleinen Fleckviehherde mit acht Milchkühen und 15 Jungtieren. Maier und sein Vater entschieden sich Anfang der achtziger Jahre, auf biologische Wirtschaftsweise umzustellen. "Die Tiere waren so degeneriert, die wussten gar nicht, dass man das Gras am Boden fressen kann."

Die Jungtiere blieben nun bei ihren Müttern. Maier gewann dadurch zwar keine Milch mehr, dafür aber Fleisch. Dann aber wurde Maiers Vater krank und die Zeit für die Betreuung der Herde knapp. Also ließ der Bauer die Herde einfach das ganze Jahr über im Freien - keine unumstrittene Methode. Nicht wenige prophezeiten Maier, seine Rinder würden an Kälte und Nässe zugrunde gehen. Doch die Rinder überlebten, fressen jetzt Gras und Bio-Heu und bekommen weder Hormone noch Antibiotika oder andere Futterzusätze.

Auch Maier wollte seine Rinder zuerst im Balinger Schlachthof töten lassen, zumal es einen Schlachthofbenutzungszwang gab. Bis zu dem Vorfall mit einem Jungbullen namens Axel vor 20 Jahren. Zwei Stunden hätten sie zu dritt versucht, den sich wehrenden Bullen in den Transporter zu bekommen. Ohne Erfolg. Als er nicht mehr habe toben können, habe er die Füße in den Boden gestemmt und jämmerlich geschrien.

Betäubung mit dem Bolzenschussgerät

Maier beschloss, das Tier an Ort und Stelle zu töten. Fortan betäubte er die Tiere mit einem Bolzenschussgerät direkt auf der Weide. Im Winter ging das leicht, aber im Sommer, auf der großen Weide, war es meist unmöglich - für Maier Grund genug, weiter an der Tötungsmethode zu feilen. Jäger kamen nicht in Frage, weil nur Maier sich den Rindern nähern konnte, ohne für Unruhe zu sorgen. So beantragte der Landwirt 1988 kurzerhand selbst eine Schießerlaubnis und Waffenbesitzkarte.

Die Behörden lehnten Maiers Antrag kategorisch ab. Der starrköpfige Landwirt ließ sich davon nicht beeindrucken und legte Widerspruch ein. Das anschließende Hin und Her dauerte unglaubliche 13 Jahre. "Die wollten unsere Art der Tierhaltung einfach nicht. Es ging so weit, dass Unbekannte 1996 die Herde vergifteten, 15 meiner Rinder starben", sagt Maier.

Menschen aus dem Ort beschwerten sich über das Brüllen der Bullen, einmal wegen des Lärmes und dann, weil sie annahmen, die Tiere schrien vor Durst. Dabei fährt Maier täglich rund 8000 Liter Wasser von seinem Brunnen hoch zur Weide. Etliche Leute empfanden Maier nicht als Tierfreund, sondern als jemand, der seine Rinder verwahrlosen lasse. Andere wiederum freuten sich über die natürlich lebenden Tiere und deren Laute. Manche kamen von weit her, um im Frühjahr die "Bullengesänge" zu hören.

Auch Wissenschaftler interessieren sich für diese besondere Tierhaltungsform und streiten sich dabei über das Für und Wider. "Es ist auf keinen Fall unproblematisch, über 30 ausgewachsene Bullen frei in der Herde mitlaufen zu lassen", sagt etwa Christoph Winckler von der Wiener Universität für Bodenkultur. "Das Handling dieser durchaus gefährlichen Tiere erfordert Fingerspitzengefühl und Umsicht." Der Aufbau der Mensch-Tier-Beziehung benötige viel Zeit. "Außerdem können Probleme durch Inzucht auftreten, da Maier bislang keine Zuchttiere zukauft", sagt der Experte für Tierhaltungssysteme. Nicht für jeden Landwirt sei diese Art der Haltung zu empfehlen.

Für die Tiere in den Ruin

Erst im Jahr 2000 entschied der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg, dass die zuständige Behörde Maier die Schießerlaubnis erteilen muss. Inzwischen gibt es für Maier viel zu tun: Durch den selbst auferlegten Schlachtstopp während des Prozesses schwoll die Herde auf 220 Tiere an. Maiers Weideflächen wurden knapp, Futter musste teuer zugekauft werden. Die Folge: Im Jahr 2000 war der Bauer pleite und dazu gesundheitlich schwer angeschlagen. Es drohte die Zwangsversteigerung von Haus und Hof. Nur die Spenden von 100 Privatpersonen verhinderten das.

Heute drückt zwar noch immer der Schuldenberg, aber es geht eindeutig aufwärts. Laut Maier schätzen die Kunden das Fleisch seiner selbsterlegten Rinder so sehr, dass es manchmal Lieferengpässe gibt. Wöchentlich schießt Maier jetzt zwei Rinder, auch Sohn Edgar und Tochter Annette haben inzwischen die Jägerprüfung abgeschlossen.

Jetzt will Maier auch andere Höfe mit seiner Methode der Fleischgewinnung beglücken: Sein Verein "Uria" soll die frohe Kunde von den glücklichen Rindern in die Welt tragen. Vor allem will Maier eine schrittweise Abschaffung der Schlachttiertransporte erreichen. "Viele Landwirte sind unzufrieden mit der gängigen Praxis, sie kennen nur keine andere Möglichkeit."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Uria-Rinder: Glücklich bis zum Tod

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: