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Ungenutzte Medikamente: Der Patient, der nicht schlucken will

Von und Irene Meichsner

Viele Menschen nehmen die Medikamente nicht ein, die ihnen ihr Arzt verschrieben hat. Das ist nicht nur gefährlich für sie, sondern verursacht auch hohe Kosten. Schuld an der Misere sind aber nicht nur die Patienten.

Es waren nur zwei Wörter, die Jochen Kemmerling zweifeln ließen an dem Medikament: "Libido- und Potenzstörungen". Ganz versteckt standen sie im Beipackzettel unter vielen anderen möglichen Nebenwirkungen. Kemmerling, 54, litt an Bluthochdruck, und sein Arzt hatte ihm einen sogenannten Betablocker verordnet. Von möglichen Beeinträchtigungen seines Sexuallebens hatte der Mediziner ihm nichts erzählt. Kemmerling entschied sich schließlich, das Mittel nicht zu nehmen – zu groß war die Angst vor Potenzstörungen.

Der Fall ist keine Ausnahme. Er steht exemplarisch für ein grundlegendes Problem: Viele teure Substanzen landen irgendwo, in Schränken etwa oder in Toiletten – nur nicht im Magen der Patienten. "Etwa ein Viertel aller verordneten Medikamente wird nicht oder nicht wie vorgesehen eingenommen", vermutet die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Die Folgen können dramatisch sein: Der Zustand des Patienten kann sich verschlechtern, sogar neue Krankheiten können entstehen. Dabei könnte es so einfach sein: "Wenn ein Patient ein Mittel nicht verträgt oder nicht einnehmen möchte, kann der Arzt oft ein anderes verschreiben", sagt Stefan Wilm, Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin und Familienmedizin an der Universität Witten/Herdecke. "Man muss nur darüber reden."

Auch Kemmerling hätte dem Arzt von seiner Angst berichten sollen. Doch er schwieg lieber – und fühlte sich mit der Zeit immer schlapper. Erst als der Arzt ihm ein zusätzliches Rezept ausstellen wollte, weil der Blutdruck nicht sank, erzählte er von seiner Angst vor der Impotenz.

Sind die Patienten also selber schuld? Sollten sie ihrem Arzt nicht schon bei geringsten Zweifeln an einer Therapie von ihren Sorgen berichten? Auf den ersten Blick: ja. Auf den zweiten Blick aber stellt sich die Frage: Hätte der Arzt das Problem nicht von sich aus ansprechen müssen?

In der öffentlichen Meinung steht der Patient schnell als Alleinschuldiger dar. Politiker oder Ärztevertreter reden dann von "mangelnder Disziplin". Der Patient gilt als Kosten-Verursacher, der das Gesundheitssystem belastet. Ein dicker, rauchender Mensch ist dieser Patient, der seine Erkrankung selber verschuldet. Und der sich dann auch noch den guten Ratschlägen des Arztes widersetzt. Ein Zerrbild der Wirklichkeit.

Medikamente wegzuwerfen oder in Arzneimittelschränke zu verbannen ist teuer – das ist unbestritten. Glaubt man der ABDA, belaufen sich die Kosten, die durch mangelnde Therapietreue, so der Fachausdruck, entstehen, auf etwa zehn Milliarden Euro jährlich. Franz Petermann, Direktor des Zentrums für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Universität Bremen, beziffert den Schaden für die Solidargemeinschaft gar auf bis zu 20 Milliarden Euro – ungefähr zehn Prozent der Ausgaben im Gesundheitswesen. Er folgert daraus: "Eine bessere Therapietreue stellt eine Wirtschaftlichkeitsreserve des Gesundheitswesens dar."

Doch schon die unterschiedlichen Zahlen zeigen: Die Sache ist kompliziert. Die Zahlen der ABDA seien "lediglich grobe Schätzungen", räumt die Verbandssprecherin Ursula Sellerberg ein. "Unseres Wissens gibt es aus Deutschland keine harten Daten zu den Kosten der Therapieuntreue". Warum werden dann die weichen Zahlen immer wieder zitiert und abgeschrieben? "Ich finde das ziemlich ärgerlich", sagt Jan Geldmacher, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, "denn bei solchen hohen Summen sucht man immer einen Schuldigen". Und das sei im Zweifel der Patient.

Den wollten Politiker und Ärztevertreter schon für ganz andere Dinge zur Verantwortung ziehen. Könnte man von Rauchern nicht höhere Kassenbeiträge verlangen? Oder von Menschen, die Ski fahren oder reiten, da sie mit ihrem Freizeitvergnügen ja immerhin das Risiko eingehen, sich das Bein zu brechen? Von solchen Gedankenspielen ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Idee, Patienten nun auch zur Kasse zu bitten, wenn sie den Therapieempfehlungen ihrer Ärzte nicht folgen. Fast wäre das Gesetz geworden. Im Rahmen der Gesundheitsreform wollte man Versicherte etwa zu bestimmten Krebs-Vorsorgeuntersuchungen drängen. Frauen, die sich einer Röntgenuntersuchung zur Frühdiagnose von Brustkrebs verweigerten, hätten dann einen Teil der Behandlungskosten übernehmen müssen, falls sie später daran erkrankt wären. Der Passus wurde gerade noch rechtzeitig aus dem Gesetzentwurf getilgt.

Die Anti-Patienten-Stimmung ist weit verbreitet. Außer Acht gelassen werden dabei jedoch die Ärzte – so als ob diese an den Missständen unbeteiligt wären. Das fängt schon bei grundlegenden Dingen an, sagt Bernhard Egger vom AOK-Bundesverband: "Ein Punkt, ohne den nichts funktioniert, ist die Kommunikation in der Medizin." Ohne Kommunikation zwischen Arzt und Patient nutzten "das beste und teuerste Medikament und die beste Behandlung nichts".

Daran hapert es allerdings. "Das Gespräch des Hausarztes mit seinem Patienten dauert in Deutschland durchschnittlich 7,6 Minuten", sagt Susanne Hepe, Leiterin der Akademie für Fort- und Weiterbildung der Ärztekammer Bremen. In so kurzer Zeit lässt sich ein Thema wie die Angst vor Impotenz kaum angemessen erörtern. Ebenso wenig wie die vielen, oft mit Scham besetzten Alltagsnöte der Patienten.

Dabei hat gerade das scheinbar Banale häufig größte Bedeutung. Die Salbe juckt. Das Mittel gegen Depression macht einen trockenen Mund. Viele Patienten sind überfordert, wenn sie Tabletten genau nach der Uhr nehmen sollen.

Vor allem älteren Menschen werden oft zu viele Medikamente verschrieben. Höchstens vier bis sechs pro Patient sollten es sein, sagen Fachleute. Sind es mehr, werden die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Arzneimitteln wie auch die Nebenwirkungen unüberschaubar. Doch in der Realität bekommen viele ältere Menschen oft zehn oder mehr Pillen gleichzeitig.

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