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Uno-Bericht: Klimaforscher warnen vor Auto-Flut

Von Volker Mrasek

Der Autoverkehr wird in den kommenden Jahren dramatisch anschwellen - und mit ihm der Treibhausgas-Ausstoß, heißt es in einem vertraulichen Bericht des Weltklimarats. Die Uno-Experten nennen auch einen Ausweg: das Ende des PS-Protzens in der Autoindustrie.

In großen Teilen der Autoindustrie dürfte der neue Uno-Bericht mit spitzen Fingern angefasst werden. Nur technische Innovationen können den Treibhausgas-Ausstoß des Verkehrs kurzfristig senken, heißt es. Und das nicht zu knapp: Bei gleichen Kosten lasse sich im Pkw-Bereich vermutlich drei bis vier Mal mehr Kohlendioxid (CO2) vermeiden als etwa in der Zivilluftfahrt, schreibt der Weltklimarat der Vereinten Nationen (IPCC) im dritten Band seines neuen Sachstandsberichts.

Im vertraulichen Schlussentwurf des über 1000 Seiten starken Dokuments, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, skizzieren die Klimaexperten Trends für die verschiedenen Wirtschaftssektoren und erörtert deren Klimaschutz-Optionen. Im Mai soll zunächst eine kurze Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger veröffentlicht werden.

Wie die IPCC-Gutachter darlegen, ist die Zahl der Pkw weltweit zwischen 1950 und 1997 von etwa 50 auf 580 Millionen gestiegen - "fünf Mal schneller als das Wachstum der Bevölkerung". Das bleibt auch beim Kohlendioxid-Ausstoß nicht ohne Folgen: 2004 hatten Pkw einen Anteil von 44,5 Prozent am CO2-Ausstoß aller Verkehrsmittel. Das ist fast so viel wie die Anteile von Lkw (25 Prozent), Flugzeugen (11,6 Prozent) und Schiffen (9,5 Prozent) zusammen. Der Grund ist laut IPCC das stetige Wachstum von Gewicht und Leistung bei den Pkw, was auf Kosten der Treibstoff-Effizienz gehe.

Neue Technologien statt "Pferdestärken und Gewicht"

Der Anteil des Land-, Wasser- und Luftverkehrs am globalen CO2-Ausstoß lag 2004 bei etwa 13 Prozent - Tendenz steigend. Bis 2050 werde sich der weltweite Fahrzeugbestand im Vergleich zu 1997 auf zwei Milliarden nahezu verdreifachen, heißt es in dem Bericht. Allein in China wachse die Zahl der Fahrzeuge jährlich um ein Fünftel, hauptsächlich wegen der Pkw. Schon heute stoße der globale Verkehr fast 30 Prozent mehr Kohlendioxid aus als 1990.

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Die 10 größten CO2-Emittenten
In der Umkehr dieses Trends sehen die Uno-Berichterstatter eine große Chance für die nächsten Jahrzehnte. Aus ihrer Sicht haben die Autobauer "exzellente Möglichkeiten", die Treibhausgas-Emissionen ihrer Fahrzeuge bis 2030 zu halbieren, angespornt freilich nur durch eine konsequente Umweltpolitik. Sie müsse sicherstellen, dass Technologien künftig "angewendet werden, um Treibstoff zu sparen, statt Pferdestärken und Gewicht zu steigern". Der Weltklimarat zitiert hier eine Studie der US-Umweltbehörde EPA, derzufolge Pkw in den USA heute knapp 25 Prozent weniger Sprit schlucken könnten - wenn Gewicht und Leistung der Autos noch dem Stand von 1987 entsprächen.

Im Einzelnen schlagen die IPCC-Experten folgende Maßnahmen für einen schadstoffärmeren Straßenverkehr vor:

  • den verstärkten Einsatz von Leichtbauteilen,
  • die Weiterentwicklung sparsamer TDI-Dieselmotoren,
  • Hybrid-Antriebe auch in Stadtbussen und Lkw,
  • Anleitungen zum Öko-Fahrstil,
  • reibungsärmere Autoreifen,
  • windschlüpfrigere Lkw-Karosserien,
  • mittelfristig die Einführung von Brennstoffzellen-Fahrzeugen.

Damit diese Maßnahmen auch wirken, hält der IPCC allerdings eine starke Erhöhung von Kraftstoffpreisen und -steuern für erforderlich.

Kritisch äußern sich die Uno-Experten zu staatlichen Subventionen im Verkehr. Viele Ölstaaten versorgten ihre Bevölkerung mit Kraftstoffen zu Spottpreisen unter Weltmarkt-Niveau. Kontraproduktiv seien aber auch steuerliche Vergünstigungen wie die Pendlerpauschale in Deutschland, da sie zu mehr Autoverkehr und Emissionen führten.

Träger Wandel in Luftfahrt und Schifffahrt

In der Luftfahrt rechnet der Klimarat mit einem "langsameren Wandel", da das Gros der Passagier- und Frachtflugzeuge heutzutage 30 Jahre und länger im Dienst sei. Eine ähnlich hohe Lebensdauer haben Containerschiffe und Tanker. Auch in der Seeschifffahrt sollten deshalb zunächst Maßnahmen "im Betrieb der existierenden Flotte" ergriffen werden, heißt es im Entwurf des neuen Uno-Reports. Klimapolitisch ist der maritime Verkehr bisher vernachlässigt worden, obwohl, so der IPCC, "rund 90 Prozent der Welthandelsgüter verschifft werden". Nach jüngsten Studien sind die CO2-Emissionen von Handels- und Passagierschiffen kaum noch geringer als die der zivilen Luftfahrt.

Was die IPCC-Sachverständigen in beiden Bereichen als Klimaschutzmaßnahmen anregen, ist zum Teil durchaus überraschend:

  • Tempolimit auf See: Schiffe könnten ihren CO2-Ausstoß am stärksten durch niedrigere Geschwindigkeiten vermindern; darauf ließen sich Reedereien aber erst dann ein, wenn sie für die Emissionen bezahlen bzw. Verschmutzungsrechte erwerben müssten.
  • Ausrüstung von Tankern und Frachtern mit Zusatz-Segeln: Große Zugdrachen, wie sie die Hamburger Firma Skysails erprobt, senken den Schweröl-Verbrauch von Schiffsdieseln.
  • Umstellung von Diesel- auf Naturgasantrieb: Durch eine solche Maßnahme habe Norwegen bei Inlandsfähren und Bohrinsel-Versorgungsschiffen eine CO2-Reduktion um ein Fünftel erreicht.
  • Propellermaschinen statt Düsenjets auf Kurz- und Mittelstrecken: Moderne Propellertriebwerke ("Propfan") mit sichelförmigen Rotorblatt-Kränzen sind wesentlich sparsamer als Strahlantriebe, haben sich aber bisher nicht durchgesetzt, weil Propfan-Maschinen langsamer fliegen als Düsenjets.

Die IPCC-Gutachter gehen davon aus, dass sich der globale Passagierflugverkehr innerhalb der nächsten 15 Jahre verdoppelt. Am höchsten sind die Zuwachsraten mit zwölf Prozent jährlich derzeit im europäischen und asiatisch-pazifischen Luftraum. Der Seehandel nimmt laut IPCC-Entwurf derweil um rund fünf Prozent pro Jahr zu; die globale Handelsflotte wuchs 2005 um mehr als sieben Prozent. Nach aktuellen Szenarien werden die CO2-Emissionen der Schifffahrt Mitte des Jahrhunderts bestenfalls um 50, schlimmstenfalls um 150 Prozent über den heutigen liegen.

Steuer-Umstellung hat CO2-Ausstoß gesenkt

Selbst in der als fortschrittlich geltenden EU sollte man sich das IPCC-Optionspaket nach seiner Veröffentlichung genau anschauen. Wie die Europäische Umweltbehörde (EEA) betont, steigen die CO2-Emissionen des Verkehrs auf dem Kontinent so stark, dass die EU dadurch ihr Reduktionsziel nach dem Kyoto-Protokoll verfehlen könnte. So wird erwartet, dass der Frachttransport in der EU bis 2020 um die Hälfte zulegt. "Verbesserungen der Energieeffizienz und die Einführung von Bio-Kraftstoffen genügen nicht, um das Wachstum des Verkehrsaufkommens auszugleichen", warnt die EEA mit Sitz in Kopenhagen in einem kürzlich erschienenen Report. Nötig seien "zusätzliche politische Initiativen und Instrumente".

Worin die genau bestehen sollten, lässt der Bericht zwar offen. Doch die EEA erwähnt einige Beispiele, die man getrost als Anregung verstehen darf. Ein besonders gutes hat die Umweltbehörde just vor der eigenen Haustür entdeckt. Dänemark staffelt die Kraftfahrzeugsteuer nicht mehr nach dem Hubraum, sondern nach dem Spritverbrauch der Autos. Prompt verbesserte sich die Klimabilanz des Verkehrs, wie die EEA feststellt: Die Steuerumstellung "hat zu einer signifikanten Erhöhung des Anteils von CO2-emissionsarmen Autos bei den Neuverkäufen geführt".

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