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Umstrittenes Experiment: DNA-Tausch in Embryos soll Erbkrankheiten verhindern

Britische Forscher haben einen ethisch umstrittenen Versuch gewagt: Sie haben Embryonen erschaffen, die das Erbgut von zwei Frauen und einem Mann tragen. Für Frauen mit bestimmten Gendefekten könnte das eine Chance auf gesunde Kinder sein. In Deutschland wäre ein solches Verfahren jedoch nicht erlaubt.

Schwere Schäden: Edward Bernardi (rechts, hier mit Mutter Sharon) leidet an einer schweren Erbkrankheit, die durch Probleme an den Mitochondrien verursacht wird. Zur Großansicht
Reuters

Schwere Schäden: Edward Bernardi (rechts, hier mit Mutter Sharon) leidet an einer schweren Erbkrankheit, die durch Probleme an den Mitochondrien verursacht wird.

London - Blindheit, Taubheit, Herzversagen - all das sind mögliche Folgen von Mitochondriopathien, einer Gruppe von schweren Erbkrankheiten. Die Leiden können bei Kindern auftreten, wenn das Erbgut ihrer Zellkraftwerke, den Mitochrondrien, Schäden aufweist. Vererbt wird das die Mitochondrien-Genom nur über die Mutter. Britische Forscher haben nun einen Ansatz vorgestellt, der im Kampf gegen solche Krankheiten entscheidend weiterhelfen könnte. Risikopatientinnen könnten so - eines Tages - auf gesunde Kinder hoffen. Doch das Verfahren ist umstritten.

Die Forscher um Douglass Turnbull, von der britischen University of Newcastle berichten im Fachmagazin "Nature" von ihren Arbeiten: Sie hatten einen Embryo mit Erbmaterial von zwei Frauen und einem Mann geschaffen. Die Wissenschaftler hatten dazu die Zellkerne aus befruchteten menschlichen Eizellen entfernt. Dabei handelte es sich um frisch befruchtete Eizellen, wie sie auch bei der In-Vitro-Fertilisierung hergestellt werden, die dort allerdings nicht verwendet werden können.

Die Paare hatten die Eizellen für die Forschung hergegeben, berichten die Wissenschaftler. Es habe sich zu Beispiel um Eizellen gehandelt, die von zwei Spermien gleichzeitig befruchtet worden seien. Zum Zeitpunkt der Experimente hätten die Zellen in jedem Fall noch über zwei Kerne verfügt - das der Mutter und das des Vaters -, weil sich das mütterliche und das väterliche Erbgut noch nicht vereinigt gehabt hätten.

Die beiden Kerne isolierten die Forscher nun - und pflanzten sie in eine weitere Eizelle ein, aus der sie zuvor den Zellkern entfernt hatten. Erhalten blieben in dieser weiteren Eizelle jedoch die funktionierenden Mitochondrien. Aus der ursprünglichen Eizelle wurden dagegen nur zwei Prozent der Mitochondrien übertragen. Das sollte nach Ansicht der Forscher ausreichen, um Krankheiten zu verhindern. Denn diese kommen nur zum Ausbruch, wenn zu viele Mitochondrien des Kindes Mutationen aufweisen.

"Wie das Wechseln der Batterie an einem Laptop"

"Was wir getan haben, ist wie das Wechseln der Batterie an einem Laptop", sagte Turnbull. "Die Energieversorgung funktioniert dadurch richtig, aber die auf der Festplatte gespeicherte Information ist unverändert." Im vergangenen Jahr hatten Wissenschaftler um Masahito Tachibana und Shoukrat Mitalipow von der University of Oregon in Beaverton bereits über ähnliche Versuche mit Affen-Embryonen berichtet. Nun haben Turnbull und seine Kollegen das Prinzip beim Menschen angewendet.

Ein wichtiges Problem, das den Forschern dabei aber bisher zu schaffen macht: Von den von ihnen hergestellten Embroynen überleben nur vergleichsweise wenige. An 80 Embroynen hatten die Wissenschaftler ihre Technologie ausprobiert. Davon wuchsen gerade einmal 18 zur Größe von acht Zellen heran. Und wiederum nur ein Bruchteil dieser Gruppe entwickelte sich zu einer sogenannten Blastozyste mit 100 Zellen weiter. Bei den Affen-Versuchen von Tachibana und Mitalipow hatten die Entwicklungsraten nach deren Informationen weit besser ausgesehen.

Die Arbeit der Wissenschaftler ist ethisch durchaus umstritten und wurde von der britischen Behörde für Embryo-Forschung kontrolliert. Turnbull räumte ein, dass nicht nur weitere Forschung nötig sei, sondern auch "die Bereitschaft der Menschen dafür, dass diese Arbeit Früchte trägt". Der Direktor der britischen Muskeldystrophie-Gesellschaft, Phil Butcher, lobte die Forschungsergebnisse immerhin als vielversprechend für betroffene Eltern, die vielleicht "eine echte Chance haben werden, gesunde Kinder zu bekommen". "Diese Krankheiten können zerstörerisch sein, sie sind äußerst hart, man würde sie seinem ärgsten Feind nicht wünschen."

In Deutschland wäre das neu entwickelte Verfahren bei menschlichen Embryonen gesetzlich unzulässig. Der Neurologe Thomas Klopstock von der Universität München äußerte sich im "Tagesspiegel" ohnehin skeptisch. In schweren Fällen, könne mit der Technik zwar eine Erkrankung des Kindes verhindert werden, sagte der Mediziner. Schwer kranke Mütter würden häufig aber ohnehin auf Nachwuchs verzichten. "Und je milder die Erkrankung beim Nachwuchs voraussichtlich ist, desto weniger wird man gewillt sein, die zweifellos vorhandenen Risiken einzugehen." Schließlich könne man derzeitig nicht einschätzen, welche langfristigen Veränderungen der Kerntransfer im Embryo auslösen könnte.

chs/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
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1. Wenn, dann...
stami76 15.04.2010
Solche Nachrichten bestärken mich immer wieder in meiner Auffassung, dass alles, was wissenschaftlich theoretisch möglich ist, auch praktisch umgesetzt wird, komme, was wolle und ohne ethisches Wenn und Aber. Das Überschreiten scheinbarer oder konkreter ethischer Grenzen gehört nunmal auch zur angewandten Wissenschaft, und hat uns ja viel gebracht in der Bekämpfung menschlicher gesundheitlicher Schwächen. Mögen sich aus den beschriebenen Arbeiten konkrete therapeutisch erfolgreiche Massnahmen ergeben. Dennoch erscheint es mir schleierhaft, warum gerade die Fortpflanzung, genauer, die quasi unmögliche und für den Nachwuchs potentiell gefährliche solch ferwente Unterstützung innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft findet. Es gibt nunmal kein Menschenrecht auf Fortpflanzung, und es gibt eben Menschen, denen dieses (scheinbar so natürliche) "Recht" nicht gegeben ist. Ganz naive Frage: Wie wäre es damit, Kinder im natürlichen gebährfähigen Alter (also zwischen 16 und 26) und mit den besten gesundheitlichen Chancen auf die Welt zu setzen? Gesellschaftlich und wirtschaftlich unmöglich? WIESO?
2. Oh Mann, da werden Sie aber Zores kriegen -
frank_lloyd_right 16.04.2010
Zitat von stami76Solche Nachrichten bestärken mich immer wieder in meiner Auffassung, dass alles, was wissenschaftlich theoretisch möglich ist, auch praktisch umgesetzt wird, komme, was wolle und ohne ethisches Wenn und Aber. Das Überschreiten scheinbarer oder konkreter ethischer Grenzen gehört nunmal auch zur angewandten Wissenschaft, und hat uns ja viel gebracht in der Bekämpfung menschlicher gesundheitlicher Schwächen. Mögen sich aus den beschriebenen Arbeiten konkrete therapeutisch erfolgreiche Massnahmen ergeben. Dennoch erscheint es mir schleierhaft, warum gerade die Fortpflanzung, genauer, die quasi unmögliche und für den Nachwuchs potentiell gefährliche solch ferwente Unterstützung innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft findet. Es gibt nunmal kein Menschenrecht auf Fortpflanzung, und es gibt eben Menschen, denen dieses (scheinbar so natürliche) "Recht" nicht gegeben ist. Ganz naive Frage: Wie wäre es damit, Kinder im natürlichen gebährfähigen Alter (also zwischen 16 und 26) und mit den besten gesundheitlichen Chancen auf die Welt zu setzen? Gesellschaftlich und wirtschaftlich unmöglich? WIESO?
...ich stimme zu und nehme das gleich wieder zurück, denn ich will ja keinen Ärger. Es gibt massig Ethiker hier, und die Ethik ist das allein Entscheidende am Menschen ! Sie sagt : Der Mensch, so wie er ist, ist ideal und daran darf man nichts ändern (ich weiß auch nicht, wie man den Gehirnschaden genau nennt, denn man vorweisen muß, um als "Ethiker" ernstgenommen zu werden). "Praktisches" hat deshalb bei uns auch (noch) relativ geringe Chancen, da muß das Ausland vorangehen. Tut es ja auch.
3. ...
Narf 16.04.2010
Zitat von stami76Solche Nachrichten bestärken mich immer wieder in meiner Auffassung, dass alles, was wissenschaftlich theoretisch möglich ist, auch praktisch umgesetzt wird, komme, was wolle und ohne ethisches Wenn und Aber. Das Überschreiten scheinbarer oder konkreter ethischer Grenzen gehört nunmal auch zur angewandten Wissenschaft, und hat uns ja viel gebracht in der Bekämpfung menschlicher gesundheitlicher Schwächen. Mögen sich aus den beschriebenen Arbeiten konkrete therapeutisch erfolgreiche Massnahmen ergeben. Dennoch erscheint es mir schleierhaft, warum gerade die Fortpflanzung, genauer, die quasi unmögliche und für den Nachwuchs potentiell gefährliche solch ferwente Unterstützung innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft findet. Es gibt nunmal kein Menschenrecht auf Fortpflanzung, und es gibt eben Menschen, denen dieses (scheinbar so natürliche) "Recht" nicht gegeben ist. Ganz naive Frage: Wie wäre es damit, Kinder im natürlichen gebährfähigen Alter (also zwischen 16 und 26) und mit den besten gesundheitlichen Chancen auf die Welt zu setzen? Gesellschaftlich und wirtschaftlich unmöglich? WIESO?
Der Mensch ist leider nur sehr begrenzt vernunftbegabt...
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