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Unmoralische Deutsche: Dreistigkeit, Unrecht und Freiheit

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Mogeln, Tricksen und Betrügen. Eine neue internationale Studie zeigt: Die Mehrheit der Deutschen hält sich nicht an Gesetze. Misstrauen gegenüber dem Markt, Angst vor Verbrechen und "rechtlicher Zynismus" treiben den Bürgern den Anstand aus.

Der gesetzestreue Bürger ist ein Mythos. Wenn Politiker ihn beschwören - das sagen zumindest Susanne Karstedt und Stephen Farrall - lügen sie sich und der Gesellschaft in die Tasche: "Die Mehrheit hält sich nicht an die Gesetze." Das ist die Quintessenz einer Studie, die die beiden Forscher jüngst im "British Journal of Criminology" veröffentlicht haben (Bd. 46, S. 1011). Schuld am moralischen Verfall unserer Gesellschaften ist der ungezügelte Markt, folgern sie aus ihren Ergebnissen.

Kunde, Kassiererin im Supermarkt: 30 Prozent geben zu viel gezahltes Wechselgeld nicht zurück
DDP

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Wer ehrlich zu sich selbst ist, muss vermutlich zugeben, dass er auch dazugehört, zur schweigenden Mehrheit der Mogler und Trickser, zu denjenigen, die gerne mal zum eigenen Vorteil Fünfe grade sein lassen. Die sich aber entsetzlich aufregen, wenn ihnen selbst ein solches Unrecht widerfährt.

Neben den etablierten Kategorien der "Verbrechen im Anzug" und der "Verbrechen auf den Straßen", gebe es ein "unter-erforschtes Gelände im Herzen der gegenwärtigen Gesellschaften", schreiben die beiden Wissenschaftler: Eine Vielzahl von "Verbrechen, die am Küchentisch begangen werden, auf dem Sofa und vom Heimcomputer aus, von Schreibtischen und Callcentern aus, an Geldautomaten und in Restaurants, in Interaktionen mit Bauarbeitern und anderen Handwerkern". Die Verstöße zögen sich quer durch alle Schichten.

Besonders die Zahlen für Deutschland, die Karstedt und Farrall in Zusammenarbeit mit Kai Bussmann von der Universität Halle erhoben haben, sprechen eine deutliche Sprache: 70 Prozent der West- und 60 Prozent der Ostdeutschen mogeln, betrügen und tricksen - wenn man die Stichprobe von über 1700 Personen im Westen und mehr als 800 im Osten als repräsentativ akzeptiert. Wichtig ist, dass es sich bei den Ergebnissen um Selbstauskünfte handelt - und da spielt ein Faktor eine Rolle, den Psychologen "soziale Erwünschtheit" nennen: Niemand gibt gern zu, was sich eigentlich nicht gehört. Die tatsächlichen Mogler-Zahlen dürften also eher noch höher liegen als die in der Studie ermittelten.

Von einem Deutschen einen Gebrauchtwagen kaufen?

54 Prozent gaben zum Beispiel an, schon mal jemanden bar und dafür schwarz bezahlt zu haben. 30 Prozent gestanden ein, zu viel herausgegebenes Wechselgeld behalten zu haben, 28 Prozent haben schon einmal einen Bekannten in einer Behörde gebeten, für sie "die Regeln zu beugen". Noch deutlich höher fiel die Zustimmung aus, wenn gefragt wurde, ob man dies oder jenes "unter bestimmten Umständen tun würde". 23 Prozent der westdeutschen Teilnehmer würden beispielsweise bei einem Gebrauchtverkauf unter Umständen Schäden an der Ware verheimlichen. Die Ostdeutschen sind etwas weniger skrupellos: Besonders fiese Moralverstöße wie falsche Angaben bei Gebrauchtverkäufen und Versicherungsbetrug waren sehr viel seltener als im Westen.

Zu den populären kleinen Betrügereien gehören auch das Klauen von Material am Arbeitsplatz, das Umgehen von Fernsehgebühren und überhöhte Forderungen an Versicherungen. "Ist ja auch alles harmlos", wird sich der Eine oder Andere jetzt denken, in der Summe bleibt aber die Tatsache: Wir sind ein ziemlich unehrliches Volk. Würden Sie von einem Deutschen einen Gebrauchtwagen kaufen?

Karstedt und Farrall untersuchten neben der morschen Moral der Deutschen in Ost und West auch noch die der Engländer und Waliser. Letztere sind - zumindest nach eigener Auskunft - etwas ehrlicher: Nur 61 Prozent gaben an, schon mal eine der kleinen und größeren Sünden begangen zu haben.

Kai Bussmann von der Universität Halle ist von den Resultaten nicht überrascht. Das gesellschaftliche Klima, bestimmt vom wenig ethischen Verhalten vieler Wirtschaftsunternehmen, lege den Menschen gewissermaßen Rücksichtslosigkeit nahe: "Der Bürger beobachtet, wie Unternehmen agieren, und hat das Gefühl, das sei eben normal." Gigantische Managergehälter, betrügerische Verträge, feindliche Übernahmen, Tricks im Kleingedruckten - die Enrons dieser Welt sind mit Schuld am moralischen Verfall, glaubt Bussmann. Gerade im Augenblick können die Deutschen ja im neu aufgerollten Prozess um die Mannesmann-Abfindungen wieder einem exemplarischen Schaulaufen der fröhlichen Selbstbereicherer zusehen. "Eine Wirtschaft, die als rücksichtslos wahrgenommen wird, hat eine kriminogene Wirkung", macht also Menschen zu Verbrechern, sagt Bussmann.

"Die starke Intention, zurückzuschlagen"

Karstedt und Farrall schreiben: "Während britische Bauern sich einst gegen die Müller erhoben, die Mehl zu überteuerten Preisen verkauften, regen sich Verbraucher heute über Preis-Leistungs-Verhältnisse auf, über betrügerische Verkäufe, versteckte Gebühren und ungenaue Produktbeschreibungen." Heute gäbe es keine Unruhen mehr, wenn die Verbraucher unzufrieden seien, "aber sie tun unfaire Praktiken am Markt auch nicht als bloße Unannehmlichkeit ab. Wenn sie sehen, wie Märkte außer Kontrolle geraten, reagieren sie mit der starken Intention 'zurückzuschlagen', sobald sich die Möglichkeit ergibt".

Die beiden fragten auch nach Einstellungen zur Wirtschaft und Gesellschaft. Das Ergebnis: Die Wurzel des Übels seien neoliberale Reformen. Der einzelne müsse sich heute wie ein Unternehmer gebärden, viel mehr Entscheidungen und Verantwortung selbst übernehmen. Selbst gegenüber Regierungsbehörden würden Bürger zu "Konsumenten", die sich nach Marktgesetzen richten müssten. Es herrsche eine "zynische Einstellung gegenüber dem Gesetz". Ökonomische Metaphern würden auch auf den zwischenmenschlichen Bereich ausgedehnt. Eine Kombination aus Misstrauen gegenüber dem Markt, Angst vor Verbrechen und "rechtlichem Zynismus" bilde schließlich das "Syndrom der Marktanomie".

Bestätigt wird die düstere Weltsicht der Befragten durch eigene Erfahrung: 75 Prozent gaben an, selbst schon einmal zum Opfer eines Verbrechens geworden zu sein - 30 Prozent der West- und 27 Prozent der Ostdeutschen hatten sich sogar im Jahr vor der Befragung mindestens einmal als Opfer etwa eines Betruges gefühlt. Das trägt zur Selbstrechtfertigung bei - schließlich wehrt man sich ja nur.

"Moralische Ignoranz"

Georg Lind, Experte für Moralpsychologie an der Universität Konstanz, spricht dagegen von "pluralistischer Ignoranz". Viele der Menschen, die sich kleine Mogeleien und Verfehlungen zuschulden kommen ließen, seien sich ihres Fehlverhaltens womöglich gar nicht bewusst. "Die moralische Sensibiltät ist unterentwickelt", sagt Lind. In den Schulen sollten Jugendlichen anhand konkreter Entscheidungsbeispiele beigebracht werden, frühzeitig über ethische Grundsatzfragen nachzudenken. Wer sich ethischer Prinzipien wirklich bewusst sei, könne gar nicht anders, als sich richtig zu verhalten: Wie ein Mensch, der einen anderen ertrinken sehe, auch ohne nachzudenken zu Hilfe eilen würde.

Natürlich sei auch die Wirtschaft gefragt: "Ein Markt funktioniert nur, wenn er einen festen Prinzipienrahmen hat." Im Kern gehe es aber darum, die Menschen selbst zum ethischen Handeln zu erziehen, da könnten auch Gesetze nur eingeschränkt helfen. Die "Gesetzesflut" der Gegenwart sei in gewisser Weise selbst unmoralisch: "Weil da keiner mehr durchsehen kann."

Wenige, einfache Regeln seien dem Menschen eigentlich viel angemessener. Darin stimmt er mit Karstedt und Farrall überein: "Zu viele Regeln verringern die Legitimität von Normen und moralischen Verpflichtungen", schreiben die beiden, um sie zu umgehen, würden unzulässige Abkürzungen genommen: "Das normalisiert illegales Verhalten und fördert einen Mangel an Respekt vor dem Gesetz."

Kai Bussmann fordert ein Umdenken in den oberen Etagen: Eine "Kultur der Fairness und der Wirtschaftsethik" sei dringend geboten. "Wir dürfen die Scham vor dem Betrug nicht verlieren."

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Forum - Sind wir korrupt?
insgesamt 288 Beiträge
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1.
Reziprozität 03.11.2006
---Zitat von sysop--- Haben die Deutschen ihren Anstand verloren? Oder sind kleine Mogeleien Bagatellen, die gar nichts über die moralische Verfassung aussagen? ---Zitatende--- ---Zitat von wiki--- Korruption (von lat. corrumpere = verderben, entkräften, entstellen, bestechen) ist der Missbrauch einer Vertrauensstellung in einer Funktion in Verwaltung, Wirtschaft oder Politik, um einen materiellen oder immateriellen Vorteil zu erlangen, auf den kein rechtlich begründeter Anspruch besteht. Korruption bezeichnet Bestechung und Bestechlichkeit, Vorteilsannahme und Vorteilsgewährung. In Deutschland sind diese Straftatbestände geregelt in den §§ 331 ff. StGB, wenn so genannte Amtsträger betroffen sind. Im geschäftlichen Verkehr sind insoweit die §§ 299, 300 ff StGB einschlägig. In einer weiter gefassten Definition bedeutet Korruption auch "moralische Verdorbenheit". ---Zitatende--- Definitionsgemaess ist also eher von Straftaten die Rede, weniger von "kleinen Mogeleien" oder gar "Bagatellen". In der engen Definition lautet die Antwort demgemaess: eher nein, in der weiter gezogenen: ja, den Eindruck kann man schon bekommen....
2. Ja, aber
Hillary for President, 03.11.2006
---Zitat von sysop--- Haben die Deutschen ihren Anstand verloren? Oder sind kleine Mogeleien Bagatellen, die gar nichts über die moralische Verfassung aussagen? ---Zitatende--- In schlechten Zeiten sind "kleine Mogeleien" oft ein wichtiges Subsistenzmittel und gehören zur Überlebensstrategie vieler in die Unterschicht abgerutschten Menschen. Korrupt sind, und dies seit jeher die Reichen und die Unternehmen, aus denen sie sich finanziell selbst bedienen. Immer häufiger werden auch mittlere und höhere Manager im öffentlichen Dienst, sowie politische Parteien und Vertreter von der Korruption, die überall dort bohrt, wo Macht und Einfluß vorhanden sind, infiziert Schmiergelder und -mittel gehörten IMMER schon zu den Absatzstrategien deutscher Firmen. Unser Staat und unsere Gesellschaft sind korrupt, daß ist seit über 30 Jahren auch in der weltweiten Korruptions-Statistik belegt Gruß
3.
C.Jung 03.11.2006
---Zitat von sysop--- Haben die Deutschen ihren Anstand verloren? Oder sind kleine Mogeleien Bagatellen, die gar nichts über die moralische Verfassung aussagen? ---Zitatende--- Wenn man korrupt so definiert, dass man für eine leistung immer auch eine Gegenleistung (Geld, Macht, Ansehen, sexuelle Attraktivität, Sich-Unsterblich-Machen etc. pp.) erwartet, dann sind wohl (fast?) alle Menschen korrupt. Nur der Grad der Korruptheit ist unterschiedlich. Menschen, die sich als selbstlos darstellen, sind mit größter Vorsicht zu genießen. In der Politik ließen sich solche Menschen in aller Regel mit Personenkult, unbegrenzter Machtfülle und dem Attribut "historisch" schon zu Lebzeiten bezahlen.
4. Na klar!
Dieter 58, 03.11.2006
Na klar bin ich korrupt! Ich hoffe stets auf lukrative Angebote! Aber - nix passiert! Ich bin eben nur ein unbedeutender Normalbürger, korrumpiert werden nur die "Eliten"
5.
Daniele 03.11.2006
---Zitat von sysop--- Haben die Deutschen ihren Anstand verloren? Oder sind kleine Mogeleien Bagatellen, die gar nichts über die moralische Verfassung aussagen? ---Zitatende--- Korruption gab es auch in Deutschland schon immer. Vielleicht nicht einem Ausmaß, wie es in Südamerikanischen Ländern der Fall ist. Aber ich muss immer lachen, wenn es immer leicht klischee-behaftet heisst "...in Italien ist sowieso alles Mafia!", die Deutschen haben genauso ihre korrupten Machenschaften in Politik und Wirtschaft. Ob die Amigos in Bayern, bestechliche Schiedsrichter im Sport, es ist nur noch etwas besser verdeckt. Aber wenn es den Leuten schlechter geht, auch wenn Sie dies nur glauben, sinkt eben die Moral. "Erst kommt das Fressen, dann die Moral" (mir unbekannter Verfasser)
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