Von Ronald D. Gerste
1876 – für die Amerikaner hatte diese Zahlenfolge magischen Glanz. Denn es war kein Jahr wie jedes andere. Es sollte ein Jahr des Jubels und der nationalen Begeisterung sein, ein Jahr, in dem Amerika Rückblick halten wollte auf eine stürmische Geschichte, die nach eigenem Verständnis nichts anderes war als eine success story.
Genau 100 Jahre zuvor, am 4. Juli 1776, hatten in Philadelphia 13 Kolonien ihre Unabhängigkeit vom Mutterland England erklärt. Mittlerweile war fast der ganze Kontinent erschlossen und das Land auf dem Weg zu einer wirtschaftlichen, später auch politischen Großmacht. Die zuversichtlichen Amerikaner konnten nicht ahnen, dass "1876" weniger als runder Geburtstag in Erinnerung bleiben würde, sondern mehr als ein finsteres Menetekel: Die Präsidentschaftswahl in jenem November stürzte die Nation, kaum dass die letzten Salutschüsse verklungen waren, in eine tiefe konstitutionelle Krise. Denn Amerikas Demokratie erlebte eine skandalöse Wahl, Vorwürfe von Betrug und Fälschung erschütterten den Glauben an sein demokratisches System – noch weit schlimmer als nach der Wahl von 2000 mit dem Zähldebakel von Florida und dem "Sieg" des nach absoluten Wählerstimmen nur zweitplatzierten George W. Bush.
Dabei sah alles so gut aus. Die Republik, conceived in liberty, wie es Lincoln in seiner "Gettysburg Address" formuliert hatte, war gestärkt aus dem grausamen Bruderkrieg von 1861 bis 1865 hervorgegangen. Die Symbole des Fortschritts – der Telegrafendraht und die transkontinentale Eisenbahn, 1869 mit dem Einschlagen eines goldenen Nagels vollendet – zogen sich quer durch den Kontinent und versprachen eine grandiose Zukunft.
Hauptschauplatz der 100-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten war jene Stadt, in der die Unabhängigkeitserklärung und später die Verfassung, die Constitution, unterschrieben worden waren: Philadelphia. Die "Centennial Exhibition" dauert sechs Monate und wurde zu einem unvergleichlichen Publikumsmagneten. Bis sich ihre Tore im November 1876 schlossen, war die Ausstellung von 8.804.631 Menschen besucht worden – etwa ein Fünftel der amerikanischen Bevölkerung hatte sich auf den Weg nach Philadelphia gemacht!
Zu bestaunen waren dort historische Artefakte wie die künstlichen Zähne George Washingtons, die ihm indes nie Erleichterung verschafft hatten, oder jene Druckerpresse, mit der Benjamin Franklin einst seine Karriere als Publizist begonnen hatte. Vor allem aber gab es Exponate, die den Weg in die Zukunft aufzeigten: Lokomotiven von ungeahnter Zugkraft, künstliche Beleuchtung (mit Gas) in seltener Pracht und allerlei imposante Maschinen. Um das Ausstellungsgelände herum war ein ganzer Stadtteil voller Annehmlichkeiten für die aus allen Teilen des Landes anreisenden Besucher entstanden, mit Gasthäusern, Popcornständen und Biergärten, in denen Zigarrenmädchen mit Bauchläden ihre Produkte aus Kuba und Virginia dem vom endlosen Wandeln über das Gelände erschöpften Gentleman anboten.
Eröffnet wurde das Jahrhundertereignis am 10. Mai 1876, einem ungewöhnlich heißen Tag. Über 187.000 Menschen waren gekommen, um Präsident Ulysses S. Grant zu hören. Er sah verdrießlich aus, und seine rhetorisch schwache Rede spiegelte seine schlechte Stimmung wider. Die acht Jahre seiner Präsidentschaft waren von Skandalen bestimmt. An eine damals noch mögliche Wiederwahl für eine dritte Amtszeit mochte selbst der Exgeneral und Freund eines kräftigen Tropfens nicht mehr recht glauben. Seine republikanischen Parteifreunde hatten ihn schon lange abgeschrieben.
Doch ein markanter Nachfolger war nicht in Sicht. Sowohl die Demokraten als auch die Republikaner nominierten Männer mit wenig Charisma und Fähigkeit, andere zu begeistern. Dabei waren zumindest Grants Parteifreunde zunächst recht hoffnungsfroh. Als sich der Präsident im Frühjahr 1876 nach Philadelphia aufmachte, um die Centennial Exhibition zu eröffnen, favorisierten sie den Kongressabgeordneten James G. Blaine. In einer Zeit grauer, scheinbar austauschbarer Politikerfiguren war er eine leuchtende Erscheinung, ein kultivierter Liebhaber der Oper, mit starker persönlicher Ausstrahlung, beeindruckendem rhetorischem Geschick und einem geradezu phänomenalen Gedächtnis.
Aber auch ein derart begnadeter Politiker konnte in jenen Jahren offenbar nicht von blütenweißem Charakter sein. Plötzlich berichteten die Zeitungen, Blaine sei in eigenartige Spekulationen mit Eisenbahnaktien verwickelt und habe vom Präsidenten der Union Pacific Railroad ein "Darlehen" von 64.000 Dollar angenommen. Blaine setzten diese Anschuldigungen zu, und nur drei Tage vor Beginn der republikanischen convention, des Wahlparteitags, die nach allen Erwartungen eine Stätte seines Triumphs hätte werden sollen, brach Blaine auf einem Spaziergang durch Washington zusammen und konnte vom Krankenbett gegenüber Besuchern nur etwas von einem "politischen Mordanschlag" murmeln.
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