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Uralte Geschichten: Sumerische Texte im Internet

Von Benedikt Mandl

Frühgeschichtliche Mythen, Sprichwörter und Geschichten in der ältesten Schriftsprache der Welt sind ab sofort im Internet abrufbar. Britische Wissenschafter haben die uralten Texte, die in sumerischer Keilschrift auf Tontäfelchen gedruckt wurden, digitalisiert und übersetzt.

Sumerisch, die älteste geschriebene Sprache
DPA

Sumerisch, die älteste geschriebene Sprache

Wissenschaftler der University of Oxford haben 4000 Jahre alte Texte auf Tontäfelchen aus dem Süden des Iraks erfasst und im Internet frei verfügbar gemacht. Der Großteil der über 35.000 Textzeilen in Keilschrift entfällt auf frühsumerische Literatur, etwa Mythen, Lobeshymnen und Sprichwörter. Das Projekt zur Digitalisierung dieses historischen Geschichtenschatzes läuft nunmehr seit neun Jahren, kürzlich wurden die bisher gesammelten Daten erstmals gemeinsam mit detaillierten Übersetzungen und Kommentaren im Netz veröffentlich.

"Zum ersten Mal überhaupt wird eine umfassende Sammlung sumerischer Literatur, in der ältesten geschriebenen Sprache der Welt, samt detaillierter Analyse für jeden abrufbar", schwärmen die englischen Altertumsforscher um den Ägyptologen John Baines. Jedes einzelne Wort sei mit grammatikalischer Information versehen - das heißt, dass es überall in den Texten abgerufen werden kann, egal, in welche Form es konjugiert wurde. "Wenn man also das Verb 'gehen' sucht, findet man auch 'gehe', 'geht' oder 'gegangen'", erläutert Baines.

Das Sumerische gilt als isoliert, keine andere Sprache konnte bisher als verwandt identifiziert werden. Sie zeichnet sich durch ihren agglutinierenden Sprachbau aus, das heißt, dass die grammatikalische Funktion eines Wortes durch eine angehängte Silbe, ein "Affix", festgelegt wird. Die Herkunft des Sumerischen ist ebenso umstritten wie die Herkunft der Sumerer selbst. Fest steht nur, dass ihre Kultur bis etwa 2000 vor Christus in den fruchtbaren Ebenen im Süden Mesopotamiens, im heutigen Irak, anzufinden war. Aus dieser Zeit stammt auch der Großteil der nun erfassten Tontäfelchen.

Erstmals studiert wurde die Keilschrift der Sumerer in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als Tontäfelchen aus dem damaligen Osmanischen Reich von europäischen Archäologen für Museumssammlungen erstanden wurden. Dennoch dauerte es bis etwa 1950, bis umfassende Übersetzungen der alten Texte vorlagen.

Baines hofft nun, dass sein Projekt die Anstrengungen von Forschern aus aller Welt verknüpft: "Unsere Website zeigt das Potential des Internets, neue Arbeitsweisen zu erlauben und zugleich viel mehr Menschen zu erreichen, als dies mit klassischen Publikationen möglich wäre."

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