US-Suizidstudie Waffen im Haus erhöhen Selbstmordrate

In einer US-weiten Studie haben Harvard-Forscher den Einfluss von Schusswaffenbesitz auf die Zahl der Selbstmorde untersucht. Das Ergebnis ist eindeutig: Je mehr Waffen verfügbar sind, desto mehr Menschen nehmen sich das Leben - unabhängig von der Suizidart.


Matthew Millers Forschungsergebnisse dürften der mächtigen Waffenlobby in den USA nicht gefallen. "Wir haben festgestellt, dass dort, wo es mehr Waffen gibt, auch mehr Selbstmorde begangen werden." Miller und seine Kollegen von der Harvard School of Public Health haben nach eigenen Angaben erstmals in den USA in einer repräsentativen Studie den Zusammenhang von Schusswaffenbesitz und Suizidrate für jeden einzelnen Bundesstaat untersucht.

Waffengeschäft: Zahl der Suizide hängt mit dem Privatbesitz von Waffen zusammen
AFP

Waffengeschäft: Zahl der Suizide hängt mit dem Privatbesitz von Waffen zusammen

Selbstmorde gehören zu den 15 häufigsten Todesursachen in den Vereinigten Staaten. In der Altersgruppe bis 45 Jahre sind Suizide sogar unter den Top 3 der Todesursachen. Im Jahr 2004 wurde mehr als die Hälfte der landesweit 32.439 Selbstmorde mit einer Waffe begangen.

Miller und seine Kollegen berücksichtigten in ihre Studie nicht nur den Besitz von Waffen und die Selbstmordstatistiken, sondern auch Faktoren wie Armut, Arbeitslosigkeit, Drogenmissbrauch und psychische Erkrankungen. Bundesstaaten, in denen mehr Waffen in Privatbesitz seien, hätten bei Kindern, Männern und Frauen auch höhere Selbstmordraten, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "The Journal of Trauma" (Bd. 62, S. 1029-1035).

In den 15 US-Bundesstaaten mit den höchsten Waffenbesitzquoten hätten sich doppelt so viele Menschen umgebracht wie in den sechs Staaten mit der geringsten Waffenquote. Die höhere Selbstmordrate hänge allein mit der Nutzung von Waffen zusammen, berichten die Forscher. Es gebe keinen Zusammenhang von Waffenbesitz und übrigen Suizidarten, betonen sie.

Fast jeder Versuch endet tödlich

Miller verweist auch auf die tödliche Effizienz von Waffen als Mittel zum Selbstmord: In 90 Prozent der Fälle führe ein Selbstmordversuch damit tatsächlich zum Tod. Medikamentenmissbrauch, immerhin in 75 Prozent aller Suizidversuche angewandt, ende hingegen nur in drei Prozent aller Fälle tödlich. Die weitaus gefährlicheren Schusswaffen kommen in fünf Prozent aller Selbstmordversuche in den USA zum Einsatz.

"Waffen aus Häusern wegzunehmen, ist eine der effektivsten und direktesten Schritte für Privathaushalte, um das Suizidrisiko zu senken", sagte Miller. Dies schütze vor allem Heranwachsende und impulsiv reagierende Menschen. Generell müssten Waffen sicher verschlossen sein, und die Munition müsse getrennt davon gelagert werden. "Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen durch Selbstmord sterben, sinkt, wenn es keine Waffen im Haus gibt", erklärte der Forscher.

Gegenmaßnahme: Waffenbesitz beschränken

Millers Studie deckt sich mit Erkenntnissen Schweizer Forscher, die 2006 festgestellt hatten, dass der der Zugang zu Schusswaffen einen direkten Einfluss auf die Häufigkeit von Suiziden mit Schusswaffen hat. Staaten mit einem besonders liberalen Waffenrecht wie die USA und die Schweiz stünden in den Selbstmordstatistiken weltweit ganz oben, berichteten Vladeta Ajdacic-Gross und seine Kollegen von der Universität Zürich im "American Journal of Public Health". In Ländern, welche die Verfügbarkeit von Schusswaffen in den vergangenen zwei Jahrzehnten eingeschränkt hätten, sei die Zahl der Selbstmorde mit Schusswaffen nachweisbar gesunken.

In Kanada sei der Waffenbesitz von 31 auf 19 Prozent zurückgegangen, in Australien von 20 auf 10 Prozent sowie in England und Wales von 5 auf 3 Prozent. Die Suizide mit Schusswaffen in diesen Ländern hätten proportional dazu abgenommen: in Kanada von 32 auf 19 Prozent, in Australien von 30 auf 19 Prozent, in England und Wales von 4,5 auf 3 Prozent. In der Schweiz, so fanden die Forscher heraus, stieg die Zahl der Suizide mit Waffen in den vergangenen zwei Jahrzehnten hingegen von 23 auf 27 Prozent.

hda



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