Es war nur ein versteinerter Fingerknochen, aber er enthielt eine Sensation. Wissenschaftler am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hatten den knapp 50.000 Jahre alten Knochen in der südsibirischen Denisova-Höhle im Altai-Gebirge entdeckt und konnten Erbmaterial aus ihm gewinnen. Eigentlich erwarteten sie, die DNA entweder einem modernen Menschen oder einem Neandertaler zuordnen zu können - doch beides traf nicht zu.
Der Knochen entpuppte sich stattdessen als Überrest einer bislang unbekannten Menschenart, die parallel zu den zwei anderen in Europa lebte - zu einem Zeitpunkt, zu dem das niemand erwartet hätte.
Im März berichteten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Nature" über den nach dem Fundort - der Dionysos-Höhle (russisch: Denissowa peschtschera) - benannten Denisova-Menschen. Sie hatten die komplette Sequenz der sogenannten mitochondrialen DNA entschlüsselt. Die spezialisierten Bereiche, die auch als Zellkraftwerke bezeichnet werden, verfügen über ein eigenes Erbgut, das rund 16.500 Bausteine umfasst. Dieses wird nur von der Mutter an die Nachkommen weitergegeben.
Die Unterschiede im Mitochondrien-Erbgut belegten bereits, dass es sich um eine weitere Menschenform handeln muss. Um mehr herauszufinden, analysierten die Forscher das komplette Erbgut des Urmenschen - also die aus rund drei Milliarden Bausteinen bestehende DNA des Zellkerns. Im Dezember meldeten sie in "Nature", dass sie die Erbgutsequenz des Denisova-Mädchens mit der des Neandertalers und des modernen Menschen verglichen haben.
Einige Merkmale des Denisova-Menschen finden sich demnach bei heute lebenden Einwohnern Papua-Neuguineas, aber nicht bei Europäern, Afrikanern oder Chinesen. Wahrscheinlich kam es also vor mehreren zehntausend Jahren in Südostasien zu einer Vermischung beider Arten. So hinterließ der Denisova-Mensch, wie auch der Neandertaler, einige Spuren im Genom des Homo sapiens.
Wahrscheinlich ist zudem, dass sich die Wege von Denisova-Menschen und den Neandertaler-Vorfahren vor rund 300.000 Jahren trennten. Während sich der bisher unbekannte Urmensch weiter in Richtung Osten ausbreitete, zogen die Neandertaler-Vorfahren gen Westen. Wann und wie der Denisova-Mensch verschwand, ist noch unklar. Die Leipziger Forscher hoffen, in russischen und chinesischen Sammlungen fossile Knochen zu finden, die der neu entdeckten Art zuzuordnen sind - so ließe sich mehr über sie herausfinden.
wbr
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
| alles zum Thema Anthropologie | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH