Uran- und Phosphormunition Kritiker werfen Israel Einsatz umstrittener Waffen vor

Arabische Staaten unterstellen Israel jetzt, im Gaza-Krieg Munition mit abgereichertem Uran verschossen zu haben. Zugleich werden neue Vorwürfe wegen des Einsatzes von Phosphorgranaten laut - Amnesty International spricht von Kriegsverbrechen, die Uno will der Sache nachgehen.


Wien/Jerusalem - Die Vereinten Nationen gehen Vorwürfen nach, Israel habe im Gaza-Krieg Munition mit abgereichertem Uran verwendet. Arabische Staaten hätten die Atomenergiebehörde IAEA aufgefordert, entsprechende Hinweise zu prüfen, sagte IAEA-Sprecherin Melissa Fleming am Dienstag. Die Behörde werde den von Saudi-Arabien überbrachten Brief nun an die Mitgliedsstaaten weiterleiten "und die Angelegenheit im Rahmen unserer Möglichkeiten untersuchen". Demnach ist noch nicht entschieden, welchen Weg die IAEA dabei einschlagen wird. Zunächst müsse die Behörde mit den Mitgliedern Rücksprache halten, sagte Fleming.

Israels Botschafter bei der IAEA, Israeli Michaeli, nahm keine Stellung zu dem Brief. Eine Sprecherin der israelischen Armee sagte, das Militär werde die Angaben überprüfen. Ein Sprecher des Außenministeriums sprach von "armseliger Propaganda": "Diese Vorwürfe wurden in der Vergangenheit oft erhoben und von unabhängigen Beobachtern jedes Mal als unbegründet angesehen." Zuletzt war im Libanonkrieg 2006 die Rede davon, Israel habe Uranmunition eingesetzt. Beweise tauchten allerdings nicht auf.

Abgereichertes Uran ("depleted uranium", DU, mehr auf SPIEGEL WISSEN...) wird benutzt, um die Durchschlagskraft von panzerbrechender Munition zu vergrößern. Durch seine Dichte, die um 70 Prozent höher liegt als jene von Blei, verleiht das Uran dem Geschoss ein hohes Gewicht und damit eine enorme Durchschlagskraft. Eine mit Uran gefüllte Ein-Liter-Wasserflasche würde 19 Kilogramm wiegen.

Der beim Einschlag verursachte Staub könnte die Gesundheit von Menschen gefährden. Abgereichertes Uran ist zwar nur schwach radioaktiv, aber hochgiftig. Mediziner befürchten, dass die Uranpartikel eingeatmet werden können, sich in der Lunge auflösen und so in die Blutbahn und ins Gewebe gelangen. Auch über Wunden könne die Substanz in den Körper eindringen und Vergiftungen oder Krebs auslösen. In den Boden geschossene Uranmunition kann Schätzungen zufolge in fünf bis zehn Jahren vollständig korrodieren und das Uran ins Grundwasser abgeben.

Uno-Sprecher fordert Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen

Israel muss sich auch gegen neue Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Einsatz von weißem Phosphor (mehr auf SPIEGEL WISSEN...) im Gaza-Krieg zur Wehr setzen. Nach Angaben von Mitarbeitern der Vereinten Nationen haben Israels Streitkräfte ein großes Uno-Lager im Gazastreifen mit Phosphorgranaten beschossen. Der Einsatz dieser Waffe, die schwer zu löschende Brände und bei Menschen furchtbare Brandverletzungen auslöst, ist in bewohnten Gebieten völkerrechtlich verboten.

Chris Gunness, Sprecher des Uno-Hilfswerks UNRWA, forderte eine Untersuchung, ob Israel mit dem Beschuss des Uno-Gebäudes sowie mehrerer Schulen voller palästinensischer Flüchtlinge - am 6. Januar starben bei einem solchen Zwischenfall mehr als 30 Menschen - Kriegsverbrechen begangen hat. Auch Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte eine "umfassende internationale Untersuchung" über den Tod der Zivilisten.

Schon in den ersten Tagen des Gaza-Kriegs kam der Verdacht auf, Israel habe Rauchgranaten mit weißem Phosphor einsetzt. Die israelischen Behörden verweigerten zunächst die Auskunft darüber, welche Substanz für die Rauchvorhänge verwendet wurde, die auf zahlreichen Fotos aus dem Kriegsgebiet zu erkennen waren. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE teile ein Militärsprecher Anfang Januar nur mit: "Die Streitkräfte der israelischen Armee operieren im Einklang mit dem internationalen Recht. Das schließt den Gebrauch von Waffen und Munition ein." Fachleute hegten allerdings kaum Zweifel, dass es sich um weißen Phosphor handelte - zumal der "New York Times" zufolge auch Geschossreste mit entsprechenden Aufschriften im Kriegsgebiet gefunden worden waren.

Weißer Phosphor gilt nicht als Chemiewaffe, sein militärischer Einsatz ist völkerrechtlich gestattet - allerdings nur, wenn die Substanz ausschließlich als Rauchmittel und nicht in dicht besiedelten Gebieten verwendet wird. Wer mit weißem Phosphor in Kontakt kommt, kann schwere Verletzungen erleiden. Die Substanz kann die Atemwege, Augen, Leber, Herz und Nieren schädigen. Am schlimmsten ist der Kontakt mit Haut und verletztem Gewebe: Die Partikel hören nicht auf zu brennen, bis sie komplett verschwunden sind oder den Knochen erreicht haben. Zu den thermischen kommen chemische Verbrennungen, zum Beispiel wenn durch Kontakt mit Wasser Phosphorsäuren entstehen. Außerdem ist weißer Phosphor hochgiftig: Schon 50 Milligramm gelten als tödliche Dosis, doch der Tod kommt langsam - oft erst nach 5 bis 10 Tagen, da das Gift die Eiweiß- und Kohlenhydratsynthese stört.

Amnesty spricht von Kriegsverbrechen

Die Nachrichtenagentur AP berichtete von einer 14-köpfigen palästinensischen Familie, die Opfer eines israelischen Angriffs geworden sei. Fünf Menschen seien umgekommen, zwei hätten im Koma gelegen und drei weitere seien schwer verwundet worden. Ein einzelnes Geschoss mit weißem Phosphor habe das Drama ausgelöst. Die Agentur zitierte zudem einen Arzt einer palästinensischen Klinik mit den Worten, es habe Hunderte Patienten mit Phosphor-Verbrennungen gegeben.

Nach Angaben der Uno hat die israelische Armee zwei Schulen direkt mit Phosphor beschossen. Israel wiederum betont, man habe die Substanz nur als Rauchmittel zur Tarnung der eigenen Truppen benutzt. Das Internationale Rote Kreuz teilte vergangene Woche mit, dass es bisher keine Beweise für die illegale Benutzung von weißem Phosphor gebe.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International griff die israelische Regierung dagegen scharf an: Der "wiederholte Einsatz" von Phosphor trotz der Gefahr für Zivilisten in einem so dicht besiedelten Gebiet wie dem Gazastreifen sei "ein Kriegsverbrechen".

Das israelische Militär hat zur Untersuchung des Phosphor-Einsatzes inzwischen eine Untersuchungskommission eingesetzt, um "jegliche diesbezügliche Unklarheit zu beseitigen", wie es am Mittwoch in einer Stellungnahme der Streitkräfte hieß. Laut einem Bericht von "Haaretz" geht es dabei um Geschosse, die eine Fallschirmjägereinheit auf ein besiedeltes Gebiet im nördlichen Gazastreifen abgefeuert habe. Bei ihnen soll es sich um Artillerierauchgranaten mit wenig Phosphor und Mörsergranaten mit einer hohen Phosphorkonzentration gehandelt haben, schrieb die Zeitung unter Berufung auf israelische Militärs. Von letzterem Typ seien etwa 20 Geschosse auf Viertel der Ortschaft Beit Lahhija abgefeuert worden.

mbe/Reuters/dpa/AP



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