Unterwasser-Archäologie: 600 Jahre altes Schiffswrack entdeckt

Von Stefan Schmitt

Nur durch Zufall haben Experten in Schweden einen phantastischen Fund gemacht: Bei Arbeiten für einen S-Bahn-Tunnel entdeckten sie ein mehr als 600 Jahre altes Lastschiff: in einer Bucht in Stockholm.

Nur ein paar hundert Meter vom rettenden Ufer entfernt sank das Schiff etwa um das Jahr 1390, mit seiner gesamten Ladung. Über 600 Jahre lag es in zehn Metern Tiefe auf dem Grund des Mälarsees in der Bucht Riddarfjärden. Nicht weit von Stockholms Wahrzeichen entfernt, dem Stadshuset, in dem jährlich das feierliche Nobelpreis-Bankett stattfindet.

Wegen eines Verkehrsproblems stießen Wissenschaftler auf das Wrack: In Slussen, wo Schleusen die Ostsee mit dem Binnensee Mälaren verbinden, rollt über eine Eisenbahnbrücke Schienenverkehr vom Norden der Stadt in den Süden: U-Bahn, S-Bahn, längst zu viele Züge. Weitere oberirdische Gleise aber würden die historische Altstadt Gamla Stan zerschneiden, deshalb soll ein Tunnel unter dem Riddarfjärden Abhilfe schaffen.

Seit vergangenem Herbst untersuchen Taucher das vorgesehene Gelände, in der ersten Etappe rund 43.000 Quadratmeter auf dem Grund des Mälarsees zwischen der Insel Riddarholmen und dem Südufer. "Viel Unrat gibt es da", berichtet Mathias Andersson von den Staatlichen Marinemuseen (SMM). "Unsere Taucher fanden alte Fahrräder, Stühle, Plastiktüten und Reste von Weihnachtsbäumen."

Nur einen archäologischen Schatz hatte niemand erwartet. Der Fund im vergangenen September war eine Überraschung für die Taucher: Etwa auf halbem Weg zwischen Slussen und dem Ort der Nobelpreiszeremonie liegt in zehn Metern Tiefe ein Schiffswrack. Tief eingegraben in den Grundschlamm schauen nur wenige Planken und Reste von Aufbauten heraus. Stücke davon sägten die Unterwasserarchäologen ab.


"Wir haben den Fund so lange geheimgehalten, weil wir uns hinsichtlich des Alters sicher sein wollten", sagt Andersson. Mit Hilfe der C14-Methode wurde anhand der Konzentration von Kohlenstoff-14-Isotopen im Holz des Wracks nicht nur das Alter bestimmt, sondern auch der Zeitpunkt des Untergangs eingegrenzt: Zwischen 1350 und 1370 wurde das Gefährt gebaut, irgendwann in den 1390er Jahren sank es.

"Wir sind in Stockholm noch nie auf ein dermaßen altes Wrack gestoßen," sagt Mathias Andersson SPIEGEL ONLINE. Tatsächlich handele es sich wohl um den ältesten Schiffsfund dieser Art in ganz Schweden. Da es sich um ein Lastschiff handelt, das auf dem drittgrößten See des Landes wohl zum Warentransport eingesetzt worden ist, hoffen die Archäologen besonders auf eines: Ladung. Fänden sie noch Güter und Ausrüstungsgegenstände an Bord, böten diese ein Bild vom Alltag vor 650 Jahren.

Ähnliches Glück hatten schwedische Unterwasserarchäologen bereits 1956 im nahen Hafenbecken der Stadt. Dort stießen Forscher auf das Wrack des 1628 gesunkenen Schlachtschiffs "Vasa". Sie sollte das Flaggschiff der schwedischen Flotte zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges werden. Doch Schwedenkönig Gustav Adolf wollte zu viel Pracht: Bei der Jungfernfahrt kenterte das toplastige Schiff, lief voll Wasser und versank im natürlichen Hafenbecken der Hauptstadt. Eine Untersuchungskommission stellte damals ihre Tätigkeit ein, weil sie vermeiden wollte, einen Bericht mit dem eindeutigen Ergebnis vorzulegen: Es waren die wiederholten Änderungswünsche des Königs selbst gewesen, die für die Katastrophe verantwortlich waren. Ein zusätzliches Deck, mehr und schwerere Kanonen hatte der Monarch gefordert.

Nachdem das Wrack in 30 Metern Tiefe wiederentdeckt worden war, wurde es in einer spektakulären Aktion zwischen 1959 und 1961 in 16 Etappen gehoben und in die Nähe des Ufers geschleppt. In einem langwierigen Prozess wurde das Wasser aus dem Holz des Rumpfs gezogen und durch Kunstharz ersetzt. So präpariert steht das Flaggschiff heute im eigens erbauten Vasa-Museum unweit des Stockholmer Hafens. Die Vasa gilt dank ihres guten Zustands als einzigartig.

Nun hoffen die Wissenschaftler auf aufregende Entdeckungen bei dem neuentdeckten Wrack, weil ähnlich günstige Umstände den Fund verheißungsvoll machen: Wie auch im Stockholmer Hafenbecken ist das Wasser im Riddarfjärden brackig. Dort kann der berüchtigte Schiffsbohrerwurm nicht leben, der normalerweise Schiffswracks in kurzer Zeit zerfrisst. Selbst Knochen der Besatzung könnten im Schlamm theoretisch noch gefunden werden - doch wahrscheinlich konnten sich die Seeleute damals ans nahe Ufer retten.

In Schweden sind Schiffswracks durch das Gesetz vor jedem Eingriff geschützt. Die Forscher des SMM haben nun beantragt, diesen Frieden stören zu dürfen. Mit großen Saugschläuchen soll das Lastschiff vom Schlamm gereinigt und freigelegt werden - zur wissenschaftlichen Analyse, nicht zur Bergung. "Wenn wir hier ein Schiffswrack finden, lassen wir es normalerweise im Wasser", sagt Mathias Anderson, "nirgendwo sonst ist es besser aufgehoben."

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