Unterschätztes Sperma Männer nicht völlig überflüssig

Nach der ersten künstlichen Säugetier-Fortpflanzung ganz ohne Spermien wurde bereits geargwöhnt, Männer könnten eines Tages überflüssig werden. Doch US-Forscher geben Entwarnung: Im Samen stecken Moleküle, ohne die ein Embryo kaum heranreifen kann.


Spermien: Rolle bei der Embryo-Entwicklung bislang unterschätzt
AFP

Spermien: Rolle bei der Embryo-Entwicklung bislang unterschätzt

"Männer haben eine Funktion", lautet die gute Nachricht von Stephen Krawetz an seine verunsicherten Geschlechtsgenossen. Die Rolle der Männer in der frühen Entwicklung befruchteter Eizellen sei größer als angenommen, glaubt der Forscher. Wissenschaftler waren bislang davon ausgegangen, dass das Wachstum befruchteter Eizellen vor allem "Frauenarbeit" sei. Die Rolle der Männer wurde auf die Bereitstellung der Erbinformation reduziert, die sich mit der weiblichen DNS vereinigt.

Doch die Forscher von der Wayne State University und der University of Leeds stellten fest, dass Spermien nicht nur männliche DNS abliefern. Sie enthalten vielmehr verschiedene RNS-Moleküle, die als so genannte Boten-RNS eine wichtige Rolle bei der Herstellung von Proteinen spielen. Boten-RNS kopiert die in einem Gen auf der DNS liegende Information und trägt sie zum Ribosom, wo die Proteinbiosynthese stattfindet.

Im Jahr 2002 hatte das Team um Krawetz im menschlichen Sperma rund 3000 verschiedene Boten-RNS-Moleküle entdeckt. "Die wichtigste Information ist, dass Väter ein bisschen mehr tun, als DNS zu spenden", betonte der Wissenschaftler. Sein Team identifizierte nun sechs verschiedene RNS-Moleküle, die zwar in Spermien, jedoch nicht in weiblichen Eizellen vorkommen.

Die Entdeckung könnte auch ganz neue Erklärungen für die Unfruchtbarkeit von Männern liefern. Möglicherweise seien gewisse RNS-Moleküle fehlerhaft oder nicht vorhanden, schreibt Krawetz im Wissenschaftsmagazin "Nature" (Bd. 429, S. 154). Sein Team habe einen RNS-Fingerabdruck voll funktionsfähiger Spermien entwickelt, der nun mit dem unfruchtbarer Männer verglichen werden soll.

Die besondere Rolle von Boten-RNS könnte gleichzeitig die Schwierigkeiten begründen, die Genforscher mit der so genannten Jungfrauengeburt bei Säugetieren haben - auch Parthenogenese genannt. Nur mit großem Aufwand und zusätzlichen genetischen Eingriffen gelang es japanischen Forschern vor wenigen Wochen, aus zwei weiblichen Maus-Eizellen eine "befruchtete" Eizelle herzustellen und eine Maus heranwachsen zu lassen. "Kaguya" besaß keinen Vater, dafür aber zwei leibliche Mütter.

Mit einem "Imprinting" genannten Trick hat die Natur sichergestellt, dass sich Säugetiere nur dann vermehren können, wenn männliche und weibliche DNS zusammenkommen. In den Keimzellen (Sperma- und Eizellen) werden während ihrer Bildung einige wichtige Gene durch einen chemischen Schalter ausgeschaltet.

Da in Eizellen andere Gene stillgelegt sind als in Spermazellen, steht bei der Entwicklung eines Embryos nur dann das vollständige Erbgut zur Verfügung, wenn das Erbmaterial einer Samenzelle mit dem einer Eizelle kombiniert wird. Die japanischen Forscher mussten gezielt ein bestimmtes Gen aussschalten, damit die Fortpflanzung ohne Vater überhaupt gelingen konnte.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.