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Uran-Ersatz: Wolfram-Geschosse lösen Krebs aus

Jahrelang stand die US-Armee wegen des Einsatzes von Uranmunition in der Kritik. Wolfram-Legierungen sollten das strahlende und hochgiftige Material ersetzen. Doch eine Studie zeigt jetzt, dass die neuen Projektile aggressive Krebsgeschwüre auslösen können.

Uran-Munition: Strahlende Gefahr
REUTERS

Uran-Munition: Strahlende Gefahr

Washington - Seit den siebziger Jahren war es die Waffe der Wahl im Kampf gegen feindliche Panzer: Geschosse, die mit abgereichertem Uran ("depleted uranium", DU) gefüllt und dadurch so schwer sind, dass sie allein durch die Wucht ihres Aufpralls starke Panzerungen durchschlagen. Der Nachteil: Das abgereicherte Uran ist radioaktiv und hochgiftig. Immer wieder mussten sich die Amerikaner Kritik gefallen lassen, da insbesondere in besiedelten ehemaligen Kriegsgebieten von vermehrten Krebsfällen in der Bevölkerung die Rede war.

Obwohl das US-Militär eine Gesundheitsgefahr für Zivilisten und Soldaten durch Uranmunition stets bestritten hat, wurde die vollständige Umstellung auf Wolframgeschosse erwogen, die schon heute breite Verwendung in den Streitkräften der USA und anderer Staaten finden. Manche Geschosstypen wurden schon vor Jahren von Uran auf Wolfram umgestellt, wie etwa 1988 die panzerbrechende Munition für die in US-Kampfjets und auf Schiffen eingesetzte 20-Millimeter-Kanone.

Der amerikanische "Abrams"-Panzer benutzt ebenfalls Wolfram-Geschosse, zudem wurde das Metall auch in kleinkalibrigen Projektilen schon im Irakkrieg von 1991 eingesetzt. Die Bundeswehr verwendet im Leopard-2-Kampfpanzer seit Jahren die von Rheinmetall W&M entwickelte "LKE-2"-Munition mit einem Kern auf Wolfram-Basis.

Stark krebserregende Wirkung

Wolfram verfügt über eine ähnliche Dichte wie abgereichertes Uran, ohne aber über dessen Radioaktivität und Giftigkeit zu verfügen. Jetzt aber stellt sich heraus, dass Wolfram doch nicht so ungefährlich ist, wie es die Streitkräfte gerne hätten. Schon 2003 hatte das Radiobiology Research Institute des US-Militärs davor gewarnt, dass kleine Wolfram-Bruchstücke im menschlichen Körper Tumoren verursachen könnten.

Bundeswehr-Panzer Leopard 2: Wuchtgeschosse mit Wolfram-Kern
AP

Bundeswehr-Panzer Leopard 2: Wuchtgeschosse mit Wolfram-Kern

In einer neuen Studie sieht das Institut mit Sitz in Bethesda diese Befürchtung nun bestätigt. Ein Team um John Kalinich und hat bei Versuchen an Ratten eine stark krebserregende Wirkung von Legierungen mit dem Schwermetall beobachtet, heißt es in einem Artikel im Fachblatt "Environmental Health Perspectives" (Online-Vorabveröffentlichung).

Kalinich und seine Kollegen haben 92 Ratten Wolframstücke von einem mal zwei Millimetern Größe in die Muskelschicht der Hinterbeine implantiert. Damit simulierten sie eine Verletzung, wie sie Menschen erleiden können, wenn sie von Splittern eines solchen Projektils getroffen werden.

Alle Ratten bildeten innerhalb weniger Monate aggressive Tumoren rund um die Metallsplitter aus, berichten die Wissenschaftler. Anschließend seien lebensbedrohliche Metastasen in der Lunge entstanden. Je höher die Dosis an implantiertem Wolfram gewesen sei, desto schneller sei ein Tumor entstanden. Die Ratten der Kontrollgruppe, denen die Forscher das Metall Tantal einsetzten, blieben hingegen gesund.

Durchschlagskraft durch Gewicht

Urangeschosse wurden unter anderem 1990/1991 im Golfkrieg, im Kosovo- und im Afghanistankrieg als panzerbrechende Munition eingesetzt. Durch seine Dichte, die um 70 Prozent höher liegt als die von Blei, verleiht das Uran dem Geschoss ein hohes Gewicht und damit eine enorme Durchschlagskraft. Eine mit Uran gefüllte Ein-Liter-Wasserflasche würde 19 Kilogramm wiegen.

Uranmunition: Tödliche Gefahr für Unbeteiligte
DER SPIEGEL

Uranmunition: Tödliche Gefahr für Unbeteiligte

Beim Aufprall eines Urangeschosses wird der Großteil der Bewegungsenergie in Wärmeenergie umgewandelt. Das Projektil schmilzt und wird in eine Wolke kleinster Uran- und Uranoxid-Partikel zerstäubt, die Feuer fängt und die Panzerbesatzung bei lebendigem Leib einäschert.

Gefahr besteht auch für Unbeteiligte: Vom Menschen eingeatmet, lösen sich die Uranpartikel in der Lunge auf und gelangen so in die Blutbahn und ins Gewebe. Auch über Wunden kann die Substanz in den Körper eindringen und Vergiftungen oder Krebs auslösen. In den Boden geschossene Uranmunition kann Schätzungen zufolge in fünf bis zehn Jahren vollständig korrodieren und das Uran ins Grundwasser abgeben.

Bei den amerikanischen Streitkräften wird die so genannte DU-Munition größtenteils vom Kampfjet A-10 "Thunderbolt" verschossen. Das Bodenkampf-Flugzeug, auch bekannt unter dem Beinamen "Warzenschwein", kann mit seiner 30-Millimeter-Bordkanone pro Minute 3900 Geschosse mit einem Einzelgewicht von bis zu 750 Gramm abfeuern.

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