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22. Februar 2013, 19:45 Uhr

Extreme Umweltverschmutzung

China räumt Existenz von Krebsdörfern ein

Schwermetalle belasten Chinas Flüsse und Grundwasser, Smog die Atemluft - nun hat die Regierung so deutlich wie nie die katastrophalen Folgen für die Bevölkerung anerkannt. Ein Bericht des Umweltministeriums erwähnt "Krebsdörfer" nahe Industriezentren, in denen sich schwerste Erkrankungen häufen.

Peking - China boomt - die Industrie verzeichnet traumhafte Wachstumsraten, das Geld sprudelt. Umweltschützer warnen jedoch schon lange vor den negativen Auswirkungen der explodierenden Wirtschaftsleistung. Natur und Menschen würden durch Verschmutzung von Luft und Boden extrem belastet. Nun hat die chinesische Regierung zum ersten Mal die Existenz von "Krebsdörfern" eingeräumt. Diese Orte weisen stark überhöhte Krebsquoten in der Bevölkerung auf.

"In den vergangenen Jahren haben Giftstoffe und Umweltverschmutzung (…) zu schweren gesundheitlichen Problemen geführt", heißt es in einem Bericht des Umweltministeriums. Das Papier erwähnt außerdem, dass "starke Belastungen von Luft und Wasser zu Notlagen geführt haben". Damit seien langfristige Risiken für die Bevölkerung verbunden - wie eben die sogenannten "Krebsdörfer".

Konkrete Angaben über die Anzahl oder Lage der betroffenen Dörfer macht der Bericht jedoch nicht. Auch auf detaillierte Informationen über Art und Häufigkeit der Erkrankungen wurde verzichtet.

Trotzdem ist das Papier, angelegt als "Fünf-Jahres-Plan zur Risikokontrolle von Chemikalien", bemerkenswert. Zwar gab es schon häufig Gerüchte und inoffizielle Meldungen über erhöhte Krebsraten in der Nähe von Industriezentren. Ein so klares Statement der Regierung zu den negativen Folgen des Raubbaus lag bisher jedoch nicht vor. Immer wieder wurde stattdessen auf fehlende Belege für den Zusammenhang von Verseuchung und der Ballung von Erkrankungen hingewiesen. Der Umweltanwalt Wang Canfa bestätigte der britischen BBC, dass der Begriff des "Krebsdorfs" zum ersten Mal in den offiziellen Regierungsdokumenten auftaucht.

"Ich halte das für eine positive Entwicklung" sagte Ma Jun, ein weiterer Umweltaktivist dem "Telegraph". "Das Problem zu benennen, könnte ein erster Ansatz zu einer langfristigen Lösung des Problems sein." In der bemerkenswerten Entwicklung sieht Ma einen weiteren Schritt der Regierung zu mehr Transparenz im Umgang mit Umweltschäden.

Immer mehr Tote durch Krebsgeschwüre

Die Zahlen aus dem Riesenreich sind alarmierend: Krebserkrankungen haben sich in den letzten Jahren zur ersten Todesursache im Land entwickelt. Einer von vier Chinesen stirbt statistisch an Krebs. Die Sterberate unter Krebspatienten stieg in den vergangenen 30 Jahren um 80 Prozent.

Neben der starken Verschmutzung der Atemluft, gerade in Metropolen wie Peking, befinden sich auch Flüsse, Grundwasser und Ackerflächen in einem beängstigend schlechten Zustand. Der chinesische Journalist Deng Fei verfolgt schon lange die Zusammenhänge von Verschmutzung und gehäuften Krebsfällen. Er sei "verängstigt", wenn er den Zustand vieler Wasserwege in seiner Heimat betrachtet, sagte er dem "Telegraph". "Es muss sich sehr bald etwas ändern", so Deng: "Sonst sind wir alle verloren."

jok

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