Unerfahrene Mediziner: "Jedes fünfte tote Frühchen könnte noch leben"

In der Frühgeborenen-Medizin leistet sich Deutschland einen Sonderweg: Auch Kliniken, die kaum Erfahrungen mit den Babys unter 1500 Gramm haben, dürfen diese versorgen. Eine Regelung, die Experten wie den Berliner Neonatologen Michael Obladen auf die Barrikaden treibt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Obladen, Sie fordern, Kliniken mit wenigen Frühgeburten von der Versorgung der Frühchen auszuschließen. Warum?

Frühchen im Brutkasten: "Da wird jedes Mal improvisiert"
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Frühchen im Brutkasten: "Da wird jedes Mal improvisiert"

Obladen: Weil deutsche und ausländische Studien eindeutig belegen, dass die Sterblichkeits- und Gehirnblutungsrate in kleineren und unerfahrenen Häusern deutlich höher ist. Jedes fünfte Frühchen, das nach der Geburt starb, könnte noch leben, wenn es im richtigen Haus zur Welt gekommen wäre. Gerade in der Frühchen-Versorgung ist Erfahrung wichtig, und die bekommt man nur, wenn man kontinuierlich viele Fälle zu betreuen hat. Es gibt Kliniken in Deutschland, die haben gerade einmal fünf Kinder unter 1500 Gramm pro Jahr. Da wird jedes Mal improvisiert, wenn so ein empfindlicher Winzling kommt. Die erfinden die Behandlung immer wieder neu.

Neonatologe Obladen: "Behandlungsergebnisse öffentlich machen"

Neonatologe Obladen: "Behandlungsergebnisse öffentlich machen"

SPIEGEL ONLINE: Bei anderen Patienten ist man in Deutschland vorsichtiger. Zum Beispiel müssen Kliniken Mindestmengen erfüllen, wenn sie Kniegelenke austauschen möchten.

Obladen: Das ist eine Schande, da wird mit zweierlei Maß gemessen. Es ist toll, wenn ein alter Mensch mit einem neuen Kniegelenk wieder sorglos wandern kann. Aber die Behandlung eines Frühchens entscheidet doch über ein komplettes Leben. Wenn ein so kleines Kind wegen unprofessioneller Behandlung Gehirnblutungen bekommt, ist es vielleicht dauerhaft auf Hilfe angewiesen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn alle Beteiligten klar ist, wie groß die Gefahren sind - warum sperren sich deutsche Krankenhäuser dann gegen eine Mindestmengenregelung?

Obladen: Wegen des Geldes, das sich mit Frühchen verdienen lässt. Je kleiner ein Kind ist, desto höher die Fallpauschale, die eine Klinik von der Krankenkasse bekommt. Auf einen lukrativen Patienten, der unabhängig vom Behandlungserfolg 80.000 Euro bringt, verzichtet ein Haus natürlich nicht gerne. Da will doch jeder dabei sein.

SPIEGEL ONLINE: Kann der Wettbewerb um die Frühchen auf Dauer nicht auch die Versorgungsqualität verbessern?

Obladen: Das funktioniert nur, wenn die Kliniken wie in anderen Ländern dazu verpflichtet würden, ihre Behandlungsergebnisse öffentlich zu machen. Solange keiner erfährt, wo die Behandlungsergebnisse und die Überlebensraten der Frühchen am besten sind, fördert unser System nicht die Qualität. Es verführt nur dazu, es noch billiger zu machen, damit die Gewinnspanne größer wird.

Das Interview führte Guido Kleinhubbert


Lobbyistenverbände streiten erbittert darüber, in welchen Kliniken Frühgeborene behandelt werden dürfen. Es geht um sehr viel Geld und das Leben einiger tausend Babys im Jahr. Lesen Sie den ausführlichen Bericht "Geboren am falschen Ort" in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL.

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