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Umstrittener Nazi-Vergleich: Stammzellforscher kritisiert Kardinal Meisner

Der Stammzellexperte Jürgen Hescheler wirft Kardinal Joachim Meisner vor, die Gräben zwischen Wissenschaft und Katholischer Kirche zu vertiefen. Meisner hatte in einer Predigt das Weltbild des Evolutionsbiologen Richard Dawkins mit dem der Nazis verglichen.

Kardinal Joachim Meisner (Februar 2008): "Tiefer Graben zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Theologie" Zur Großansicht
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Kardinal Joachim Meisner (Februar 2008): "Tiefer Graben zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Theologie"

Köln - Mit Nazivergleichen kennt sich Kardinal Joachim Meisner aus. Seine Äußerungen haben wiederholt für Empörung gesorgt. Etwa als er Parallelen zog zwischen Abtreibungen und dem Holocaust. Oder als er religionsferne Kulturen "entartet" nannte - ein Begriff, den die Nazis häufig nutzten.

Am Sonntag hat der Kölner Erzbischof in seiner Allerheiligen-Predigt das Weltbild des Evolutionsbiologen Richard Dawkins mit dem der Nazis verglichen. Der renommierte Stammzellforscher Jürgen Hescheler hat den neuerlichen NS-Vergleich jetzt scharf zurückgewiesen. "Wir versuchen alle, dass Wissenschaft und Kirche wieder näher zusammenkommen. Die Aussagen von Kardinal Joachim Meisner vertiefen die Gräben nun wieder", sagte Hescheler dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

"Dabei würde ich als Wissenschaftler und praktizierender Katholik es mir sehr wünschen, wenn der Kardinal die Seite der Wissenschaft wieder stärker zu verstehen versucht", erklärte der Stammzellforscher von der Universität Köln. Hescheler fügte hinzu: "Es darf nicht sein, dass solch ein tiefer Graben zwischen den wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Theologie bestehen bleibt." Beide Seiten sollten zusammengebracht werden.

Eine Ideologisierung, wie nun von Kardinal Meisner sei "völlig unangebracht". Die Erkenntnisse aus der modernen Molekularbiologie und Genetik müssten mit dem modernen Menschenbild, aber auch mit dem der Kirche in Einklang gebracht werden.

Meisner hatte bei seiner Predigt am Sonntag laut Redemanuskript gesagt: "Ähnlich wie einst die Nationalsozialisten im einzelnen Menschen primär nur den Träger des Erbgutes seiner Rasse sahen, definiert auch der Vorreiter der neuen Gottlosen, der Engländer Richard Dawkins, den Menschen als 'Verpackung der allein wichtigen Gene', deren Erhaltung der vorrangige Zweck unseres Daseins sei."

Dawkins hat mehrere populärwissenschaftliche Bücher veröffentlicht, darunter "Das egoistische Gen" und "Der Gotteswahn". Der Biologe ist bekennender Atheist und Galionsfigur von Religionskritikern weltweit. Er hat unter anderem eine Atheistenkampagne auf Bussen in London unterstützt.

hda/ddp

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