US-Studie Neue Mini-Atomwaffen können Millionen töten

Mit kleinformatigen Atomwaffen will das US-Militär künftig auch tief gelegene Bunker zerstören und angeblich große Opferzahlen unter Zivilisten vermeiden. Doch eine Studie, finanziert ausgerechnet vom Pentagon, prophezeit bei einem solchen Angriff bis zu einer Million Toten.


Nukleare Explosion: Auch kleinformatige Bomben könnten Hunderttausende töten
AP

Nukleare Explosion: Auch kleinformatige Bomben könnten Hunderttausende töten

Die neuen Waffen schlugen schon wie die sprichwörtliche Bombe ein, als sie nur auf dem Papier existierten: Kleine Atomwaffen, sogenannte "Mini-Nukes", standen im Zentrum der Militärdoktrin der amerikanischen Neokonservativen. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wollte taktische Nuklearwaffen entwickeln lassen, die sich tief in die Erde bohren und unterirdische Bunkeranlagen künftiger Feinde vernichten können.

Insbesondere das Attribut "einsetzbar" brachte Kritiker in Wallung: Atomwaffen sollten Rumsfelds Plänen zufolge nicht länger nur der Abschreckung dienen, sondern dank kleiner Sprengsätze zu einer realen Option in Krisen und Konflikten werden. Die Gegner der Pläne sahen darin nicht weniger als eine Gefahr für den Weltfrieden und einen potentiellen Auslöser eines neuen Wettrüstens.

Doch eine Studie des Nationalen Forschungsrats in den USA kommt jetzt zu dem Schluss, dass die geplanten Waffen weit weniger einsetzbar sind, als Rumsfeld und die Falken in der US-Regierung glauben machen wollen. Besonders pikant: Die Studie wurde nicht von linksliberalen Kriegsgegnern, sondern von der Threat Reduction Agency des US-Verteidigungsministeriums in Auftrag gegeben.

In ihrer Untersuchung kommen die Experten zu dem Schluss, dass Nuklearwaffen, die sich tief in die Erde bohren, zur Zerstörung unterirdischer Bunker tatsächlich weniger Sprengkraft benötigen als an der Oberfläche explodierende Gefechtsköpfe. Allerdings könnten die sogenannten "Bunker Buster" keinesfalls tief genug in den Erdboden eindringen, um massive Verluste unter der Zivilbevölkerung zu verhindern.

Pentagonchef Rumsfeld: Hartnäckiger Befürworter "einsetzbarer" Atomwaffen
AFP

Pentagonchef Rumsfeld: Hartnäckiger Befürworter "einsetzbarer" Atomwaffen

"Die Verwendung einer solchen Waffe zur Zerstörung eines 250 Meter tiefen Bunkers - die typische Tiefe der meisten unterirdischen Anlagen - könnte eine katastrophal große Zahl von Menschen töten", sagte John Ahearne, Vorsitzender des Expertenkomitees.

Sogenannte Erdpenetratoren benötigen im besten Fall nur vier Prozent der Sprengkraft einer normalen Atomwaffe, um das gleiche unterirdische Ziel zu zerstören - und könnten 90 Prozent weniger Menschen töten, heißt es in der Studie. Allerdings würde eine nukleare Explosion in einer dicht bevölkerten Gegend immer zu großen Opferzahlen führen. Schlimmstenfalls sei mit bis zu einer Million Toten zu rechnen.

Denn seine größte Zerstörungskraft erreiche ein "Bunker Buster" in einer Tiefe von nur drei Metern. Um darüber hinaus effektiv zu sein, steige der Bedarf an Energie steil an. So würde eine Bombe mit einer Sprengkraft von 300 Kilotonnen TNT zwar einen 200 Meter tief gelegenen Bunker zerstören können, so der Report. Liege die Anlage aber 300 Meter tief, sei schon eine Brisanz von einer Megatonne nötig. Zum Vergleich: Die Hiroshima-Bombe, die 1945 rund 100.000 Menschen tötete, hatte eine Sprengkraft von lediglich 15 Kilotonnen TNT.

Die Untersuchung könnte ein weiterer schwerer Schlag gegen die Pläne des Pentagons sein, nukleare Bunkerknacker entwickeln zu lassen. Im November 2004 hatte der US-Kongress bereits entsprechende Mittel gestrichen und der Regierung von Präsident George W. Bush damit eine empfindliche Niederlage beigebracht.

Pentagon-Chef Rumsfeld verfolgt seine Pläne jedoch weiter. Mit einem abgespeckten Budget will er die technische Machbarkeit der Mini-Nukes prüfen lassen. Für das Haushaltsjahr 2006 hat er 8,5 Millionen Dollar beantragt, für 2007 weitere 14 Millionen Dollar.

Markus Becker



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