Unterschätztes Symptom: Jeder fünfte Parkinson-Patient halluziniert

Mit dem Zittern kommen - manchmal - auch Halluzinationen und Schläfrigkeit: Öfter als bislang vermutet leiden Parkinson-Patienten an diesen Begleitsymptomen. Durch Medikamente scheinen sie noch, begünstigt zu werden. US-Neurologen haben nun die eigentlichen Risikofaktoren ausfindig gemacht.

Baltimore - Schleichend beginnt die Parkinson-Krankheit: Meist bleibt zunächst beim Gehen ein Arm schlaff hängen. Dann können sich die Betroffenen immer weniger bewegen. Muskeln beginnen, unkontrolliert zu zucken; andere erstarren. Grund für diese Schüttellähmung ist der Abbau bestimmter Nervenzellen. Häufiger als bei Gesunden werden bei den Parkinson-Patienten auch Halluzinationen, Schläfrigkeit und Schwellungen zum Beispiel der Beine oder Hände beobachtet und als Begleitsymptome und Nebenwirkungen von Medikamenten abgetan.

US-Schauspieler Michael J. Fox: Berühmter Parkinson-Patient und Aktivist für mehr Forschung
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US-Schauspieler Michael J. Fox: Berühmter Parkinson-Patient und Aktivist für mehr Forschung

Nun berichten US-Forscher in der Fachzeitschrift "Neurology" (Bd. 69, S. 187): Weit mehr Parkinson-Patienten als bislang gedacht sehen Trugbilder, leiden unter Müdigkeitsanfällen und anschwellenden Gliedmaßen - aufgrund verschiedener Risikofaktoren.

Fast ein Fünftel aller Parkinson-Patienten entwickelt Halluzinationen, berichtet ein Team um Kevin Biglan von der University of Rochester (US-Bundesstaat New York). Die US-Neurologen hatten für ihre Studie 301 Patienten im Frühstadium der Parkinson-Krankheit von Beginn der Therapie an vier Jahre untersucht; die Betroffenen waren im Schnitt 61 Jahre alt. Eine Hälfte der Probanden bekam den Wirkstoff L-Dopa, die andere Pramipexol - zwei Substanzen, die im Gehirn den Botenstoff Dopamin ersetzen sollen. Im Hirn von Parkinson-Patienten werden zu geringe Mengen dieses Neurotransmitters produziert.

Schlafattacken bei Männern, Schwellungen bei Frauen

Obwohl zu Beginn der Studie keiner der 301 Patienten über Halluzinationen geklagt hatte, sah im Lauf der vierjährigen Untersuchung jeder fünfte Proband Trugbilder. Zudem litt mehr als ein Drittel der Patienten unter Schläfrigkeit, und fast die Hälfte erlebte Schwellungen. Als Risikofaktoren identifizierte Biglans Team jedoch nicht nur die Medikamente selbst, sondern vielfältige Gesundheitsprobleme, die mit dem Alter, dem Geschlecht, der ersten Behandlungsmethode und dem kognitiven Zustand einhergingen.

Schlaf-Attacken sind für den Wirkstoff Pramipexol bereits als Nebenwirkung bekannt. Häufiger trat die Schläfrigkeit den Neurologen zufolge jedoch auf, wenn die mit Pramipexol behandelten Patienten viele gesundheitliche Probleme hatten und männlich waren. Halluzinationen waren ebenfalls mit gesundheitlichen Problemen verbunden, traten aber auch häufiger auf, wenn die Patienten älter waren und bereits leichte Gedächtnisprobleme hatten. Dagegen waren Schwellungen bei weiblichen Patienten häufiger, insbesondere dann, wenn sie eine Herzkrankheit hatten und den Wirkstoff Pramipexol einnahmen.

Zahl der Kranken wird sich bis 2030 mehr als verdoppeln

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass andere körperliche Erkrankungen ein wichtiger, aber oft übersehener Risikofaktor für Halluzinationen, Schläfrigkeit und Schwellungen sind", sagt Biglan. Solche zusätzlichen Erkrankungen sollten daher von Ärzten in Zukunft mehr berücksichtigt werden, erklärt der Forscher. "Die Risikofaktoren früh zu identifizieren, kann helfen, Behandlungsentscheidungen zu lenken", sagte Biglan.

Zumal die Zahl der Parkinson-Fälle in den nächsten Jahren rapide zunehmen wird, wie Forscher des National Institute of Neurological Disorders and Stroke in einer großen Übersichtsstudie herausgefunden haben. Die Zahl der Parkinson-Kranken in den 15 bevölkerungsreichsten Ländern der Welt werde von heute 4,1 Millionen bis 2030 auf 8,7 Millionen steigen.

In den Vereinigten Staaten steht die Krankheit Parkinson im Zentrum der Debatte um den therapeutischen Einsatz embryonaler Stammzellen. Unter anderem der Schauspieler Michael J. Fox ("Zurück in die Zukunft") wirbt für eine Lockerung der strengen Gesetze und intensivere Forschung. Im Juni aber hatte US-Präsident George W. Bush gegen solche Anstrengungen sein Veto eingelegt. In Deutschland übte die Katholische Kirche Kritik an einem Vorstoß zu mehr Forschung mit embryonalen Stammzellen.

fba/ddp

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