US-Militär Hightech-Kampfanzug aus der Geisterstadt

Mini-Computer am Gürtel, digitale Landkarte in der Schutzbrille und eine wirklich kugelsichere Weste: Mit einem Hightech-Kampfanzug sollen US-Soldaten künftig in den Krieg ziehen. Der Prototyp wird jetzt in einer Geisterstadt getestet.

Aus Natick berichtet Franziska Badenschier


Sergeant Josh Deveraux ist stämmig, der Tarnfleck-Anzug mit allerlei Technik und Schulterkappen macht ihn noch bulliger. Unbequem sieht das Ganze aus. Trotzdem sagt der US-Unteroffizier: "Ich habe mehr Bewegungsfreiheit als sonst. Dieser Anzug ist leistungsfähiger als der, den die Soldaten im Irak gerade haben." Deveraux steckt im neuesten US-Kampfanzug - ein Prototyp zwar, aber in drei bis fünf Jahren soll er an den Kriegsschauplätzen der Welt US-Soldaten das Leben retten.

Seit 2001 tüfteln Forscher und Ingenieure im Soldier System Center der US-Armee (SSC) in der Kleinstadt Natick nahe Boston an der neuen Uniform und den technischen Raffinessen. 150 Millionen US-Dollar hat die Army bislang investiert. Das Equipment wurde zwar schon getestet, aber immer nur in Teilen und von einzelnen Soldaten.

Nun steht in Fort Dix (US-Bundesstaat New Jersey) die erste richtige Bewährungsprobe bevor: 40 Soldaten werden den Anzug zwei Monate lang in Komplettausstattung testen und vor allem das neue digitale Netzwerk der Uniformen auf die Probe stellen. In der zweiten Hälfte werden sich die Probanden dafür - aufgeteilt in "US-Armee" und "Feind" - in der Geisterstadt von Fort Dix bekriegen.

"Der Anzug wird funktionieren", sagt Deveraux. Immerhin war er selbst einer der Berater, die dem Entwicklungsteam des Projekts "Future Force Warrior" gesagt haben, was an den derzeit genutzten Kampfanzügen verbessert werden muss und was noch fehlt.

Die absolut kugelsichere Weste

Eine bessere Rüstung zum Beispiel. Die neue kugelsichere Weste ist zehn Prozent größer, sie schützt nun auch die Seiten des Oberkörpers und die untere Bauchregion. "Diese Rüstung stoppt jedes Maschinengewehr-Feuer", sagt Jean-Louis DeGay, der Equipment-Spezialist des Teams. Ein Soldat könne durch den Aufprall der Geschosse zwar zu Boden gehen, die Munition berühre seine Haut jedoch nicht - wegen der Keramik, die in den Oberkörper-Panzer eingearbeitet ist.

Peilsender im Anzug und digitale Karten à la Google Earth sollen die Orientierung erleichtern und "friendly fire", den Beschuss durch eigene Truppen, verhindern: Auf einem briefmarkengroßen Bildschirm in der Schutzbrille sieht jeder Soldat seinen Standort und den der Kameraden auf den Meter genau - und feindliche Panzer. Kompass und Faltkarte sind passé. Mit der neusten Entwicklung sollen die Waffen sogar zusammenarbeiten: Macht ein Soldat ein feindliches Ziel aus, markiert er es mit einem Laser; per Computer-Netzwerk sehen dann auch die Kameraden, wohin der Soldat zielt.

Den dazugehörigen Computer trägt jeder Soldat bei sich. Vor ein paar Tagen noch schleppte Deveraux einen handelsüblichen Laptop in einem Rucksack mit sich herum. Nun hat der Computer nur noch die Größe und das Gewicht einer gut gefüllten Brotbüchse und hängt am Gürtel. Die Premiere ist beim gerade beginnenden ersten großen Feldversuch. Wie gut das System funktioniert, wird sich zeigen. "Wo Soldaten sind, geht auch was kaputt", meint Deveraux.

Anzug der Zukunft im simulierten Krieg

Ein Schwachpunkt des Hightech-Anzugs ist schon jetzt bekannt: die Kopfhörer. Die schwarzen Knöpfe, etwa so groß wie Ein-Euro-Münzen, brechen leicht, hat Deveraux festgestellt. Dabei preist Zubehör-Fachmann DeGay die Lautsprecher an: Sie werden ein paar Zentimeter hinter dem Ohr auf den Kopf gesetzt statt direkt in die Ohrmuschel, "denn so ist der Klang viel klarer, und der Soldat kann auch noch alles um sich herum hören".

Funktionieren die Kopfhörer aber nicht, bringt weder der beste Klang etwas, noch die Kommunikation per Computer-Netzwerk. Über das moderne Funksystem können sich mehr als nur zwei Soldaten unterhalten; zudem lassen sich damit die Landkarten aktualisieren und andere Daten in das Computernetzwerk eingegeben.

Die Technik und besonders die Batterien wiegen allerdings einiges. Schon heute schleppt etwa ein im Irak stationierter Soldat bis zu 50 Kilogramm Ausrüstung, Kleidung und Nahrung mit sich herum. Waffen exklusive. "Mehr geht nicht", sagt Deveraux. Also reduzierte das Natick-Team das Gewicht: Der Rucksack wurde in ein kleines Fahrzeug verfrachtet, der Kampfanzug selbst wiegt nur noch bis zu 33,6 Kilogramm, die Waffen werden aus leichterem Material gebaut.

Diskussionen um das beste Tarnfleckmuster

Wenn die Tests in Fort Dix überstanden und die letzten Probleme beseitigt sind, entscheidet Brigadegeneral Mark Brown, wann der neue Anzug aufs reale Schlachtfeld kommt. 2010 bis 2013 sei machbar, sagte der Programmgeneraldirektor des 150-Millionen-Dollar-Projekts zu SPIEGEL ONLINE. "Die neue kugelsichere Weste kann sicher schon früher ins Feld."

Die Army wird auch noch entscheiden müssen, welchem Tarnfleck-Muster sie den Zuschlag erteilt: In Natick gibt es derzeit Anzüge mit dem sogenannten "Multicam"-Aufdruck, der von manchen Experten schon abgeschrieben wurde, und Uniformen mit dem "Universal Camouflage Pattern", das derzeit im Irak und in Afghanistan eingesetzt wird. In Internet-Diskussionsforen hat sich zwischenzeitlich eine teils hitzig geführte Debatte um Vor- und Nachteile der beiden Tarnmuster entwickelt.

Derweil tüfteln Forscher am Institute for Soldier Nanotechnologies (ISN) des renommierten Massachusetts Institute of Technology schon an der übernächsten Kampfanzug-Generation: ein schwarzer, dünner Overall voller Nanotechnologie. Der Stoff soll wie ein Chamäleon seine Farbe ändern, antibakteriell wirken sowie biologische und chemische Waffen erkennen. Kohlenstoff-Nanoröhren sollen den Anzug schusssicher machen. Eingewebte Glasfasern könnten der Uniform ein "Umgebungsbewusstsein" verleihen. 2025 soll dieser Anzug fertig sein, doch derzeit sieht es in den ISN-Laboren noch ein wenig chaotisch aus: Von dem futuristischen Kriegs-Outfit sind bislang nur einzelne Stofffetzen zu sehen.



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