Uralte Gravuren: Steinzeitkünstler ritzte rätselhafte Zeichen

Von Alexander Stirn

Archäologen sind in Südafrika auf Gravuren gestoßen, die sich als das älteste von Menschen geschaffene Kunstwerk erweisen könnten. Möglicherweise muss die Geschichte des Homo sapiens überdacht werden.

Es ist ein seltsames Muster: Schräge, sich kreuzende Linien sind in zwei Ockerstücke geritzt, die Forscher in der Blombos-Höhle im Süden Afrikas entdeckt haben. Was das frühe Kunstwerk darstellen soll, bleibt ein Rätsel. Doch eines ist klar: Die Felsbrocken sind rund 77.000 Jahre alt - und damit deutlich älter als alle bekannten Kunstwerke der Steinzeit.

Ockerstück aus der Blombos-Höhle: Kreativ vor 77.000 Jahren?
Science

Ockerstück aus der Blombos-Höhle: Kreativ vor 77.000 Jahren?

Wie ein Team um Christopher Stuart Henshilwood in einem vom US-Wissenschaftsmagazin "Science" online veröffentlichten Aufsatz berichtet, hat der Fund die Fachwelt überrascht: Womöglich hat sich modernes menschliches Verhalten weitaus früher entwickelt hat als bislang angenommen - zuerst in Afrika, von wo sich der modern handelnde Mensch langsam nach Europa ausgebreitet hat.

Die meisten Anthropologen gehen davon aus, dass der Homo sapiens vor rund 130.000 Jahren erstmals seinen Fuß auf die Erde gesetzt hat. Entsprechende Knochenfunde und DNS-Analysen deuten auf die ersten anatomisch modernen Menschen hin.

Doch die geistigen Fähigkeiten entwickelten sich offenbar nur langsam. So fehlen über viele Jahrtausende Spuren kognitiver Anlagen, die Menschen bei künstlerischen Tätigkeiten, bei abstrakten oder gegenständlichen Zeichnungen helfen könnten. Die weltberühmten Felszeichnungen in Frankreich erreichten ihre Blütezeit vor etwa 30.000 Jahren. Auch fortgeschrittene Jagd- und Fischtechniken entstanden dem aktuellem Stand der Forschung zufolge erst vor 40.000 Jahren.

Mit den neuen Entdeckungen rückt nun Südafrika ins Zentrum der archäologisch-kunstkritischen Diskussion. Bereits im Dezember hatten Henshilwood und Kollegen in der Fachzeitschrift "Journal of Human Evolution" von kunstvoll angespitzten Knochen aus der Blombos-Höhle berichtet. Die Funde sind ebenfalls älter als 70.000 Jahre.

Doch die beiden Ockerstücke, bereits 1999 und 2000 von Forschern aus Südafrika, Norwegen, Großbritannien und den USA ausgegraben, lassen die Knochen alt aussehen. Mit ihren komplexen, vermutlich symbolischen Formen gehen sie weit über das reine Anspitzen von Skelettteilen hinaus. Der größere der beiden Gesteinsbrocken ist 76 Millimeter lang und zeigt viele X-förmige Einkerbungen, die von drei horizontalen Linien durchzogen werden. Das kleinere Stück misst 53 Millimeter, allerdings sind nicht alle X-Strukturen durchgestrichen.

Gravuren im Ocker: "Das ist Kunst"
Science

Gravuren im Ocker: "Das ist Kunst"

"Dabei handelt es sich eindeutig um ein absichtlich eingraviertes, abstraktes geometrisches Design", so Stanley Ambrose von der University of Illinois gegenüber "Science". "Das ist Kunst." Andere Experten für Steinzeitkunst sind sich nicht so sicher. Besonders der Versuch, symmetrische Objekte zu schaffen, lasse Zweifel an der Fähigkeit für abstrakte Zeichnungen aufkommen. Vielleicht, so die Spekulation mancher Wissenschaftler, habe ein gelangweilter Höhlenbewohner auch nur herumgekritzelt.

Selbst wenn es sich um Kunst handeln würde, die zeitliche Ordnung der Steinzeit muss der Überraschungsfund nicht durcheinander bringen. Zumindest nicht in den Augen eher konservativer Wissenschaftler: "Ich habe leichte Probleme zu akzeptieren, dass wir jetzt genau den Beweis gefunden haben sollen, der alle anderen Erkenntnisse ersetzen wird", sagt Meg Conkey von der University of California in Berkeley.

Schließlich könnten die Funde auch das Werk eines einzelnen, außergewöhnlich begabten Künstlers sein, dessen Talent mit seinem Tod starb - und erst viel später ein breiteres Publikum erreichte. Dafür spreche, dass es weltweit mindestens 30 mit Blombos vergleichbare Fundorte gibt, aber nirgends derartige Gravuren entdeckt wurden.

Alles eine Frage der Suche, kontert Henshilwood. Die meisten der 30 Fundstellen seien in den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entdeckt, aber weder sauber datiert noch korrekt ausgegraben worden. Die Funde in der Blombos-Höhle stellten jedenfalls, so der südafrikanische Archäologe, "nur die Spitze des Eisberges" dar.

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