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Ursprung des Guten: Die Moral als Nebenprodukt der Evolution

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Der Mensch gibt sich moralische Normen - das unterscheidet ihn vom Tier. Über den Ursprung der Moral streiten Philosophen, Psychologen und Theologen schon länger. Ein US-Forscher erklärt ethisches Verhalten nun zum Nebenprodukt der Evolution.

Moral: Normen und Werte im Wandel Fotos
AP

Darf ein Mann mehrere Frauen haben? Warum plündern wir, wenn wir Hunger haben und der eigene Kühlschrank leer ist, nicht einfach die Küche unseres Nachbarn? Nun, Polygamie ist in unserer Gesellschaft ebenso verboten wie Diebstahl. Doch es gibt Länder, in denen es völlig normal ist, als Mann mehrere Frauen zu haben. Einbruch gilt hingegen weltweit als verwerflich.

Die beiden Fälle zeigen: Wertevorstellungen von Menschen ähneln sich - können sich aber auch unterscheiden. Sie sind offenbar auch kulturell beeinflusst. Die Frage aber ist: Woher kommt die Moral? Steckt sie vielleicht in unseren Genen? Oder geht sie eher auf die Religion oder kulturelle Einflüsse der menschlichen Gemeinschaft zurück?

Francisco Ayala, Professor für Evolutionsbiologie an der University of California in Irvine, erklärt die Moral nun zu einem eher zufälligen Nebenprodukt der Evolution. Ethisches Verhalten sei nicht direkt durch natürliche Selektion zu erklären, schreibt er im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Moral ist für den Wissenschaftler keine Adaption an die Umwelt, die den Menschen unmittelbare Vorteile brachte, sondern vielmehr eine sogenannte Exaptation. So nennen Evolutionsbiologen die kreative Zweckentfremdung in der Natur, von der es viele Beispiele gibt, etwa Federn. Sie scheinen sich zunächst entwickelt zu haben, um die Körpertemperatur von Tieren zu halten. Später haben Vögel sie aber auch benutzt, um zu fliegen.

Mit seiner These widerspricht der Evolutionsbiologe aus Irvine vielen Kollegen, die die Entstehung der Moral direkt mit der Evolution erklären. "Die Menschen haben immer sozial gelebt, und soziales Leben bedeutet Leben nach Regeln", sagt beispielsweise Jürgen Bereiter-Hahn von der Universität Frankfurt. "Darin sehe ich den Ursprung der Moral - sie kann unmittelbar einen Evolutionsvorteil schaffen."

Intelligenz als Motor

Francisco Ayala stellt dies in Frage: "Der moralische Sinn erlaubt uns, Taten als richtig oder falsch zu beurteilen." Es sei unwahrscheinlich, dass die Fähigkeit zu moralischen Urteilen an sich ein Vorteil gegenüber Artgenossen gewesen sei. Ziel der natürlichen Selektion vor allem im Pleistozän sei vielmehr die Entwicklung intellektueller Fähigkeiten gewesen.

Intelligenz sei als Eigenschaft selektiert worden, schreibt der Forscher. Und sie habe es Menschen ermöglicht, Werkzeuge zu bauen und zu nutzen und so erfolgreicher zu sein. Den Sinn für Moral führt Ayala auf die großen intellektuellen Fähigkeiten des Menschen zurück, die sich mehr und mehr entwickelten. "Sie ermöglichen uns, Konsequenzen unseres Handelns vorherzusehen, diese Konsequenzen einzuschätzen und die entsprechende Handlung auszuwählen." Es ist die menschliche Rationalität, die moralische Beurteilungen hervorbringt.

Moral als Nebenprodukt - kurioserweise beschreiben Evolutionsbiologen die Entstehung von Religion ganz ähnlich. Richard Dawkins beispielsweise, prominenter Verfechter des Atheismus, hält den Glauben für ein Nebenprodukt menschlicher Eigenschaften - zum Beispiel der Unterordnung unter Autoritäten. "In der Wildnis lebte ein aufmüpfiges Kind gefährlich, wenn es die Warnungen der Eltern ignorierte", sagte er im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Deshalb habe die Selektion wahrscheinlich die Unterordnung unter Autoritäten begünstigt. "Ein Gehirn aber, das glaubt, was Autoritäten sagen, kann nicht mehr unterscheiden zwischen dem guten Rat, nachts nicht in den Wald zu gehen, weil da ein Tiger lauern könnte - und dem törichten Befehl, eine Ziege zu opfern, um den Regen herbeizurufen", so Dawkins.

Moralische Normen im Wandel

Ayala unterscheidet übrigens zwischen der Fähigkeit, Taten als richtig oder falsch einzustufen, und moralischen Normen, denen Menschen bei ihren Handlungen folgen. Der moralische Sinn ist für den Wissenschaftler eng mit der menschlichen Natur und seinem Intellekt verknüpft.

Moralische Normen erklärt Ayala hingegen zum Produkt der kulturellen Evolution. Entsprechend schnell könnten sich diese Normen auch ändern, wie der Umgang mit Scheidungen, Marihuana-Konsum oder Homosexualität in der heutigen Gesellschaft zeige. Auch Rauchen sei inzwischen verpönt - zumindest in den USA.

Wie schwierig die Frage nach dem Ursprung und möglichem Nutzen der Moral ist, zeigt das altruistische Verhalten. Wer gern teilt oder fremdem Nachwuchs hilft, schadet sich ja im Grunde selbst. Demnach müssten egoistisch handelnde Menschen bei der natürlichen Selektion bevorzugt werden.

Ganz so einfach ist die Sache freilich nicht: Egoisten können aus einem Rudel ausgeschlossen werden - im Extremfall droht ihnen so der Tod. Zudem hat eine Gemeinschaft, in der altruistisches Verhalten üblich ist, durchaus Vorteile gegenüber Gruppen, in denen jeder zuerst an sich selbst denkt. Evolutionsbiologen sprechen von sogenannter Gruppenselektion. Wenn etwa der Nachwuchs aller von wenigen Mitgliedern der Sippe versorgt wird, können mehr Mütter jagen gehen und so mehr Futter bringen. Zumindest Altruismus könnte also durchaus ein Ergebnis der Evolution des sozialen Lebewesens Mensch sein.

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Atheismus und Religion
Evolution und göttliche Schöpfung
AFP
Als Charles Darwin 1859 mit seinem Buch "Die Entstehung der Arten" ("On the Origin of Species") die Evolutionslehre begründete, revolutionierte er nicht nur die Naturforschung. Er versetzte auch den theistischen Religionen einen schweren Schlag: Trete die natürliche Auslese an die Stelle der göttlichen Schöpfung, so die Befürchtung von Kirchenvertretern, könnte sie Gott überflüssig machen.
Kreationismus
Der Kreationismus postuliert, dass das Universum, die Erde und das Leben tatsächlich so entstanden sind wie im Alten Testament beschrieben. Allerdings existieren im Kreationismus verschiedene Strömungen. Weniger radikale Vertreter glauben, dass das Buch Mose nur eine ungefähre Darstellung der Geschehnisse enthalte und nicht wörtlich zu nehmen sei - oder dass die im Alten Testament genannten sechs Tage in Wahrheit viel längere Abschnitte seien, die den in der Wissenschaft geläufigen geologischen Zeitaltern entsprechen. Die Anhänger des Junge-Erde-Kreationismus" " hingegen glauben, dass Gott die Erde und das Leben tatsächlich in sechsmal 24 Stunden erschaffen habe - und zwar vor höchstens 10.000 Jahren.
Intelligent Design
Fundamentalismus im Tarnkleid: Vertreter des Intelligent Design , einer pseudowissenschaftlichen Variante des Kreationismus, sprechen nicht von Gott, sondern von einer übernatürlichen Intelligenz hinter allen Dingen. Der Kreationismus wurde von seinen Anhängern in den USA vor allem aus juristischen Gründen in Intelligent Design umbenannt, da US-Gerichte mehrfach religiöse Lehren an staatlichen Schulen untersagt hatten. Unter dem neuen Etikett preisen Anhänger ihren Glauben als gleichwertige Theorie neben der Evolutionslehre. Dabei machen sie sich zunutze, dass der Begriff "Theorie" in der Umgangssprache eher die Bedeutung einer bloßen Vermutung hat. In der Wissenschaft aber verlangt eine Theorie nach Forschung, Beweisen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Das Hauptargument der Intelligent-Design-Anhänger gegen die Evolutionstheorie lautet, dass die heute existierenden Lebewesen zu komplex seien, als dass sie durch natürliche Auslese hätten entstehen können. Auch die sogenannte Kambrische Explosion vor rund 540 Millionen Jahren sei nur mit dem Eingriff eines höheren Wesens zu erklären. Damals kam es zu einem dramatischen Anstieg der Artenvielfalt innerhalb von nur 40 bis 50 Millionen Jahren.
Weltweite Verbreitung der Religion
Der Glaube an die göttliche Schöpfung ist weit verbreitet - wenn auch nicht so weit, wie manche Kreationisten gern behaupten. Im August 2006 haben US-Forscher im Fachblatt "Science" Umfragen der vergangenen 20 Jahre in den USA, Japan und 32 europäischen Staaten untersucht. Das Ergebnis: In Island, Dänemark, Schweden, Frankreich und Japan glauben jeweils weniger als 20 Prozent der Bevölkerung an eine göttliche Schöpfung. Deutschland lag auf Platz zehn mit einer Evolutionsakzeptanz von etwas über 70 Prozent. 22 Prozent glaubten an eine göttliche Schöpfung, der Rest war unsicher. Die USA landeten auf dem vorletzten Platz - vor der Türkei. Nur 40 Prozent glauben in den USA an die Evolutionstheorie, 39 Prozent an die biblische Schöpfung - mit einer Tendenz zugunsten der Religion.

Wie problematisch solche Umfragen aber sind, zeigen schon die vielen unterschiedlichen Erhebungen in den USA: Je nachdem, wie die Fragen gestellt wurden, rangierte der Anteil der Schöpfungsgläubigen grob zwischen 45 und 55 Prozent. Rund 30 bis 40 Prozent glaubten, dass eine Evolution zwar stattfinde, aber von Gott beeinflusst werde. Nur rund zehn Prozent der US-Bürger geben in den regelmäßigen Umfragen an, dass Gott überhaupt keine Rolle bei der Entwicklung des Lebens und der Menschen spielt.

Auch in Deutschland brachte eine Emnid-Erhebung von 2005 ein weniger erfreuliches Ergebnis als die "Science"-Studie: Jeder zweite Befragte gab an, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben erschaffen. Einen klaren Unterschied gab es zwischen den alten und neuen Bundesländern: Im Osten glauben demnach 35 Prozent, im Westen 54 Prozent an eine schöpferische Macht außerhalb der Naturgesetze. Bei einer Umfrage an der Uni Dortmund stellte sich 2007 heraus, dass sogar jeder achte Lehramtsstudienanfänger an der Evolution zweifelt.
Atheismus
Als Atheismus versteht man die Ablehnung Gottes, einer göttlichen Weltordnung oder auch nur des geltenden Gottesbegriffs. Atheismus ist jedoch nicht unbedingt gleichzusetzen mit Unglauben und zu unterscheiden vom Agnostizismus , der die Frage der Existenz Gottes offen lässt.
Einer der weltweit führenden Neuen Atheisten ist Richard Dawkins .

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