Lob der Klimadiplomatie Es geht viel zu langsam - und das ist okay so

Im polnischen Katowice beginnt am Montag der Weltklimagipfel. Und obwohl Forscher in drastischen Worten zur Eile mahnen, laufen die Verhandlungen quälend langsam. Das müssen wir aushalten.

Demonstrant in Washington (im April 2017)
REUTERS

Demonstrant in Washington (im April 2017)

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Es gibt zwei Dinge, die scheinen einfach nicht zusammen zu passen. Da sind einerseits die klaren Ansagen des Weltklimarates. Dessen Experten mahnen in ihrem jüngsten Sonderbericht "schnelle und weitreichende" Veränderungen an - bei der Energieerzeugung, der Landnutzung, dem Städtebau, in der Industrie, dem Verkehrs- und dem Bausektor. Nur so habe die Welt noch eine Chance, die Erderwärmung auf anderthalb Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen.

Bis zum Jahr 2030 müssten die Emissionen um 45 Prozent fallen, wenn man die Werte des Jahres 2010 als Ausgangspunkt nimmt. Und spätestens bis zum Jahr 2050 müsse der Kohlendioxidausstoß dann in der Summe auf null gebracht werden.

Wer solche gigantischen Ziele erreichen will, muss jetzt anfangen. Nein, eigentlich schon vorgestern. Weiteres Zögern ist keine Option.

Und da sind andererseits die internationalen Klimaverhandlungen. Die sind bestimmt vieles - aber sie sind definitiv nicht schnell umzusetzen.

1,5 oder 2 oder doch 3,2 Grad Plus?

Wenn sich in der kommenden Woche die Klimadiplomaten der Welt zur COP24 im polnischen Katowice treffen, werden sie wieder nicht über zügige Reduktionen sprechen. Sie werden stattdessen in endlosen Sitzungen weiter an Umsetzungsdetails feilen für den Klimavertrag von Paris - also an Spielregeln für ein Abkommen, das überhaupt erst ab dem Jahr 2020 gilt, das auch dann keinerlei Zwang auf die Staaten ausübt, ihren Treibhausgasausstoß zu senken. Ein Abkommen dessen freiwillige Zusagen aktuell nicht reichen für ein Anderthalb- oder Zwei-Grad-Ziel.

Noch nicht einmal ansatzweise.

Eher für 3,2 oder 3,4 Grad Plus - im Durchschnitt. Denn mancherorts, in der Arktis zum Beispiel, könnte der Temperaturanstieg noch viel höher ausfallen.

"Vor dieser COP denkt man an Nero, der Musik spielt, während er dabei zusieht, wie Rom brennt", zürnen Umweltschützer.

Und es stimmt ja: Gastgeber Polen kann sich nur schwer von der Kohle lösen. Auch der einstige Klima-Musterschüler Deutschland nicht, der deswegen sein nationales Klimaziel bis 2020 verpasst.

US-Präsident Donald Trump rüpelt Amerika gleich ganz heraus aus dem Klimavertrag. Und Brasiliens neuer Staatschef Jair Bolsonaro hat angekündigt, dass sein Land nicht wie angekündigt Gastgeber des nächsten Klimagipfels wird. Und der Vertrag an sich passt ihm auch nicht.

Nun ist es aber so: Die drögen, zähen, oft frustrierenden Klimaverhandlungen sind wichtig. Man darf sich nicht ernsthaft darüber wundern, dass ein so unfassbar komplexes Problem wie der Klimawandel auch eine komplexe Suche nach Lösungen braucht. Da wäre es unfair, sich über mangelndes Tempo zu beschweren. Auch wenn die Trägheit natürlich nervt.

Die Verhandlungen sind auch deswegen so langsam, weil die Ergebnisse nur dann globale Wirkung entfalten können, wenn wirklich so gut wie alle mitmachen. Das kostet Überredungskraft - und Zeit. Anders geht es nicht.

Es geht um Schadensbegrenzung

Die Klimadiplomaten haben in den vergangenen Jahren durchaus viel erreicht. Die Fachleute vertrauen sich untereinander, haben die Größenordnung des Problems begriffen, das die Welt nur gemeinsam angehen kann. Quasi alle Staaten der Erde erkennen längst an, wie stark der Klimawandel unseren Planeten verändern wird - und dass etwas passieren muss. Erstens um die Probleme insgesamt möglichst gering zu halten und zweitens um die unausweichlichen Folgen für die am stärksten Betroffenen zumindest zu mildern.

Das ist nicht selbstverständlich.

Die Klimaverhandlungen haben auch dafür gesorgt, dass sich Industrieländer auf der einen Seite sowie Entwicklungs- und Schwellenländer auf der anderen Seite nicht mehr unversöhnlich gegenüberstehen. China und Indien, zum Beispiel, treiben ihr Wachstum nicht mehr um jeden Preis auf Kosten der Umwelt voran. Und gerade die Regierung in Peking setzt längst massiv auf erneuerbare Energiequellen.

Auch dass der angekündigte Ausstieg der USA aus dem Klimavertrag das System des Klimaschutzes nicht komplett zum Einsturz gebracht hat, ist ein Verdienst der Klimadiplomaten. Vertreter fast aller Länder haben in den Jahren der zähen Verhandlungen begriffen, um was es geht.

Uno-Klimakonferenz in Katowice

Das schließt ausdrücklich die zahllosen Initiativen unterhalb der staatlichen Ebene ein, die es inzwischen gibt. All die Bemühungen einzelner Bundesstaaten, Städte, Regionen um das Klima. All das gäbe es in diesem Maße nicht ohne die einende Kraft der jährlichen Gipfel.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Geschwindigkeit der internationalen Klimadiplomatie reicht nicht aus. Es ist aber auch keine Option, sich darüber zu mokieren - und ansonsten den Kopf in den Sand zu stecken. Die globalen Durchschnittstemperaturen steigen schließlich trotzdem weiter.

Wir erreichen das Anderthalb-Grad-Ziel in der Praxis wahrscheinlich nicht? Gut, dann arbeiten wir eben nach bestem Gewissen am Zwei-Grad-Ziel. Das erreichen wir trotz großer Mühe am Ende auch nicht? Gut, dann vielleicht Zwei-Komma-Eins oder Zwei-Komma-zwei.

Die Welt wird dann zum Ende des Jahrhunderts eine dramatisch andere sein als heute: de facto ohne Korallenriffe, die Arktis im Sommer so gut wie eisfrei, deutlich gestiegene Meerespegel, dieser Trend wird im Übrigen für Jahrhunderte anhalten.

Trotzdem ist noch Schlimmeres dann vielleicht vermieden worden.

Und wenn, dann werden Klimadiplomaten und ihre langwierigen, langweiligen Gipfel einen entscheidenden Teil dazu beigetragen haben.

Gut also, dass wir alle darüber geredet haben werden - das gilt auch für Katowice.

insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
Mister Stone 02.12.2018
1.
Wenn in Deutschland neue Umwelt-Steuern erhoben werden (ein griffiger Name wird den Steuerexperten bestimmt wieder einfallen, vielleicht WKVA "Weltklimaverbesserungsabgabe" oder SZRVME "Soli-zur-Rettung-von Mutter-Erde"), dann wird alles besser. Dafür brauchen wir aber unbedingt Habecks Grüne in der Regeierung, sonst wird das nix.
palla-manfred 02.12.2018
2. Seit 1940 Hyperaktivität der Sonne festgestellt - von MPI-Forschern
- nachzulesen auf WiKi unter SonnenAktivität - LeistungsSchwankung unseres HEIZ-Strahlers liegt zwischen 1320 und 1420 Wattb pro QuadratMeter - also bitte erst um die HEIZUNG kümmern und ncht die Temperatur-Schwankungen mit SPUREN-Gasen in Verbindung bringen - dies ist bis dato "nicht beweisbar", leider ;-)
panikfueralle 02.12.2018
3. Pah, das Klima. Es wird viel schlimmer kommen.
Wilde Bautätigkeit mit stampfenden Maschinen, Beschleunigen und Abremsen riesiger Massen, Autos, Züge, Flugzeuge, Schiffe, das alles rüttelt an den tektonischen Platten. Und wir wundern uns über Erdbeben, Tsunamies und Vulkanausbrüche. Die könnten noch sehr zunehmen. Am schlimmsten aber sind Massenverschiebungen durch den Rohstoffabbau und die Verschaffung der Rohstoffe über tausende Kilometer. Mann, wir leben auf einem rotierenden Planeten. Die Erde wird so unwuchtig werden mit unabsehbaren Folgen für das Sonnensystem, ja die ganze Galaxie. Ich hab schon den "Planetary Mass Disorder" Kongress einberufen. Delegierte von Mars, Jupiter und Venus sind schon unterwegs.
kenterziege 02.12.2018
4. Internationale Konferenzen dieser Art bringen ja wenig bis gar nichts
....aber sie sind allemal besser, als Krieg. Jedes Land wird einen Grund dafür haben, weshalb die Ziele nicht erreicht worden sind. Wer seine Bevölkerung bei der Durchsetzung der Ziele überfordert, erlebt das, was Macron gerade auf den Strassen in Paris beobachten kann. Die Fixierung auf Klimagase ist nicht ausreichend. Das Bevölkerungswachstum in vielen unterentwickelten Ländern führt zu erheblichen Schwierigkeiten. Aber darüber schweigt man lieber. Die Frage ist, weshalb? Kultursensibilität?
p.dornn 02.12.2018
5. Wir können noch so viele Autos abgasfrei
schaffen, den Kohleverbrauch minimieren, die Hauptprobleme, Abholzung der tropischen (Ur-)Wälder in vielen Teilen der Welt, das rasante Wachstum der Weltbevölkerung, der damit erhöhte Ressourcenverbrauch, werden damit nicht gelöst. Der "Club von Rom" hat mehrmals darauf hingewiesen, was ist passiert? Welcher Statsmann hat den Mut diese genannten Hauptprobleme anzusprechen, geschweige anzugehen!
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