Wrack vor San Francisco Das Mysterium der USS "Conestoga" ist gelöst

Vor 95 Jahren verschwand der Schlepper USS "Conestoga" spurlos im Pazifischen Ozean. Jetzt haben Forscher das Wrack des Militärschiffs entdeckt - an einer ganz anderen Stelle als erwartet.

NOAA ONMS/ Teledyne SeaBotix

Am 25. März 1921 löste die Besatzung der USS "Conestoga" die Leinen im Hafen von Mare Island etwa 50 Kilometer von San Francisco entfernt. Es war das letzte Mal, dass die 56 Seeleute gesehen wurden. Trotz einer der größten Suchen der Geschichte blieb das Verschwinden des Kriegsschiffes fast ein Jahrhundert lang ungeklärt. Jetzt haben Forscher das Rätsel gelöst.

Demnach verlor die Crew nur einen Tag, nachdem sie den Hafen verlassen hatte, die Kontrolle über ihr Schiff. Das Wrack liege vor der Küste von San Francisco, nur knapp fünf Kilometer von den Farallon-Inseln, gaben U.S. Navy und Experten der National Oceanic and Atmospheric Administration NOAA heute bekannt.

Die "Conestoga" wurde bereits 1903 gebaut, damals allerdings noch im Auftrag der Eisenbahngesellschaft von Philadelphia und Reading. 1917 kaufte die U.S. Navy den Schlepper, nachdem die USA in den Ersten Weltkrieg eingetreten waren. Die Kriegszeit überstanden Schiff und Besatzung. Erst drei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs begab sich die "Conestoga" auf ihre letzte Fahrt.

Das Ziel war Amerikanisch-Samoa, ein Inselstaat in den Weiten des Pazifiks zwischen Amerika und Australien. Nachdem die U.S. Navy nichts mehr von dem Schiff hörte, startete sie Mitte Mai 1921 eine bis dahin beispiellose Suchaktion aus der Luft und im Meer. Experten vermuteten das Schiff damals in der Nähe von Hawaii oder vor der Küste Kaliforniens, so weit war der Schlepper allerdings nie gekommen.

2009: Erste Hinweise auf Sonaraufnahmen

Auch die Experten der NOAA rechneten anfangs nicht damit, das Wrack der "Conestoga" vor sich zu haben. Bereits 2009 hatten sie auf Sonaraufnahmen ein Objekt bei den Farallon-Inseln entdeckt, das einem Schiffswrack ähnelte. Weitere Untersuchungen bestätigten 2014 den Verdacht. Allerdings bereitete die Herkunft erst einmal Rätsel. Das Wrack passte zu keinem der Schiffe, die im Schutzgebiet rund um die Farallon-Inseln als verschollen galten.

Erst ein Unterwasserfahrzeug zeigte bei Tauchgängen, was die Unterwasserarchäologen am Meeresgrund aufgespürt hatten: Einen rund 50 Meter langen, stählernen, durch Dampf betriebenen, seetüchtigen Schlepper. Ein Abgleich mit historischen Daten und eine noch detailliertere Analyse des Wracks beseitigten schließlich die letzten Zweifel. Die Forscher hatten die "Conestoga" gefunden. Anhand der Spuren am Wrack rekonstruierten sie anschließend, was sich in den letzten Stunden im Leben der Besatzung ereignet hatte.

Schon als der Schlepper am Morgen des 25. März auslief, kämpfte er gegen schweren Seegang an. Am Nachmittag fegte ein Sturm mit 60 km/h schnellen Böen über das Meer und türmte das Wasser zu hohen Wellen auf. So kam es wahrscheinlich, dass der Schlepper bereits kurz nach dem Verlassen der Bucht von San Francisco in Schwierigkeiten geriet.

Das geschleppte Boot riss ab

Spuren an der Winde ließen darauf schließen, dass sich das Begleitboot des Schleppers, mutmaßlich ein Lastkahn, losriss, schreibt die NOAA in einer Mitteilung. Wahrscheinlich habe es ein Problem mit der Abschleppleine gegeben. Den Untergang der "Conestoga" erklärt das jedoch noch nicht. Das Wrack zeigt, dass die Besatzung noch Zeit hatte, die gebrochene Leine zu sichern und sich auf eine Weiterfahrt vorzubereiten.

Die schon etwas in die Jahre gekommene "Conestoga" hatte schon vor der Reise den Ruf eines "nassen Gefährts", in das häufig Wasser eindrang. Überspült von Wellen habe die Besatzung offenbar versucht, den Windschatten der Farallon-Inseln zu erreichen, so die NOAA. Der Schlepper hatte eine Nord/Nordwest-Richtung eingeschlagen, er steuerte direkt auf die Inseln zu.

Das Manöver zeugt von der Verzweiflung der Besatzung. Die Anfahrt auf die Inseln gilt als schwierig, in dem Gewässer liegen fünf Schiffe aus der Zeit von 1858 bis 1907 auf Grund. Das wusste auch die Besatzung, für sie war der Weg wahrscheinlich der letzte Ausweg. Doch auch er konnte die Menschen nicht retten. Das Schiff nahm seine 56 Crewmitglieder mit auf den Boden des Meeres. Dort werden sie auch jetzt bleiben. Die "Conestoga" gilt nun als Militärgrab.

irb



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.