US-Studien Beschneidung kann Aids-Risiko bei Männern leicht mindern

Zwei US-Studien zur Aids-Verhütung wurden aus ethischen Gründen abgebrochen: Zu eindeutig war das Ergebnis, dass die Beschneidung beim Mann das Infektionsrisiko senkt. Doch Aids-Experten geben keinesfalls Entwarnung - zumal Beschneidung bei mangelnder Hygiene hochgefährlich ist.


In den Städten Kisumu in Kenia und Rakai in Uganda werden in den kommenden Wochen Hunderte von jungen Männern ihre Vorhaut verlieren - und sie werden froh darüber sein, versprechen sie sich von dem Schnitt im Schritt doch ein geringeres Aids-Risiko. Die insgesamt rund 7800 Männer hatten einer Studie der US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) teilgenommen, die eigentlich noch bis Mitte 2007 laufen sollte.

Beschneidung eines Jugendlichen: Gefahr bei mangelnder Hygiene
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Beschneidung eines Jugendlichen: Gefahr bei mangelnder Hygiene

Doch ethische Bedenken stoppten das Experiment mit dem einfachen Aufbau: Seit zwei Jahren wurden die Probanden auf Infektionen mit dem HI-Virus untersucht und mussten Angaben über ihre Risikoverhalten - Geschlechtspartner, Art des Verkehrs, Drogenkonsum etc. - machen. Die eine Hälfte der Teilnehmer war beschnitten, die andere nicht. In beiden Dörfern steckten sich während dieser Zeit jeweils 22 beschnittene Probanden mit HIV an. Bei den Männern, die ihre Vorhaut noch besaßen, waren es 47 (Kenia) und 43 (Uganda) - der Faktor Beschneidung senkt das Ansteckungsrisiko offenbar um rund 50 Prozent.

Bei den Zahlen, die am gestrigen Mittwoch in Washington vorgestellt wurden, handelt es sich bloß um das Ergebnis einer vorläufigen Analyse nach dem Abbruch. Die Publikation in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift steht noch erst bevor. Doch das Ergebnis war bereits zu eindeutig, um die Beobachtung noch ein weiteres halbes Jahr fortzuführen. Stattdessen boten die Wissenschaftler allen unbeschnittenen Teilnehmern eine kostenlose Zirkumzision an.

80 Prozent der bislang nicht beschnittenen ugandischen Probanden haben dieses Angebot schon angenommen, sagte Ronald Gray von der Johns Hopkins University in Baltimore. Derweil feiert die staatliche US-Gesundheitsbehörde den Befund aus der abgebrochenen Untersuchung: "Beschneidung beim Mann kann sowohl das Infektionsrisiko des Einzelnen vermindern, als auch hoffentlich die Verbreitung von HIV in der Gesellschaft verlangsamen", sagte Anthony Fauci, Aids-Experte des National Institute of Allergy and Infectious Diseases, einer Abteilung der NIH.

Wirklich ein "Meilenstein"?

Auch der Direktor der Aids-Abteilung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Kevin De Cock, sprach diplomatisch vom "Potential", in der Zukunft "Zehntausende, Hundertausende oder vielleicht Millionen von Infektionen zu verhindern". Weltweit sind rund 40 Millionen Menschen mit HIV infiziert, darüber hinaus sind bislang schon 25 Millionen an Aids gestorben. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen infizieren sich in Afrika südlich der Sahara im Jahr rund 2,6 Millionen Menschen neu. Angesichts der NIH-Studie sprach die US-Hilfsorganisation Aids Vaccine Advocacy Coalition (AVAC) gar von einem "Meilenstein in der Geschichte der Aids-Epidemie". Paul Zeitz von der Global AIDS Alliance verstieg sich zu der Aussage: "Das sind enorme Neuigkeiten, könnte Millionen Männern helfen und gleichzeitig das Risiko mindern, dem sich Millionen Frauen gegenüber sehen." Diese Reaktionen verwundern bei nüchterner Betrachtung eher.

Der große Wiederhall, den die Studie in den USA auslöste, ist wohl auch damit zu erklären, dass die US-Regierung im In- und Ausland statt für Kondome für Enthaltsamkeit oder Treue als Verhütungsmethoden werben lässt. Anti-Aids-Projekte, die in Afrika Verhüterlis verteilten, mussten um staatliche Fördergelder bangen. Forscher scheuen sich, das Wort Kondom auch nur in Forschungsanträge zu schreiben. Da scheint die NIH-Studie gerade recht zu kommen.

Ihr Ergebnis ist indes gar keine Neuigkeit: Im Jahr 2005 berichteten französische Forscher von einer Untersuchung mit 3000 Teilnehmern in Südafrika, bei der die fehlende Vorhaut sogar für ein 60 Prozent geringeres HIV-Risiko verantwortlich zu sein schien. Die Hypothese stammt tatsächlich schon aus den achtziger Jahren. Damals hatten Forscher im Vergleich afrikanischer und asiatischer Regionen unterschiedliche Raten der HIV-Ausbreitung bemerkt. In Gegenden mit traditioneller männlicher Beschneidung - etwa aus religiösen Gründen - schien sich das Virus langsamer auszubreiten. Mehrere Pilotstudien mit geringerer Teilnehmerzahl stützten diese Vermutung.

Für Mediziner ist der Zusammenhang wenig überraschend: Denn die Vorhaut hat ein sehr dünnes Deckgewebe, das beim Geschlechtsverkehr verletzt werden kann. Die mikroskopischen Risse oder Schnitte können dem HI-Virus dann den Eintritt in den Blutkreislauf erleichtern. Einige Forscher vermuten auch, dass sich das HI-Virus an sogenannte Langerhans-Zellen anbinden kann, die in großer Zahl in der Vorhaut vorkommen. Männer ohne Vorhaut - und mit stets offen liegender Eichel - bieten dem Virus da offenbar weniger Angriffsfläche.

Als "Ergänzung, nicht als Ersatz" sehen

Die auf den ersten Blick beeindruckende Risiko-Minderung von rund 50 Prozent beschränkt sich indes auf heterosexuellen Geschlechtsverkehr. Und da bietet jedes Präservativ ein deutlich größere Sicherheits-Plus. Bei passivem Analverkehr sei das Risiko ebenso unvermindert hoch wie bei der gemeinschaftlichen Benutzung von Injektionsspritzen, beeilte sich Fauci zu sagen. Überhaupt, auch das halbierte Risiko ist immer noch ein großes. Die Debatte um Schutz- und Verhütungsmittel kennt ganz andere Größenordnungen.

"Es ist sicherlich kein Wundermittel, aber eine wichtige Möglichkeit" des Schutzes, erklärte Kevin Cock von der Weltgesundheitsorganisation. Und NIH-Forscher Fauci musste einräumen: Beschneidung ist für sich genommen kein Schutz und "muss als Ergänzung zu, nicht als Ersatz für andere Methoden der HIV-Vorbeugung" betrachtet werden. Schon ein wenig Schlendrian bei der Kondom-Nutzung oder ein leichter Anstieg der Zahl der Sexualpartner könnte die Risikominderung durch Beschneidung wieder nivellieren, sagte Fauci.

Die WHO will Anfang kommenden Jahres eine Konferenz zur Diskussion der Studienergebnisse einberufen, auf der dann auch darüber beraten werden soll, ob und falls ja wie die Empfehlungen in praktische Politik umgesetzt werden können. Aids-Forscher De Cock warnte aber schon einmal: Gesundheitsexperten könnten in Teilen Afrikas auf große soziale Vorbehalte stoßen, wenn sie dort die Beschneidung von Männern als Teil von Anti-Aids-Kampagnen anpreisen würden.

Ungefährlich ist die Entfernung der Vorhaut nur dann, wenn sie in sterilen Bedingungen und von ausgebildeten Fachkräften vorgenommen wird. Bernar Auvert von der französischen Agence Nationale de Recherches sur le Sida (ANRS) warnte bereits davor, die Beschneidung auch in Ländern ohne ausreichende medizinische Versorgung zu propagieren. Wenn es die nicht gebe, würden Männer zu traditionellen Beschneidern gehen und damit Gefahr laufen, dass es "Komplikationen gibt - einschließlich Tod oder permanenter genitaler Schädigung", sagt er. "Es wäre ein Alptraum."

stx/AFP/AP/rtr

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