US-Kinderärzte Achtjährige sollen Cholesterinsenker schlucken

Fettes Essen, wenig Sport: Dicke Kinder haben ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte. US-Mediziner wollen sie jetzt mit Medikamenten davor schützen. Während Kinderärzte in den USA empört streiten, meint ein deutscher Pädiater: "Die Empfehlungen gibt es hierzulande schon lange."

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Der Ruf nach einer Pille, die im Körper ausgleicht, was der Mensch ihm antut, macht auch vor Kindern nicht halt: In den USA sollen Achtjährige zukünftig cholesterinsenkende Medikamente schlucken, wenn ihre Blutfette in die Höhe schießen. Das ist zumindest die Empfehlung der "American Academy of Pediatrics" (AAP). Die Fachgesellschaft der US-Kinderärzte rät, Risikokinder bereits ab einem Alter von zwei Jahren regelmäßig zu untersuchen und gegebenenfalls ab acht Jahren mit Arzneien zu therapieren.

Viel essen, wenig Sport: In Deutschland ist jedes sechste Kind zu dick
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Nachdem die AAP ihre neuen Richtlinien in der Fachzeitschrift "Pediatrics" veröffentlicht hat, ist in den USA nun ein öffentlicher Streit entbrannt. "Um ehrlich zu sein, ich schäme mich für die AAP", zitiert die "New York Times" einen Arzt, der kritisiert, dass den Empfehlungen jede wissenschaftliche Grundlage fehle. Dieser Meinung ist auch der Kinderarzt Darshak Sanghavi von der medizinischen Fakultät der University of Massachusetts: "Wo sind die Daten, die beweisen, dass die Maßnahmen Herzinfarkte verhindern können?", zitiert ihn die Zeitung.

Tatsächlich ist die Studienlage dünn: Forscher gehen zwar aufgrund verschiedener Untersuchungen davon aus, dass gewisse Fettsenker sicher sind für Kinder. Ob ein Achtjähriger aber davon profitiert, die Arznei schon so früh und nicht erst mit 18 Jahren zu schlucken, ist unklar. Allein bei Erwachsenen steht seit Jahren fest: Statine können das Risiko herzkranker Patienten senken, einen Herzinfarkt zu erleiden und früh zu sterben.

Epidemie des Übergewichts

Statine greifen in den Fettstoffwechsel ein und senken den Cholesterinspiegel im Blut. Dadurch steigt die Anzahl der Zell-Rezeptoren für LDL-Cholesterin, das umgangssprachlich schlechtes Cholesterin genannt wird - es ist der Hauptverantwortliche für die Entstehung von Arteriosklerose. Die Zell-Rezeptoren sammeln den größten Teil des LDL-Cholesterins aus dem Blut, speichern es in Fettzellen und verringern somit das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

"Wir leiten unsere Empfehlungen von den Informationen ab, die wir zu Erwachsenen haben", sagt Nicolas Stettler, Mitglied des AAP-Komitees, das die Leitlinien veröffentlicht hat. Doch was für Erwachsene gelte, müsse bei Kindern noch lange nicht zutreffen, kritisieren die Gegner. Sie geben zu bedenken, dass es keine Langzeituntersuchungen dazu gebe, ob Statine Kindern nutzen oder schaden. "Wir befinden uns in einer Epidemie", entgegnet AAP-Mitglied Jatinder Bhatia in der "New York Times". "Das Risiko der Statin-Gabe in jungen Jahren ist kleiner als der Nutzen, den Kinder daraus ziehen können."

Auch Berthold Koletzko von der Universität München kann die Aufregung in den USA nicht verstehen: "Solche Empfehlungen gibt es in Deutschland von der Arbeitsgemeinschaft für pädiatrische Stoffwechselstörungen schon seit Jahren", sagt der Leiter der Abteilung für Stoffwechselstörungen und Ernährung am Haunerschen Kinderspital in München. Solche Leitlinien dienen Ärzten als Orientierung, sind jedoch nicht bindend. "Wenn es eine familiäre Belastung gibt oder gewisse Grenzwerte überschritten werden, sind Statine wahrscheinlich nützlich", meint Koletzko. Eltern, die selbst einen Herzinfarkt überlebt hätten und deren Kind erhöhte Cholesterinwerte habe, seien meist froh über jede Therapie, die ihrem Kind helfen könne.

Das AAP-Komitee rät ab einer LDL-Konzentration von über 190 Milligramm pro Deziliter Blut zu einer medikamentösen Therapie. Eingesetzt wird der Wirkstoff Pravastatin. "Das ist zwar nicht das wirksamste, aber das sicherste Medikament", erklärt Koletzko. Auch in Deutschland ist die Arznei für die Behandlung von Kindern zugelassen. Nebenwirkungen können Muskelschmerzen, Verdauungsstörungen und Infektionen sein. Im Jahr 2001 musste das Statin mit Handelsnamen Lipobay vom Markt genommen werden, nachdem über hundert Menschen gestorben waren, weil sie das Mittel geschluckt hatten. Neben Pravastatin ist in Deutschland noch ein weiteres Medikament für die Behandlung von erhöhten Cholesterinwerten bei Kindern im Handel: Ezetimib, eine Arznei, die die Ausscheidung des Cholesterins im Darm fördert.

Fettarme Milch für Kleinkinder

Die Kritiker in den USA sehen in den neuen Ratschlägen vor allem Vorteile für die Pharmaindustrie: In absehbarer Zukunft werde es aggressive Werbung für den Einsatz ihrer Produkte im Kindesalter geben, so die Befürchtung. Keiner der Autoren hat offenbar - wie sonst üblich in wissenschaftlichen Veröffentlichungen - finanzielle Verbindungen zu Statin-Herstellern ausgeschlossen.

Berthold Koletzko hingegen hält nicht nur die Therapieempfehlungen für richtig, er findet auch das frühe Screening ab zwei Jahren für sinnvoll: "In Deutschland werden die Cholesterinwerte erst bei 13-Jährigen untersucht, das ist viel zu spät", meint der Vorsitzende der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Sinnvoller wäre es, gefährdete Kinder schon im Vorschulalter herauszusieben, dann hätten wir sicher mehr Erfolg."

In den USA ist jedes dritte Kind zu dick oder sogar fettleibig, in Deutschland etwa jedes sechste. Kalorienreiche Ernährung und zu wenig Bewegung lassen die Blutfette ansteigen und erhöhen das Risiko für Arteriosklerose, Herzinfarkt, Diabetes. In der Theorie ist die Lösung dieses Problems ganz einfach: Weniger essen und Sport treiben. Doch in der Praxis achten viele Eltern zu wenig auf die Ernährung ihrer Kinder, lassen sie stundenlang vor dem Computer sitzen, anstatt mit ihnen nach draußen zu gehen. Familiäre Belastung und genetische Disposition machen hingegen nur einen kleinen Teil der Übergewichtigen aus.

An erster Stelle der Empfehlungen stehen daher noch immer körperliche Aktivität und gesunde Ernährung: Neu in den Leitlinien der AAP ist, dass die Experten raten, übergewichtigen Kindern aus Risikofamilien ab einem Alter von zwölf Monaten Magermilch zu geben. Früher galt das Fett aus Milch noch als essentiell für die Reifung des Gehirns, doch mittlerweile gebe es einen solchen Fettüberschuss in der übrigen Nahrung, dass man an dieser Stelle sparen könne.



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