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20. Juni 2007, 09:59 Uhr

Untergang der "Pamir"

"Die Wahrheit verschwand in einem schwarzen Loch"

Eine unheilvolle Begegnung: Der Hurrikan "Carrie" kreuzt die Route der deutschen Viermastbark "Pamir". Das Schiff kentert. 50 Jahre nach dem Unglück erklärt Autor Johannes K. Soyener im SPIEGEL-Interview, warum 80 Seemänner einen vermeidbaren Tod starben.

SPIEGEL: Am 21. September 1957 ist die "Pamir" auf der Heimreise von Buenos Aires nach Hamburg im Orkan "Carrie" gesunken. Wie sind Sie darauf gekommen, ein Buch über die letzte Fahrt der "Pamir" zu schreiben?

Soyener: Als die "Pamir" unterging, war ich zwölf Jahre alt. Ich kann mich noch gut an die Zeitungsberichte erinnern. 1985 bin ich dann, mehr zufällig, in einem Münchner Fachbuchladen auf den Seeamtsbericht gestoßen. Ich war sehr verwundert, als ich las, wie man 1957 mit den Tatsachen umging. Ich bin selbst Hochseesegler; der Bericht warf mehr Fragen auf, als er Antworten lieferte.

SPIEGEL: Was genau hat Sie irritiert?

Soyener: Besonders der Umgang mit dem Hurrikan. Dass behauptet wurde, der Hurrikan sei überraschend gekommen. Dass 24 Stunden vor dem Tod noch Funksprüche rausgingen, die euphorisch waren. Wenn man weiß, dass man einem Hurrikan nicht mehr ausweichen kann, dann setzt man nicht mehr solche Funksprüche ab.

SPIEGEL: Was spricht für die Annahme, dass die Besatzung tatsächlich nichts wusste von dem Hurrikan?

Soyener: Wenn ich weiß, dass ich in einen Hurrikan hineinsegle, dann bereite ich mich entsprechend vor. Der Hurrikan bewegte sich ja quasi im Zeitlupentempo; man hätte bequem nebenher reiten können. Es gab aber nachweisbar keinerlei Vorbereitung. Zum einen zeigen das die Telegramme. Außerdem wurden alle Segel gesetzt; die Männer an Bord freuten sich über den Wind. Und drittens: Die Segel wurden nicht reduziert, der Verschlusszustand wurde nicht hergestellt, als die "Pamir" sich schon im Sturmfeld des Hurrikans befand. Selbst am Morgen des Untergangs kam die erste Wache in Freizeitkleidung an Deck - ohne Schwerwetterzeug, ohne Schwimmwesten. Jede Hausfrau, die erfährt, dass ein Unwetter heraufzieht, trifft Vorbereitungen: Sie schließt die Fenster, nimmt die Wäsche von der Leine und räumt die Gartenstühle weg.

SPIEGEL: Wie ging es weiter, nachdem Sie den Seeamtsbericht studiert hatten?

Soyener: Richtig heiß geworden bin ich erst 1991, als ich das Buch von Horst Willner in der Hand hielt. Willner war Rechtsanwalt in Bremen, seine Sozietät hat die Reederei und auch die Pamir-Passat-Stiftung in der Seeamtsverhandlung vertreten. Willner behauptet in seinem Buch, dass mit dem Verschlusszustand und mit der Segelstellung alles in Ordnung war. Schuld am Untergang sei allein der Hurrikan gewesen: Er habe mit Windgeschwindigkeiten von 170, 180 Stundenkilometern daher geblasen und das Schiff schlichtweg zerschlagen. Ursache für den Untergang war demnach höhere Gewalt, kein individuelles Versagen. Als ich das las, war ich wirklich heiß. Zwischen dem Seeamtsbericht und Willners Buch, das knapp 35 Jahre nach dem Unglück erschien, war die Wahrheit verschwunden wie in einem schwarzen Loch. Also habe ich versucht, in Archiven noch Unterlagen zu finden, die mehr verraten als das, was bekannt war.

SPIEGEL: Wie sind Sie auf die Akten gestoßen?

Soyener: Ich habe 1997/98 versucht, Willner zu kontaktieren, aber ohne Erfolg. Ich habe damals auch beim Bremer Staatsarchiv angerufen, aber man sagte mir, dass nichts da sei. 2005, als ich schon sehr viel Material beieinander hatte, rief ich noch einmal beim Staatsarchiv an. Willner war inzwischen gestorben, und eine Mitarbeiterin hatte die Unterlagen der Stiftung "Pamir" und "Passat" dem Staatsarchiv angeboten. Plötzlich hatte ich Fakten in der Hand.

SPIEGEL: War Ihnen die Brisanz der Dokumente sofort klar?

Soyener: Ja. Da waren Briefe von der Reederei an die Stiftung, Kapitänsberichte, interne Anordnungen, Finanzunterlagen, Bilanzen, alles war da. Mir standen die Haare zu Berge, ich war erschüttert, wie fahrlässig mit Schiff und Besatzung umgegangen worden ist. Das Schiff hätte in diesem Zustand und mit dieser Besatzung niemals auslaufen dürfen. Mein Buch musste ich dann umschreiben.

SPIEGEL: Warum haben Sie den Untergang der "Pamir" in einem Roman verarbeitet? Warum kein Sachbuch?

Soyener: Ein Sachbuch wird als Spezialliteratur abgetan. Man wandert in eine Nische. Mit Belletristik erreichen Sie viel mehr Menschen.

Das Interview führte Hauke Goos


Johannes K. Soyener: "Sturmlegende - Die letzte Fahrt der Pamir" , 427 Seiten, Gustav Lübbe Verlag, 2007, 22,95 Euro

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