Streit um Forscher-Statuen "Nature"-Text sorgt für Aufregung

Wie umgehen mit dem Andenken an Forscher, die Unrecht begangen haben? Das Wissenschaftsmagazin "Nature" hat dazu einen Kommentar veröffentlicht - und sich damit in die Nesseln gesetzt. Ein Proteststurm im Netz folgte.

Statue von Marion Sims in New York
AFP

Statue von Marion Sims in New York


Dass Amerika ein Problem mit einigen seiner Denkmäler hat, weiß die Welt spätestens seit Charlottesville: In dem Städtchen im US-Bundesstaat Virginia waren am 12. August Hunderte Rechtsextreme und Neonazis auf die Straße gegangen. Sie wollten verhindern, dass ein Monument des umstrittenen Südstaatengenerals Robert E. Lee aus einem Park der Stadt entfernt wird. Gegendemonstranten waren dafür. Ein Rechtsextremer tötete eine der Protestierenden und verletzte 19 weitere Menschen. Außerdem starben weitere Menschen beim Absturz eines Polizeihubschraubers.

Doch nicht nur um Generäle wie Lee, einem Befürworter der Sklaverei, wird derzeit gestritten, sondern auch um Wissenschaftler. Und hier wollte die renommierte Wissenschaftszeitschrift "Nature" mit einem Meinungsbeitrag in die aktuelle Diskussion eingreifen - leider ist das ganz offenkundig misslungen.

Im Netz gab es teils harsche Kritik an dem Editorial vom Montag, das zunächst unter der Überschrift "Die Entfernung von Statuen historischer Persönlichkeiten riskiert ein Schönfärben der Geschichte" veröffentlicht worden war.

Genau genommen stand das Wort "whitewashing" in der Überschrift des Textes, das wir mit "Schönfärben" übersetzt haben - eine problematische Wortwahl, geht es doch um das genaue Gegenteil von Schönfärberei. Durch das Entfernen solcher Denkmäler würde ja eher eine Schönfärberei beendet. Und dann gibt es womöglich auch ein Problem mit der Konnotation des Wortes. Das wird klar, wenn man weiß, dass es um weiße Wissenschaftler geht, die schwarzen Menschen Unrecht getan haben.

In dem "Nature"-Text wird der Fall des Gynäkologen J. Marion Sims beschrieben. Eine Statue von ihm steht im New Yorker Central Park, aber auch in anderen US-Städten gibt es Denkmäler für den Mediziner.

Das Problem: Sims hat seine Erkenntnisse durch Operationen an afroamerikanischen Sklavenfrauen gewonnen, allein die Sklavin Anarcha Wescott operierte er 30 Mal - häufig ohne Betäubung. Damals herrschte die irre Ansicht vor, schwarze Menschen würden Schmerz weniger stark empfinden als weiße.

"Desaströs" - so lautet ein Urteil über den Text

Das New Yorker Denkmal von Sims war zuletzt mit roter Farbe beschmiert worden, versehen mit dem Wort "Rassist". Neben diesem Beispiel befasst sich der "Nature"-Text auch mit Thomas Parran, der als Sanitätsinspekteur (Surgeon General) der USA verantwortlich für die sogenannte Tuskegee-Studie war.

Dabei waren in der Zeit zwischen 1932 bis 1972 Versuche zum Verlauf der Geschlechtskrankheit Syphilis an 399 afroamerikanischen Landarbeitern unternommen worden - indem man diese nur mit Placebos behandelte und ihnen beim Sterben zusah. Auch hier gab es eine abgrundtief rassistische Grundannahme: Schwarze Menschen könnten von der Infektion anders dahingerafft werden als weiße, weil sie angeblich simplere Gehirne hätten.

"Desaströs" sei der ursprüngliche "Nature"-Text gewesen, so das Fazit des Magazins "The Atlantic". Zu den Fehlannahmen gehöre der Gedanke, dass das Entfernen eines Denkmals einer Streichung dieser Person aus den Geschichtsbüchern gleichkomme. Wer so argumentiere, missverstehe die Rolle solcher Statuen im öffentlichen Leben. Denkmäler seien niemals eine akkurate Darstellung der Geschichte, sondern stellten vielmehr Einzelne heraus, die repräsentativ für Ideale und Triumphe seien.

Inzwischen hat "Nature" den Text überarbeitet und mit einem Korrekturhinweis versehen.

"Wir entschuldigen uns für den Originalartikel und unternehmen Schritte, damit wir vergleichbare Fehler in Zukunft nicht mehr machen", heißt es nun im Anlauftext des Editorials. Die neue Überschrift lautet nun: "Die Wissenschaft muss ihre Fehler und Verbrechen der Vergangenheit anerkennen".

(Die Abkürzung BIPOC steht übrigens für "Black, Indigenous and People of Color".)

chs



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