US-Marine: Tarnkappen-Schiff zu verschenken

Die "Sea Shadow" ist die Mutter aller Tarnkappenschiffe - und könnte schon bald verschrottet werden. Die US-Marine will das futuristische Gefährt mitsamt seiner schwimmenden Montagehalle verschenken, doch niemand will es haben. Denn das Stealth-Schiff ist auch geschenkt noch teuer.

Als die F-117 "Nighthawk" als erstes modernes Stealth-Kampfflugzeug zum Erstflug abhob, dürfte man sich bei der Marine gefragt haben: Warum sollte die Tarnkappentechnik nicht auch auf See funktionieren? 1985, vier Jahre nach der Premiere der F-117, ließ die US-Regierung unter größter Geheimhaltung die "Sea Shadow" bauen. Das Schiff mit der Bezeichnung IX-529 führte jahrelang Tests durch, verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit und vor allem denen des Warschauer Pakts - denn das Tarnkappenschiff war ein Kind des Kalten Kriegs.

Erst 1993 lüftete die U.S. Navy das Geheimnis, präsentierte die "Sea Shadow" der Öffentlichkeit und sorgte für dicke Schlagzeilen. Doch inzwischen will die Marine nur noch eines: das Tarnkappenschiff loswerden. Bisher allerdings ohne Erfolg: Seit September 2006 versucht das Pentagon, die "Sea Shadow" zu verschenken. Haben will sie niemand. Bisher habe sich nur ein potentieller Interessent gemeldet, sagte Glen Clark dem "Wall Street Journal". Er ist bei der U.S. Navy für die Abschaffung von Schiffen zuständig. Doch zu einem Vertrag habe es bisher nicht gereicht.

Niemand will die "Sea Shadow" geschenkt haben

Dass das erste echte Tarnkappenschiff der Welt selbst als Geschenk keinen Abnehmer findet, mag zunächst überraschen. Denn die "Sea Shadow" ist einzigartig: Sie sieht aus wie ein schwimmender Stealth-Bomber und war das erste Schiff überhaupt, dass den Namen Tarnkappenschiff verdient hat. Die Tests mit dem rund 50 Meter langen Gefährt waren nach Angaben der damals Beteiligten äußerst erfolgreich: Schiffe und Flugzeuge sollen die "Sea Shadow" entweder überhaupt nicht oder nur selten entdeckt haben - und auch nur dann, wenn es im Ernstfall längst zu spät gewesen wäre.

Nicht umsonst wurden viele Details des experimentellen Schiffs zum Vorbild für spätere Modelle. Die glatten Flächen und kantigen Formen etwa finden sich an einer Reihe von modernen Kriegsschiffen wieder, von der schwedischen Visby- über die norwegische Skjold- bis hin zur französischen Lafayette-Klasse. Auch der "Swath"-Rumpf (Small Waterplane Area Twin Hull) der "Sea Shadow" setzte Maßstäbe: Er lässt das Schiff nicht nur sehr stabil im Wasser liegen, sondern verkleinert auch dessen Kielwasser.

Dennoch konnte die US-Marine die "Sea Shadow" bisher nicht loswerden. Das mag daran liegen, dass sie nur gemeinsam mit der "Hughes Mining Barge" abgegeben werden soll. Die ist nicht etwa ein geologisches Forschungsschiff, wie der Name vermuten lassen könnte, sondern eine Art versenkbarer Lastkahn - und gehörte zu einem filmreifen Projekt im Kalten Krieg.

Jagd nach sowjetischem Atom-U-Boot

Die Amerikaner entschlossen sich in den frühen siebziger Jahren, das 1968 gesunkene sowjetische Atom-U-Boot "K-129" bergen, um an die Atomraketen und andere geheime Technologie des Gegners zu kommen. Um das Unternehmen zu tarnen, bat die US-Regierung Howard Hughes um Hilfe - jenen berühmten Industriellen und Flugzeugpionier, der im Kinofilm "Aviator" von Leonardo DiCaprio verkörpert wurde. Schließlich wurde die "Hughes Glomar Explorer" gebaut - angeblich, um energiereiche Manganknollen am Meeresboden abzubauen.

Doch in Wahrheit sollte die "Glomar Explorer" mit einem riesigen Greifer das sowjetische U-Boot vom Meeresboden hieven. Die "Hughes Mining Barge" wurde benutzt, um den Greifer und anschließend "K-129" zu transportieren, ohne dass die Sowjets davon Wind bekamen. Nach dem Abschluss des Projekts mit dem Codenamen "Jennifer" wurde die "Hughes Mining Barge" eingemottet - um später als schwimmende Montagehalle für die "Sea Shadow" zu dienen, denn ihr Dach schützte das Tarnkappenschiff vor sowjetischen Spionagesatelliten.

Dass die US-Marine die Schiffe nur im Doppelpack abgeben will, hält Glen Clark sogar für einen Vorteil. "Wenn man die Straße entlangfährt, kann man die 'Sea Shadow' nicht sehen", sagte Clark. "Man muss erst Eintritt bezahlen. Außerdem wird so die Aura des Geheimen gewahrt." Andererseits könnte die unansehnliche Verhüllung auch bewirken, dass Autofahrer erst gar nicht auf die Idee kommen, anzuhalten.

"Geld verschlingendes Loch"

Der Hauptnachteil dürfte allerdings der große Aufwand sein, ein historisches Schiff zu betreiben - von zweien gar nicht zu reden. Schließlich will die Marine die beiden ausgemusterten Kähne nicht aus purer Großzügigkeit verschenken: Der neue Besitzer müsste für die Instandhaltung und - falls die Schiffe nicht genügend Besucher anziehen - für die Verschrottung zahlen. In ihrer Mitteilung über die Schenkung verlangt die Navy außerdem, dass der neue Besitzer sich verpflichtet, die "Sea Shadow" als Museumsschiff zu nutzen - und zwar "in einem Zustand, der für den Marine-Staatssekretär befriedigend ist".

Außerdem müssen die Bewerber nachweisen, dass sie die finanziellen, technischen und ökologischen Herausforderungen meistern können, die mit dem Betrieb eines Museumsschiffs verbunden sind. Selbst die amerikanische Historic Naval Ships Association, die es wissen muss, warnt auf ihrer Website vor "einem von Papierkram strotzenden, mit Genehmigungen verseuchten, Geld verschlingenden Loch".

Die Frist, der US-Marine die beiden Schiffe abzunehmen, endete eigentlich schon im vergangenen Dezember. Die Navy gab dem ausgedienten Tarnkappenschiff eine einjährige Gnadenfrist. Doch wenn sich bis Dezember dieses Jahres niemand meldet, dürfte die "Sea Shadow" endgültig auf dem Schrottplatz landen.

mbe

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