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Unfreiwillige Kreationisten-PR: Forscher fühlen sich von Filmemachern missbraucht

Eine Dokumentation über die angebliche Diskriminierung christlicher Forscher sorgt in den USA für Ärger. Für den Streifen wurden auch prominente Religionskritiker wie Richard Dawkins interviewt. Sie wollen nicht gewusst haben, dass der Film den Kreationismus propagiert - und sind jetzt sauer.

Richard Dawkins hält nicht viel von Religionen. In seinem neuen Buch "Der Gotteswahn" rechnet er ab mit dem Glauben ans Übernatürliche. Religiosität unterminiere den Intellekt, sagte Dawkins erst kürzlich in einem SPIEGEL-Interview, und Religion sei "mentaler Kindesmissbrauch". Sein Fazit: "Die Atheisten waren viel zu lange nett. Jetzt erheben wir die Stimme."

Pro-Kreationismus-Film "Expelled": Wissenschaftler über Inhalte bewusst getäuscht?

Pro-Kreationismus-Film "Expelled": Wissenschaftler über Inhalte bewusst getäuscht?

Heftigen Gegenwind bekommt der britische Forscher von christlichen Fundamentalisten aus den USA. Sie versuchen schon seit Jahren, ihre Lehre vom Kreationismus und "Intelligent Design" an Schulen und Universitäten als Alternative zur Evolutionslehre durchzusetzen, auch mit der Eröffnung eines eigenen Anti-Darwin-Museums. Und sie bedienen sich nun offenbar sogar trickreicher Filmemacher, um die verhassten Evolutions-Anhänger für ihre Zwecke einzuspannen.

Dawkins, aber auch der Biologie-Professor Paul Zachary Myers von der University of Minnesota und weitere Wissenschaftler bekamen im vergangenen Jahr die Anfrage eines Filmemachers namens Mark Mathis, der Interviewpartner für eine Dokumentation namens "Crossroads" suchte. Es gehe in dem Streifen um die aktuelle Debatte über Kreationismus, Evolution und "Intelligent Design", hieß es in dem Schreiben. Dawkins, Myers und weitere Kollegen sagten zu und ließen sich vor der Kamera befragen.

"Alarmierende Enthüllungen"

Doch dann kam das böse Erwachen: Statt in einer seriösen Dokumentation werden die Gespräche in einem Film namens "Expelled - No Intelligence allowed" verwendet, der ganz offen Propaganda für Kreationisten macht.

"Ich habe keine Interviews für Pro-Kreationismus-Filme gegeben", erklärte Myers zunächst in seinem Blog, bis er feststellen musste, dass er genau das getan hatte - wenn auch unwissentlich. Wie Dawkins fühlt auch er sich von den Filmemachern hinters Licht geführt. Wenn er gewusst hätte, um was für einen Film es sich handelt, hätte er sich niemals dafür hergegeben, erklärte Dawkins der "New York Times".

In dem "Expelled"-Trailer werden "alarmierende Enthüllungen" angekündigt. Die Freiheit des Denkens und des Infragestellens von Behauptungen sei aus Schulen, Universitäten und Forschungsinstituten verbannt worden, heißt es. Als Beispiele werden der Biologe Richard Steinberg und der Astrophysiker Guillermo Gonzalez aufgeführt - beide angeblich Opfer der Verfolgung religiöser Menschen.

Sternberg hatte 2004 in einem wissenschaftlichen Aufsatz erklärt, "Intelligent Design" sei der Evolution als Erklärung für die sogenannten Kambrische Explosion vorzuziehen. Vor rund 540 Millionen Jahren stieg die Zahl der Pflanzen- und Tierarten massiv an, was von den Anhängern des "Intelligent Design" als Beweis für die Existenz eines Schöpfergottes gewertet wird. Sternbergs Artikel wurde von dem Magazin kurze Zeit später zurückgezogen.

Übliche Praxis im Filmgeschäft

Gonzalez hatte in einem Buch das Leben als übernatürliche Erfindung beschrieben. Deshalb habe er seine Stelle an der University of Iowa verloren, behaupten seine Unterstützer. Die Universität selbst weist das zurück.

Der Produzent von "Expelled - No Intelligence allowed" bestreitet, dass Interviewpartner über den Inhalt des Films im Unklaren gelassen worden seien. Die Änderung des Filmnamens sei auf Empfehlung des Marketings geschehen, sagte er der "New York Times". So etwas sei im Filmgeschäft völlig normal. Nach den Angaben des Produzenten soll die Dokumentation im Februar in die Kinos kommen.

Der Biologe Myers erklärte, er hätte sich auch für einen Film interviewen lassen, der ausdrücklich für den Kreationismus trommelt. Allerdings, so schreibt er in einem Blogeintrag, hätte er sich dann wohl wesentlich "aggressiver" über die Ziele des Films geäußert.

hda

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Forscher gegen Kreationisten: Streit über Gott und Schöpfung

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