Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Umweltstreit in Kanada: BP will Öl aus Sand fördern

Von

Der hohe Ölpreis lässt Kanadas Regierung hoffen: Endlich lohnt sich die Ausbeutung ölhaltiger Sande in der Provinz Alberta. Nun steigt der Branchengigant BP ein, der sich eben noch als Umweltschützer profilieren wollte. Ölsandförderung jedoch ist ein äußerst schmutziges Geschäft.

Die Narben, die Kanadas Ölindustrie in Nähe von Fort McMurray schlägt, sind sogar aus dem All zu sehen: riesige Flächen, die auf Satellitenbildern grau erscheinen, umgeben von den sattgrünen Wäldern, die eigentlich die Landschaft in dieser Region prägen. Kanada möchte zur Ölweltmacht aufsteigen, und da müssen die Bäume eben weichen. Hier sei "das größte Klimawandel-Verbrechen aller Zeiten" im Gange, findet man bei Greenpeace. Und ausgerechnet BP, das Unternehmen, das sich gerade als zukunftsorientiert grüner Energieversorger präsentieren möchte und seine Intialen deshalb zum Akronym für "Beyond Petroleum" umgedichtet hat, will nun mitmachen bei der Spritgewinnung aus klebrigen Böden.

Die bestehen aus Lehm, Quarzsand, Wasser und bis zu zwölf Prozent zähem Bitumen - einer klebrigen schwarzen Substanz, Quelle der Hoffnungen kanadischer Politiker. Die Lokalregierung feiert den Abbau als "Triumph technologischer Innovation". Kritiker warnen vor Umweltzerstörung und einem gewaltigen CO2-Ausstoß.

In Alberta wird im Tagebau Ölsand gefördert. Auf einer Fläche von 77.000 Quadratkilometern befinden sich hier die größten wirtschaftlich nutzbaren Ölsandvorkommen weltweit. Die Reserven werden auf 27 Milliarden Tonnen geschätzt. Damit besitzt Kanada nach Saudi-Arabien die größten Ölreserven der Welt. Schon heute fördert Alberta täglich 1,2 Millionen Barrel (je 159 Liter). Im Jahr 2015 sollen es täglich 2,6 Millionen Barrel sein, bis 2030 bis zu 5 Millionen.

Der notwendige Aufwand ist gigantisch, die Werkzeuge titanisch: Die größten Bagger der Welt wühlen mit ihren Schaufeln Ölsand aus den Flözen und entladen ihn dann auf Spezialtransporter mit einem Eigengewicht von je 200 Tonnen und vier Meter hohen Reifen. Bis zu 400 Tonnen Ölsand auf einmal können sie aufnehmen. Zwei Motoren mit zusammen 3500 PS Leistung bewegen die Ladung dann im Zeitlupentempo zur Weiterverarbeitung.

Damit aus dem schwarzen, klebrigen Sand Rohöl wird, sind viele teure Arbeitsschritte nötig: Ölsandklumpen werden zerkleinert, dann mit heißem Wasser zu einer halbflüssigen Mixtur vermischt und in Extraktionsanlagen gepumpt. Hier wird das Bitumen in Zentrifugen von Sand, Ton und Wasser getrennt, bevor es dann in sogenannten Upgrader zu handelsüblichem Leichtöl aufbereitet wird. Im Durchschnitt braucht man zwei Tonnen Ölsand, um ein Barrel (159 Liter) Rohöl herzustellen. Und erzeugt dabei, zumindest laut Greenpeace, bis zu 125 Kilogramm CO2. Ein Barrel Rohöl aus herkömmlicher Förderung verursache dagegen nur etwa 29 Kilogramm Kohlendioxid. Das benutzte Wasser sei am Ende des Verarbeitungsprozesses so kontaminiert, dass es nicht in Ökosysteme zurückgegeben werden kann, sondern in gigantischen Abwasserseen aufbewahrt werden muss.

Lukrativ noch bei 40 Dollar pro Barrel?

Ein BP-Sprecher teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit, auch mit der neuen Abbaumethode, die man im sogenannten "Sunrise"-Feld, etwa 300 Kilometer südlich von McMurray anwenden will, sei das Verfahren "zweifellos energieintensiv". Man werde mehr CO2 pro Barrel produzieren als mit herkömmlichen Methoden der Erdölförderung. Wieviel mehr genau, hänge aber von der Technologie ab, die man erst noch weiterentwickeln wolle. In jedem Fall lohne sich der Abbau selbst dann noch, wenn der Ölpreis wieder "bis knapp über 40 Dollar pro Barrel" sinken sollte.

BP will in Alberta nicht in den Tagebau einsteigen, sondern den Ölschlamm mit Dampf aus dem Boden spülen: Die sogenannte Steam Assisted Gravity Drainage (SAGD) ist die Methode der Wahl. Dabei wird das Sand-Bitumen-Gemisch in 75 Metern Tiefe oder noch mehr zunächst mit heißem Dampf gelöst. Das verflüssigte Bitumen fließt ab in ein tieferes Bohrloch und wird von dort an die Oberfläche gepumpt. Umweltschützern zufolge verbraucht diese Methode allerdings sehr viel Energie. Bei BP schätzt man, dass man etwa 28 Kubikmeter Erdgas brauchen wird, um ein einziges Barrel unraffiniertes Bitumen zu fördern.

Die zehn größten Erdölförderer
1 Saudi-Arabien 525,0
2 Russische Föderation 485,0
3 USA 313,6
4 Iran 198,0
5 China 186,0
6 Mexiko 185,5
7 Kanada 152,0
8 Venezuela 151,0
9 Arabische Emirate 137,7
10 Norwegen 130,0
Angaben: Millionen Tonnen (2006), Quelle: Esso-Studie Oeldorado 2007
Bis vor wenigen Jahren war den meisten Ölfirmen der Aufwand zu groß - inzwischen aber sind erstens die Methoden effizienter geworden und zweitens ist der Ölpreis in nie dagewesene Höhen gestiegen. Aktuell kostet ein Barrel über 87 Dollar - in den vergangenen Wochen kratzte der Preis aber auch schon an der 100-Dollar-Marke. Ein Barrel Rohöl aus Sand kostet derzeit in der Förderung etwa 15 Dollar, ein Barrel aus dem saudischen Wüsenboden unter 1 Dollar. Auch BP-Manager hatten vor einigen Jahren noch erklärt, es gebe wesentlich erfolgversprechendere Wege zum Öl als durch den Sand, man hatte sogar Anteile an kanadischen Sandölfeldern verkauft - nun aber hat man dieses Urteil offenbar revidiert.

Drei Milliarden Dollar wollen BP und der lokale Kooperationspartner Husky Oil eigenen Angaben zufolge bis zum Jahr 2012 in das "Sunrise"-Feld investieren. Noch einmal 2,5 Milliarden sollen in Raffinerie-Kapazität gesteckt werden - in den USA. Denn dorthin sollen die Fördermengen transportiert werden - Kanada gilt dem südlichen Nachbarn inzwischen als verlässliche Alternative zu den ölreichen Staaten im Mittleren Osten. Man werde, teilte Bob Malone, der Präsident von BP America mit, "Milliarden Dollar investieren, um die nordamerikanische Energieversorgung zu erweitern und die nordamerikanische Energiesicherheit zu verbessern".

Dem britischen "Independent" sagte ein Greenpeace-Sprecher: "Dass BP sich an diesem Geschäft beteiligt, ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht ihrer eigenen Rhetorik, sondern diese Vorräte sollten im Zeitalter des Klimawandels überhaupt nicht gefördert werden." Ein BP-Sprecher antwortete: "Diese Vorkommen wären ohnehin erschlossen worden."

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Erdöl: Ölsand und die Ressourcen der Welt

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: