Umstrittener Knochenfund Vater Rhein, Wiege der Menschheit?

Sind alle Menschen Rheinländer? Das vermuten zwei Wissenschaftler aus Rheinland-Pfalz: Sie fanden angeblich Menschenaffen-Zähne im Ur-Rhein. Interessant, sagen Experten - stimmt nur leider nicht.

Rhein mit der Burg Katz, Rheinland-Pfalz
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Rhein mit der Burg Katz, Rheinland-Pfalz


Mainz dürfte im Miozän auf einer Insel gelegen haben: Bei subtropischem Klima bis hinauf in nördliche Breiten lagen die Meeresspiegel vor zehn Millionen Jahren so hoch, dass Europa eine von 25 Grad warmen Wellen umspülte Inselgruppe war. Bevölkert von einer Tierwelt, die der heutigen schon merklich ähnelte - auch, wenn wir die Arten, die Deutschland damals besiedelten, heute eher ein paar Tausend Kilometer weiter südlich finden.

Zum Beispiel Primaten. Wie Elefanten, Löwen, Gazellen und andere Tiere, die wir heute gemeinhin mit Afrika verbinden, lebten im Miozän auch im heutigen Rheinland zahlreiche Affenarten.

Modell eines Australopithecus: Lebten einst Vormenschen am Rhein?
AP

Modell eines Australopithecus: Lebten einst Vormenschen am Rhein?

Und einer von diesen, behaupten nun die rheinland-pfälzischen Archäologen Herbert Lutz und Axel von Berg, Leiter der Landesarchäologie in Rheinland-Pfalz, sei ein "Menschenaffe mit verblüffenden Ähnlichkeiten zur Entwicklungslinie der Menschen" gewesen.

Das wäre aus mehreren Gründen eine wissenschaftliche Sensation, denn

  • er wäre damit vier Millionen Jahre älter als selbst die frühesten Vertreter der Primaten, die man in eine direkte Entwicklungslinie mit uns Menschen stellt;
  • alle bisher identifizierten Vor- und Frühmenschen lebten in oder kamen aus Afrika;
  • der Fund implizieren könnte, dass die Entwicklungslinie des Menschen ihren Ursprung eben nicht in Afrika hatte, sondern im Rheinland.
Eckzahn aus den Dinotheriensanden von Eppelsheim, Rheinland-Pfalz: Menschenaffe oder Hirsch?
DPA

Eckzahn aus den Dinotheriensanden von Eppelsheim, Rheinland-Pfalz: Menschenaffe oder Hirsch?

So plausibel das sicher vielen Kölnern erscheinen wird, so skeptisch reagierten darauf Fachleute. Im Rahmen einer Pressekonferenz hatten die Archäologen ihren Fund in der letzten Woche vor- und danach direkt auch ausgestellt: Zwei Zähne, die sie als Backen- und Eckzahn eines Primaten deuteten und die am ehesten denen eines Ardipithecus ramidus oder Australipithecus afarensis ("Lucy") ähnelten.

Die aber lebten vor sechs, respektive 4,5 Millionen Jahren im Gebiet des heutigen Äthiopien. Sollte es so sein, das rheinländische Primaten ihren Verwandten im Süden entwicklungstechnisch Millionen Jahre voraus waren?

Paläontologen und Primatenexperten bezweifeln das stark. Allerdings hatte bisher niemand die Chance, die Fossilien selbst zu untersuchen: Lutz und von Berg hielten ihren Fund geheim und veröffentlichten ihre Studie dazu in der Publikation "Mainzer naturwissenschaftliches Archiv". Eine Zeitschrift ohne Peer Review, also ohne vorhergehende Prüfung durch unabhängige Fachleute. Noch sind der Aufsatz und die dazugehörigen Fotos also alles, was der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde - ein zumindest ungewöhnliches Vorgehen. Und jetzt werden die Funde erst einmal ausgestellt.

Dass sie zunächst die Öffentlichkeit suchten und erst danach weitere Untersuchungen ermöglichen wollen, können die Autoren erklären. Andere Wissenschaftler seien laut Lutz, der Projektleiter der Forschungsarbeiten in Eppelsheim ist, zunächst bewusst nicht hinzugezogen worden: "Wir wollten nicht im Kleingedruckten erscheinen. Es sollte klarwerden, wer diesen Grabungserfolg hat."

Fossiler Backenzahn: Einwandfrei Affe - aber auch Menschenaffe?
DPA

Fossiler Backenzahn: Einwandfrei Affe - aber auch Menschenaffe?

Schließlich hätten das Land und die Stadt Mainz in den vergangenen Jahren 800.000 Euro in die Grabung investiert. "Die Politik soll nicht die Frage stellen: Was haben die da eigentlich die ganze Zeit gemacht?"

Und was genau haben sie nun gefunden?

Einen Backen- und einen Eckzahn, die sie als Menschenaffen-Zähne deuten. Doch das stimme nicht, urteilt etwa der Paläontologe David Begun von der Abteilung Anthropologie der University of Toronto nach Studium der "wunderbaren Fotos" von den Funden: Das eine sei zwar ein Affenzahn, stamme aber wahrscheinlich von der Gattung Anapithecus, und die sei vor zehn Millionen im Rheinland mit mehreren Arten vertreten gewesen. Zahn Nummer Zwei hält er für das Bruchstück eines Wiederkäuer-Zahns.

Da stimmt ihm Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP) in Tübingen zu: Sie erkennt darin das Fragment eines Hirschzahns. Ähnlich skeptisch äußerten sich weitere Fachleute.

Studien-Mitautor Axel von Berg, Leiter der Landesarchäologie in Rheinland-Pfalz, reagiert entspannt auf die Kritik. Man habe das erwartet: "Ehe diese Forscher die Funde nicht selbst unter einem Binokular gesehen haben, gebe ich auf solche Äußerungen nichts."

Von Berg, der Vor- und Frühgeschichte sowie Anthropologie studierte, ist durchaus vom Fach, Lutz eigentlich auf Insekten spezialisiert. Ins Thema fossile Primaten hätte er sich mit seinem Team aber eingearbeitet. Das klingt selbstbewusst.

Ausgrabungen des Naturhistorischen Museums Mainz in den Dinotheriensanden von Eppelsheim: Hier floss einst der Ur-Rhein
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Ausgrabungen des Naturhistorischen Museums Mainz in den Dinotheriensanden von Eppelsheim: Hier floss einst der Ur-Rhein

Warum auch nicht? Auch Begun, der die These von den Menschenaffen-Zähnen nicht akzeptiert, hält die Funde trotzdem für wichtig: Auch über die Verbreitung von anderen Affenarten im Miozän Europas sei zu wenig bekannt. Nur mit Menschen oder Menschenaffen hätten die Funde eben nichts zu tun, denn sie lägen deutlich vor der Zeit, in der deren Entwicklung begonnen habe.

Vielleicht liegt das Problem vor allem in der Präsentation der Funde. Bei der Pressekonferenz kamen die steilsten Thesen durchaus nicht von den Autoren der Studie. "Ich will es nicht überdramatisieren", sagte etwa Michael Ebling, der Oberbürgermeister von Mainz, "aber ich würde vermuten, dass wir heute beginnen müssen, die Geschichte der Menschheit umzuschreiben".

Davon gehen Fachleute eher nicht aus, obwohl es in letzter Zeit mehrere Funde gegeben hat, die darauf hindeuten, dass sich den Entwicklungslinien der Menschen relativ nahe Affen oder Vormenschen weit früher auch außerhalb Afrikas fanden, als bisher vermutet.

Auch Studienautor Herbert Lutz geht davon aus, dass man wirklich Konkretes zu den Funden erst nach weitergehenden, "umfangreichen Untersuchungen" wird sagen können: Zurzeit stelle man dazu eine Forschergruppe zusammen. Weder er selbst noch von Berg behaupteten, mit dem Rhein-Fund den Urahn aller Menschen in Rheinland-Pfalz verortet zu haben - die Zähne seien den äthiopischen Funden von Vormenschen nur "verblüffend ähnlich". Lutz: "Wenn jemand anderweitige Beweise zeigt, dann sage ich: Okay, wir haben uns vergaloppiert. Irren ist menschlich."

Bis dahin bleiben die Fundstücke kleine "Sensationsfunde", die man sich ab Ende Oktober bis Anfang Januar im Landesmuseum Mainz ansehen kann und danach als Rekonstruktion im Naturhistorischen Museum Mainz. Gut möglich, dass da ungewöhnlich viel Fachpublikum aufläuft.

pat/dpa



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