Umstrittenes Gesetz: Britisches Unterhaus genehmigt Forschung an Mensch-Tier-Embryonen

Misch-Embryonen aus Mensch und Tier, Geschwister als Ersatzteillager - das britische Unterhaus hat Experimente in der Stammzellenforschung genehmigt, die in anderen Ländern strikt verboten sind. Nun muss noch das Oberhaus zustimmen.

London - Es war eines der umstrittensten Gesetzesvorhaben der Regierung von Premierminister Gordon Brown - nun hat das britische Unterhaus nach monatelanger Debatte dafür gestimmt, die Forschung mit Mensch-Tier-Embryonen zu erlauben. Die Abgeordneten billigten die Forschung mit sogenannten Chimären-Stammzellen am Mittwoch in dritter Lesung mit 355 gegen 129 Stimmen. Das Gesetz muss jetzt noch vom Oberhaus gebilligt werden.

Entkernung einer menschlichen Eizelle: Großbritannien erlaubt künftig auch die Herstellung von Chimären-Embryonen
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Entkernung einer menschlichen Eizelle: Großbritannien erlaubt künftig auch die Herstellung von Chimären-Embryonen

Brown hatte argumentiert, mit Hilfe der Forschung an Chimären-Stammzellen aus Mensch und Tier könne möglicherweise Millionen Menschen mit unheilbaren Krankheiten das Leben gerettet oder zumindest erleichtert werden, darunter Parkinson-Patienten. Großbritannien sei es künftigen Generationen schuldig, diese Forschung zu unterstützen.

Auch Gesundheitsministerin Dawn Primarolo warb vor der Debatte am Mittwoch für den Gesetzentwurf und betonte, 350.000 Menschen in Großbritannien litten an Alzheimer. Jede Woche werden der Ministerin zufolge fünf Kinder mit Mukoviszidose geboren, drei junge Menschen sterben an der Krankheit. Außerdem sei jedes siebte Paar in Großbritannien bei einem Kinderwunsch auf Unterstützung durch künstliche Befruchtung angewiesen. "Mit all diesen Themen befasst sich dieses Gesetz", sagte Primarolo.

Bei Vertretern der Kirche und Abtreibungsgegnern stoßen die Pläne auf scharfe Ablehnung. Sie fürchten, eine Lockerung der Gesetze zum Umgang mit Embryonen könne zu genetischer Manipulation am Menschen führen. Die geplanten Gesetzesänderungen sind die ersten in der britischen Embryonenforschung seit fast 20 Jahren.

Embryonen-Untersuchung ebenfalls erlaubt

Für die Herstellung von Chimären-Stammzellen injizieren Forscher den Kern aus der Körperzelle eines Menschen in eine leere Eizelle einer Kuh oder eines Hasen. Mit Stromstößen wird das tierische Ei zur Teilung angeregt und entwickelt sich zu einem frühen Embryo, dem anschließend die begehrten embryonalen Stammzellen entnommen werden können. Das Erbgut der Körperzelle, das teilweise inaktiv ist, wird in der Eizelle reprogrammiert - sodass sich daraus wieder alle Körperzellen entwickeln können. Diese Chimären-Stammzellen bestehen zu 99,9 Prozent aus menschlichem Erbgut und zu 0,1 Prozent aus tierischem.

Wissenschaftler wollen damit einem Mangel an menschlichen Eizellen für die Stammzellenforschung begegnen und haben betont, die Embryonen aus Mensch und Tier sollten nicht länger als 14 Tage am Leben bleiben.

Das Unterhaus erlaubte am Mittwoch auch die Untersuchung von Embryonen auf genetische Merkmale, um sogenannte rettende Geschwisterchen zu schaffen. Eltern eines kranken Kindes bekommen in solchen Fällen mit künstlicher Befruchtung ein weiteres Kind, das genetisch zum ersten Kind passt. Das Geschwisterchen kann dann zum Beispiel Knochenmark spenden, um das Leben des ersten Kindes zu retten.

David Stringer, AP

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