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Ungenaue Wahlprognosen: Meinungsforscher irren teils gewaltig

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Auch wenn Wahlforscher den Ausgang des Rennens ums Weiße Haus richtig vorhergesagt haben: In zwölf US-Bundesstaaten lagen sie mit ihren Prognosen 5 bis 15 Prozent daneben. Auch die Bedeutung des Rassismus bei der Präsidentenkür wurde offensichtlich falsch eingeschätzt.

Es ist ein Kreuz mit dem Wähler! Wo er dieses hinterlässt, versuchen Wahlforscher mit allerlei Tricks möglichst genau vorherzusagen. Doch häufig erleben sie am Wahlabend dann eine Überraschung - ebenso wie Wähler und Gewählte.

Barack Obama: Wahlprognosen lagen mitunter stark daneben
REUTERS

Barack Obama: Wahlprognosen lagen mitunter stark daneben

Bei der US-Präsidentschaftswahl 2008 lagen die Meinungsforscher zumindest in der Gesamtaussage richtig: Der Demokrat Barack Obama hat die Wahl mit deutlichem Vorsprung vor seinem Rivalen John McCain (Republikanische Partei) gewonnen. Doch wenn man die letzten Prognosen, etwa jene von der Webseite Realclearpolitics.com, mit den nun vorliegenden Auszählungsergebnissen vergleicht, dann wird schnell klar, wie unpräzise die Vorhersagen teilweise waren.

Betrachtet man allein die Differenzen der Stimmanteile von Obama und McCain - also den Vorsprung des Demokraten, dann weichen die Prognosen in immerhin zwölf US-Bundesstaaten um mehr als fünf Prozent vom wahren Ergebnis ab. Spitzenreiter sind dabei Vermont (plus 15 Prozent), Idaho (plus 14 Prozent) und Alaska (minus 11,5 Prozent). In den ersten beiden Bundesstaaten wurden die Stimmen für Obama deutlich unter- und jene für McCain überschätzt, in Alaska war es genau umgekehrt - siehe Tabelle.

Vorsprung Obamas vor McCain*: Prognosen und Ergebnisse
Bundesstaat RCP-Prognose* Wahl Differenz (Bradley-Effekt) Bradley-Effekt Vorwahlen
Alabama -23,3 -22,0 1,3 15
Alaska -14,5 -26,0 -11,5
Arizona -3,5 -9,0 -5,5 -4
Arkansas -9,3 -20,0 -10,7
California 24,4 24,0 -0,4 -7
Colorado 5,5 7,0 1,5
Connecticut 19,3 21,0 1,7 6
Delaware 21,0 23,0 2,0 12
Florida 1,8 2,0 0,2 7
Georgia -4,0 -7,0 -3,0 18
Hawaii 41,0 45,0 4,0
Idaho -39,0 -25,0 14,0
Illinois 24,7 23,0 -1,7 3
Indiana -1,4 1,0 2,4 3
Iowa 15,3 9,0 -6,3
Kansas -21,0 -16,0 5,0
Kentucky -13,5 -17,0 -3,5 -3
Louisiana -13,0 -19,0 -6,0
Maine 15,6 18,0 2,4
Maryland 23,0 23,0 0,0 7
Massachusetts 21,3 26,0 4,7 0
Michigan 13,5 16,0 2,5
Minnesota 9,8 10,0 0,2
Mississippi -11,4 -14,0 -2,6 8
Missouri -0,7 -1,0 -0,3 3
Montana -3,8 -3,0 0,8 11
Nebraska -19,0 -16,0 3,0
Nevada 6,5 12,0 5,5
New Hampshire 10,6 11,0 0,4 -7
New Jersey 15,5 15,0 -0,5 -4
New Mexico 7,3 15,0 7,7
New York 29,7 25,0 -4,7 -1
North Carolina 0,4 1,0 0,6 7
North Dacota -1,0 -8,0 -7,0
Ohio 2,5 4,0 1,5 -3
Oklahoma -24,0 -32,0 -8,0 4
Oregon 15,6 12,0 -3,6 5
Pennsylvania 7,3 11,0 3,7 -5
Rhode Island 19,0 28,0 9,0 -13
South Carolina -10,0 -9,0 1,0 15
South Dakota -8,3 -8,0 0,3 15
Tennessee -14,0 -15,0 -1,0 7
Texas -13,0 -11,0 2,0 -4
Utah -25,0 -29,0 -4,0 -6
Virginia 4,4 5,0 0,6 10
Vermont 21,0 36,0 15,0
Washington 13,0 17,0 4,0
West Virginia -9,0 -13,0 -4,0 -2
Wisconsin 11,0 13,0 2,0 11
Wyoming -21,0 -32,0 -11,0
* Angaben in Prozent, ein negativer Wert bedeutet, dass McCain vor Obama liegt. Die Prognosen stammen von der Webseite Realclearpolitics.com (RCP). Sofern keine eigene RCP-Vorhersage vorlag, wurde die letzte aktuelle Umfrage verwendet.

Wie kommen derartig große Differenzen zustande? Eine mögliche Erklärung liefert der sogenannte Bradley-Effekt. Er besagt, dass Farbige bei Umfragen einen höheren Zuspruch erhalten als bei der eigentlichen Wahl. Der Begriff geht zurück auf Tom Bradley, schwarzer Bürgermeister von Los Angeles, der 1982 die Wahl zum Gouverneur von Kalifornien trotz deutlichen Vorsprungs bei den Umfragen verlor. Offenbar traute sich mancher Wähler nicht, bei Befragungen gegen Bradley zu votieren, tat es dann aber in der Wahlkabine.

Die Beispiele Vermont und Idaho stehen dazu allerdings in krassem Widerspruch, schließlich hat Obama dort deutlich besser abgeschnitten als prognostiziert.

Der Grund: Es gibt auch einen gegenteiligen Bradley-Effekt - Wähler, die sich aufgrund sozialen Drucks bei der Befragung nicht trauen, für den farbigen Kandidaten zu votieren, es in der Wahlkabine dann aber doch tun. Bereits bei den Vorwahlen der Demokraten, dem Duell zwischen Hillary Clinton und Barack Obama, hatten zwei Wissenschaftler von der University of Washington diesen Effekt beobachtet. Dabei habe die Frage der Rassenzugehörigkeit eine "unerwartet große Rolle" gespielt, berichteten der Psychologe Anthony Greenwald und die Politologin Bethany Albertson. Wegen dieses umgekehrten Bradley-Effekts hatten die Forscher prognostiziert, Obama könnte bei der Wahl drei bis vier Prozentpunkte mehr erreichen als in den Umfragen vorhergesagt.

Greenwald und Albertson erklären ihre Thesen mit dem sozial erwünschten Verhalten von Menschen bei Umfragen. Nur wenige Deutsche geben beispielsweise in Befragungen zu, dass sie tatsächlich rechtsradikale Parteien wählen oder Trivialliteratur lesen - sie passen ihre Antworten an die herrschende gesellschaftliche Norm an.

Ähnliches soll sich auch bei Befragungen in den USA abspielen: In traditionell demokratisch dominierten Staaten wie Kalifornien wagen Befragte kaum, am Telefon ihre Abneigung gegen einen farbigen Kandidaten zu offenbaren. In konservativen Regionen ist es nach Angaben der Forscher umgekehrt: Hier trauen sich nicht alle Obama-Wähler, ihre Sympathie für ihn auch zuzugeben. Greenwald erklärt dies auch mit der fehlenden Anonymität bei Telefonbefragungen: "Die Tatsache, dass der Anrufer ja die Telefonnummer kennt, gibt ihnen nicht gerade das Gefühl, anonym zu sein."

So ermittelten die beiden Forscher aus den Ergebnissen von 30 Vorwahlen in Bundesstaaten den positiven wie negativen Bradley-Effekt ab - siehe rechte Spalte in der Tabelle oben.

Im Vergleich mit den realen Ergebnissen zeigt sich allerdings, dass die These Greenwalds und Albertsons kaum zutrifft. In 18 Staaten sagten sie den Bradley-Effekt zumindest vom Vorzeichen her richtig voraus, in zwölf Staaten lagen sie dabei jedoch falsch. Hinzu kommt die Ungenauigkeit: So waren die Prognosen für die Vorwahlen in Alabama 15 Prozent niedriger als bei der Vorwahl selbst. Bei den Präsidentschaftswahlen schmolz diese Zahl aber auf 1,3 Prozent. In Florida ergaben die Vorwahlen einen umgekehrten Bradley-Effekt von 0,2 Prozent, am Dienstag war die Differenz dann sogar 7,0 Prozent zugunsten Obamas.

Fazit: Ganz so einfach, wie von Greenwald und Albertson dargestellt, scheint die Sache nicht zu sein. Womöglich hat der Bradley-Effekt, egal ob klassisch oder umgekehrt, nur noch geringe Auswirkungen. Genau das hatte die schwarze Professorin und Obama-Unterstützerin Anita Hill auch am Montag erklärt, wenn auch nur in Bezug auf den herkömmlichen Effekt. Amerika habe diese Phase in der Geschichte überwunden, meinte sie. Vor allem junge Menschen hätten heute eine andere Einstellung und seien bereit, für einen Schwarzen zu stimmen.

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